Kampf um Rohstoffe Waffen, Öl, dreckige Deals - wie China den Westen aus Afrika drängt

Chinas boomende Wirtschaft lechzt nach Rohstoffen aus Afrika. Öl-Deals mit Despoten, Schuldenerlass für Schurkenstaaten, Waffen für Islamisten: Peking mischt mit seiner neuen Afrika-Politik das geostrategische Machtgefüge auf. Die USA und Europa zürnen - sie sehen eigene Geschäfte gefährdet.

Von


Hamburg - Als der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki kürzlich in Kapstadt Studenten zum politischen Gespräch traf, wählte er ungewöhnlich deutliche Worte. Thema: China, Afrikas neuer Freund. Angesichts von Chinas übermächtiger Wirtschaftskraft sei die Gefahr groß, dass Afrika quasi zu dessen Kolonie werde, warnte Mbeki. Bisher diene man dem Partner vor allem als eines: als Lieferant von Ressourcen wie Erdöl, Metallen und Kaffee. Afrika, das Rohstofflager der Volksrepublik. Mbeki: "Dadurch ist Afrika zur Unterentwicklung verdammt. Es besteht die Gefahr, dass zu China eine Beziehung aufgebaut wird, die koloniale Abhängigkeiten wiederholt."

Chinas Präsident Hu in Nigeria: Hilfe für Afrika bis 2009 verdoppeln
REUTERS

Chinas Präsident Hu in Nigeria: Hilfe für Afrika bis 2009 verdoppeln

Was Mbeki da anspricht, ist eine weltpolitisch so heiße wie heikle Frage: Afrikas Position im geostrategischen Machtgefüge ändert sich - weil das rohstoffhungrige China den Kontinent entdeckt hat und die dortigen Machthaber in einer Weise für sich einnimmt, dass der Westen ins Hintertreffen zu geraten droht. Eine Herausforderung, die auch Bundespräsident Horst Köhler immer wieder beschwört: Bei seiner Afrika-Reise wies er am Wochenende auf den wachsenden Einfluss Chinas in Afrika hin.

Chinas enormes Wirtschaftswachstum, 2006 nach Berechnungen der nationalen Planungsbehörde über zehn Prozent, fordert Rohstoffe: Kupfer aus Sambia, Mangan aus Gabun, Holz aus dem Kongo, von überall her Erdöl. Und die Chinesen gehen äußerst charmant ans Werk. "Jede Beziehung zwischen uns und einem afrikanischen Staat ist eine Freundschaft zwischen Partnern auf gleicher Augenhöhe" - so beschreibt ein Ministerialbeamter aus Peking die Haltung seines Landes. Zwar spricht der Südafrikaner Mbeki trotzdem von "ungleichen Beziehungen". Aber damit steht er weitgehend allein. Die meisten Staatschefs in Afrika sind hoch erfreut über die Avancen: Für viele hat sich China inzwischen zum wichtigsten Partner entwickelt, wirtschaftlich wie politisch.

Korruption? Kein Problem, Kredit wird gern gewährt

China, im Weltvergleich das Land mit dem zweitgrößten Ölverbrauch hinter den USA, bezieht inzwischen rund ein Drittel seines Bedarfs aus Afrika. Tendenz steigend. Angola ist der wichtigste Lieferant auf dem Kontinent: Es exportiert mehr Öl nach China als Saudi-Arabien.

Der Deal mit Angola ist ein Musterbeispiel dafür, dass die Chinesen in ihrem Rohstoffhunger inzwischen weitgehend bedenkenlos Allianzen eingehen. Angola gilt als eines der korruptesten Länder des Kontinents; ein Kredit des Internationalen Währungsfonds (IWF) scheiterte daran, dass die Regierung in der Hauptstadt Luanda sich weigerte, Auflagen zu erfüllen. Sie sollte nach dem Willen des IWF ihre Regierungsgeschäfte transparenter und berechenbarer gestalten. Stattdessen sprang China ein - ohne Bedingungen.

Wie sehr sich China mittlerweile in Afrika engagiert, wurde spätestens im November deutlich, als rund 3000 hochrangige afrikanische Gäste zum China-Afrika-Gipfel in Peking eintrafen, darunter mehr als 40 Staats- und Regierungschefs. Häuserwandgroße Plakate begrüßten sie: "Afrika - Kontinent der Mythen und Wunder". Vize-Außenminister Zhai Jun erklärte den Besuchern, dass sich das Handelsvolumen beider Seiten seit dem Jahr 2000 auf 50 Milliarden Dollar jährlich verfünffacht habe. Bis 2010 solle es auf 100 Milliarden steigen.

Bald seien 1000 chinesische Unternehmen in Afrika aktiv. Peking habe mehr als sechs Milliarden Euro investiert, in insgesamt mehr als 900 Projekte. Die Gäste vernahmen es mit Wohlwollen.

Schuldenerlass für Schurkenstaaten, Dollars für Despoten

Seit dem Gipfel hat China seinen Freunden weitere Milliardengeschenke gemacht. Außenminister Li Zhaoxing versprach während seiner Afrikareise in der vergangenen Woche Äquatorialguinea - Schurkenstaat und Ölparadies zugleich - einen Erlass von 75 Millionen Dollar Schulden. Pastor Micha Ondo Bile, Außenminister des Mini-Staates, lobte daraufhin die "außerordentlich guten Beziehungen" zu China.

Und Simbabwe, vom alten, starrsinnigen Despoten Robert Mugabe in den Ruin gewirtschaftet, soll angeblich "in Kürze" einen Zwei-Milliarden-Dollar-Kredit aus Peking erhalten. Die Finanzspritze solle die angeschlagene Wirtschaft des Landes stützen und die Inflation bekämpfen, zitierte die Zeitung "Herald" aus Harare Simbabwes Botschafter in China, Chris Mutsvangwa. Offiziell hat Chinas Außenministerium diesen Deal zunächst dementiert.

Mit dem Tschad schloss China jetzt Geschäfte über 80 Millionen Dollar ab. Guinea-Bissau erhielt 60 Millionen Dollar Kredit für Landwirtschaftsprojekte. Benin wurden 30 Millionen Schulden erlassen, der Zentralafrikanischen Republik elf Millionen Dollar. Nach Angaben der chinesischen Nachrichtenagentur Xinhua spendete Peking der kleinen Republik Kongo außerdem "Büromaterial im Wert von 64.000 Dollar".

In Afrikas Machtzentren ist man froh über Partner, die beim Geschäftemachen nicht viel über Demokratie und Menschenrechte sprechen - und noch "innere Angelegenheiten" respektieren, wenn man außenpolitisch zusammenkommt. Die Warnung des Südafrikaners Mbeki lässt sich eben auch so lesen: Afrikanische Staaten, die unterentwickelt sind, werden durch die Kooperation mit China nicht aus ihrem Elend herauskommen - weil gar nicht die breite Masse der Bevölkerung von den Deals profitiert. Sondern höchstens die korrupte Elite der Potentaten.

Für die islamistische Regierung des ölreichen Sudan hat China sogar im Weltsicherheitsrat eine Beschützerrolle übernommen - gemeinsam mit Russland. Nicht nur, dass China in den geschundenen ostafrikanischen Riesenstaat Waffen liefert. Als sich die westliche Welt über das Massensterben in der bürgerkriegszerschlissenen Provinz Darfur empörte und die islamistischen Machthaber zu Mäßigung im Kampf gegen die nicht-arabische Bevölkerung in der Region auffordern wollte, stellte sich China im Schulterschluss mit Russland zunächst mehrfach gegen eine harte Uno-Resolution.

"Ziemlich üble Staaten" als Öl-Lieferanten

"Beispiellos ärgerlich" findet man Chinas Afrika-Strategie in der US-Regierung. "Peking steht der Demokratisierung autoritärer Staaten im Weg", sagt ein Beamter aus dem US-Handelsministerium, der ungenannt bleiben möchte. "China unterläuft jedes Embargo gegen afrikanische Diktaturen und schert sich nicht darum, ob Menschenrechte eingehalten werden."

Bei derlei Kritik lassen die USA gern außer Acht, dass sie selbst Öl-Autokratien wie Äqutorialguinea hofieren - und es auch Teil ihrer Afrika-Strategie ist, umstrittene Machthaber rohstoffreicher Länder nicht gerade hart anzufassen. Die Interessensphären von China, Europa und Amerika kollidieren nun in Afrika. Da kommt es den USA gelegen, auf mangelnde Menschenrechte bei den neuen Freunden der Volksrepublik verweisen zu können. Der Beamte aus dem Handelsministerium brandmarkt Chinas wichtige Öl-Lieferanten Angola, Sudan und die Republik Kongo als "ziemlich üble Staaten".

Ähnliche Töne sind aus den europäischen Hauptstädten zu hören: Milliardenschwere Deals mit despotischen Regimes würden die demokratische Entwicklung in Afrika hemmen. Der Westen ist sich weitgehend einig, dass Chinas politisches Engagement für Afrika vor allem ein wirtschaftliches Arrangement mit Potentaten ist - und mit Entwicklungshilfe nicht viel zu tun hat.

Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International kritisiert, Chinas Kooperation mit dem Sudan habe die katastrophale Lage dort nur noch verschärft. Peking müsse seine Waffenlieferungen an die Konfliktparteien in dem Land beenden.

Mit jedem Afrika-Deal wächst Chinas weltpolitische Rolle

China kontert die Kritik mit beeindruckenden Zahlen: Mehr als 30 afrikanischen Staaten habe man Schulden teilweise oder ganz erlassen - insgesamt rund elf Milliarden Dollar. China betreibe mehr als 700 Entwicklungshilfeprojekte in Afrika und habe Tausende Menschen zu technischem oder medizinischem Fachpersonal ausgebildet. Bis 2009 werde die Afrika-Hilfe verdoppelt, kündigt Staatspräsident Hu Jintao an.

Chinas Ziel ist es auch, den Kontinent als Absatzmarkt zu gewinnen. Von Badeschlappen bis Textilien, von Billigware bis zu Schnellfeuerwaffen - Afrika ist ein Riesenmarkt für die boomende Industrieproduktion der Volksrepublik.

Nebenher wächst mit jedem Afrika-Deal Chinas weltpolitische Bedeutung. Der Kontinent stellt ein Viertel aller Uno-Mitglieder und hat bei Abstimmungen in der Generalversammlung entsprechendes Gewicht.

China fungiert wie im Fall Sudan sogar als Wahrer afrikanischer Interessen - und die Afrikaner danken für die enge Partnerschaft. Bestes Beispiel dafür ist der Streit um Taiwan, das von China als abtrünnige Provinz gesehen wird. Nur vier afrikanische Länder erkennen Taiwan noch als souveränen Staat an. Der Rest hält lieber zur Volksrepublik. Taiwan wirft China vor, mit seinen milliardenschweren Finanzhilfen diplomatische Anerkennung zu erkaufen. Das Außenministerium in Peking weist den Vorwurf von sich: "Unsere Beziehungen zu unseren afrikanischen Partnern sind getragen von gegenseitiger Anerkennung und gegenseitigem Respekt."

Köhler fordert stärkeres deutsches Engagement

In der westlichen Kritik an China klingt immer unterschwellig die Sorge mit, der Konkurrenz mit der Volksrepublik in Afrika nicht standzuhalten. Tatsächlich fällt es gerade umstrittenen Machthabern in Afrika durch die neue Rivalität zwischen dem Westen und China leichter, ihre Machtposition als begehrte Rohstofflieferanten auszuspielen. Korrupte Regime können sich dadurch stabilisieren - und oft in die eigenen Taschen wirtschaften, statt das Elend in ihren Ländern zu bekämpfen.

Für die EU und auch Deutschland rächt sich nun, dass in den vergangenen Jahren Afrika immer als Nebenschauplatz der Weltpolitik gesehen wurde. Eine klare Strategie für den Kontinent existiert nicht. Afrika-Politik - das steht im Westen in erster Linie noch immer für Entwicklungspolitik.

"Es ist Zeit, die Bedeutung unseres Nachbarkontinents endlich richtig einzuschätzen", forderte Bundespräsident Horst Köhler kürzlich im "Tagesspiegel" und verlangte einen "politischen Dialog auf Augenhöhe". Köhler war vor seinem jetzigen Amt IWF-Chef und hat seit Jahren ein Faible für Afrika. Die deutsche Wirtschaft solle "nicht auf perfekte Investitionsbedingungen warten, sondern die Chancen von Afrika jetzt entdecken": Afrika werde "für die Entwicklung der Weltwirtschaft immer wichtiger", sagte Köhler diese Woche in Berlin.

Politikwissenschaftler Denis Tull von der Stiftung Wissenschaft und Politik sieht die Lage ähnlich - und verteidigt die Chinesen. "Peking investiert nicht nur in Staaten, von denen es Rohstoffe bezieht, sondern ist flächendeckend überall in Afrika aktiv - sogar in Ruanda", sagt er. Die Kritik des Westens sei nicht immer sachlich. China habe viel zur Verbesserung der Infrastruktur in afrikanischen Ländern beigetragen, sagt Tull - und fügt hinzu: "Man braucht sich nur anzuschauen, welche Ölfirmen in Ländern wie Angola oder Nigeria tätig sind. Da brauchen die westlichen Staaten nichts an China zu kritisieren - die Ölkonzerne kommen nahezu komplett aus dem Westen."



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.