Kapitalflucht nach Georgien-Konflikt Russland droht neue Rubelkrise

Der Georgien-Konflikt hat für Russland ernste wirtschaftliche Folgen. Anleger und Investoren ziehen in großem Umfang Kapital ab - jetzt muss die Zentralbank intervenieren: Sie verkauft Devisenreserven in Milliardenhöhe, um den Verfall der russischen Währung zu stoppen.


Hamburg - Der Krieg ist vorbei, doch die neuen diplomatischen Spannungen zwischen Russland und dem Westen verunsichern ausländische Geldgeber weiter. Nach Schätzungen von Analysten sollen Investoren mittlerweile bis zu 21 Milliarden Dollar aus Russland abgezogen haben, berichtet die "Financial Times" ("FT").

Ratloser russischer Börsenmakler: Kapitalflucht drückt die Börse ins Minus
REUTERS

Ratloser russischer Börsenmakler: Kapitalflucht drückt die Börse ins Minus

Der Wert des Rubels fällt dadurch rapide. Gestern senkte die Zentralbank den amtlichen Wechselkurs zur US-Devise auf 24,8 Rubel. Allein in den letzten Tagen verlor der Rubel gegenüber Dollar und Euro rund zwei Prozent an Wert. Auch die Aktienmärkte sind betroffen. Der russische Börsenindex RTS verlor am Mittwoch 4,25 Prozent und am Donnerstag noch einmal 3,94 Prozent an Wert. Analysten zufolge deuten diese Werte darauf hin, dass die Flucht der Anleger anhält.

Die russische Wirtschaft droht durch diesen Kapitalentzug auszutrocknen. Nach Angaben der Investmentbank Goldman Sachs stürzten die Währungsreserven auf den niedrigsten Stand seit 1998, dem Jahr der russischen Rubelkrise.

Gestern griff die russische Zentralbank deshalb zu einer drastischen Maßnahme: Nach Angaben von Beobachtern verkaufte sie Devisenreserven im Wert von 3,5 bis 4 Milliarden Dollar. Ein Analyst der Moskauer MDM-Bank sagte der "FT", es seien sogar Devisen im Wert von 4,5 Milliarden verkauft worden.

Der Einbruch kommt für die russische Wirtschaft zur Unzeit. Zusehends beginnt das Land zudem die Folgen der globalen Finanzkrise zu spüren. Laut Presseberichten beschweren sich Unternehmen vermehrt über eine ansteigende Knappheit bei langfristigen Krediten.

Die Kapitalflucht trifft die russischen Unternehmen umso härter, da ausländische Geldgeber das Gros der Langfristfinanzierungen stellen. "Das ist die Achillesferse des russischen Marktes", sagte Kingsmill Bond von der Investmentbank Troika Dialogue der "FT" bereits Mitte August.

Die russische Zentralbank beharrt indes darauf, dass es keine Massenflucht unter den Anlegern gebe. Zwar hätten einige Investoren ihr Kapital aus Russland abgezogen, doch insgesamt beliefen sich die Verluste auf nicht mehr als fünf Milliarden Dollar.

Die Investmentbank Lehman Brothers zweifelt an dieser Behauptung. "Wir halten es für sehr unwahrscheinlich, dass im August nur fünf Milliarden Dollar Russland verlassen haben", sagte Iwan Tschakarow, Vizepräsident der Analyseabteilung für Entwicklungsmärkte, der "FT". "Nach unseren Schätzungen waren es mindestens 15 bis 20 Milliarden."

ssu



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