Kapitalismuskritik US-Notenbankchef fordert gerechtere Globalisierung

Nie zuvor hat ein US-Notenbankchef deutlicher Gerechtigkeit bei der weltweiten Verteilung des Wohlstandes angemahnt. Doch Ben Bernanke fürchtet einen neuen Protektionismus. Nachdrücklich forderte er deshalb Politiker auf, dafür zu sorgen, dass mehr Menschen von der Globalisierung profitieren.


Jackson Hole - In der Globalisierung würden Chancen für einen höheren Lebensstandard und den Abbau der Armut liegen, erklärte US-Notenbankchef Ben Bernanke gestern zum Auftakt der jährlichen Tagung der US-Notenbank Federal Reserve (Fed) im US-Bundesstaat Wyoming. "Das gegenwärtige Ausmaß und das Tempo dieses Prozesses ist so stark wie nie zuvor", sagte Bernanke

US-Notenbankchef Bernanke: Fortschritte sind nicht selbstverständlich
DPA

US-Notenbankchef Bernanke: Fortschritte sind nicht selbstverständlich

Damit bestehe die Möglichkeit, die Produktivität weiter zu steigern. Bernanke warnte aber davor, weitere Fortschritte bei der Integration der Weltwirtschaft als selbstverständlich anzusehen. Internationale Krisen und Terrorismus könnten die Entwicklung ebenso hemmen wie sozialer und politischer Widerstand von Globalisierungsverlierern. Die Geschichte habe gezeigt, dass Menschen immer dann einer protektionistischen Wirtschaftspolitik offener gegenüber stünden, wenn sie sich selber als Verlierer der wirtschaftlichen Entwicklung sähen und um ihren Lebensunterhalt fürchten müssten.

Es sei "ganz natürlich", dass sich Arbeiter wehrten, die unter den Folgen der Globalisierung litten. "Die Herausforderung für Politiker besteht darin, dass die Vorteile der globalen wirtschaftlichen Integration breit genug verteilt werden", sagte Bernanke. Beispielweise könne die Politik dafür sorgen, dass entlassene Arbeiter Fortbildungen bekommen, um von neuen Möglichkeiten zu profitieren.

Der Wandel in der Produktionsweise habe auch dazu geführt, dass Menschen sich um ihre Existenzsicherung sorgten - obwohl der Wohlstand im Ganzen gesehen steige. Es sei deshalb wichtig, dass es einen Konsens über einen "Wohlstand steigernden Wandel" gebe, um zu verhindern, dass der Protektionismus wiederauflebe. Menschen, die sich selbst als Globalisierungsverlierer sehen, müssten in diesem Prozess mitgenommen werden, um sich auf dem Arbeitsmarkt behaupten zu können - etwa durch die entsprechende Ausbildung, forderte Bernanke.

Der US-Notenbankchef erklärte, die Tatsache, dass China, Indien und die ehemals kommunistischen Staaten Osteuropas in die Weltwirtschaft integriert seien, sei "historisch einmalig". Die Öffnung Chinas scheine sich sogar noch zu beschleunigen. In den kommenden Jahren würden wirtschaftliche und technische Veränderungen die effektiven Entfernungen zwischen den Wirtschaftsräumen voraussichtlich weiter verringern, sagte er. Schon die derzeitige Entwicklung zeige, dass es eine enge Verbindung gebe zwischen den hoch entwickelten Industriestaaten und den Schwellenländern.

Bernankes Äußerungen kommen zu einem Zeitpunkt, zu dem sich in den USA viele Menschen sorgen, dass die durchschnittlichen Löhne als Folge der globalen Konkurrenz weiter stagnieren. Immer mehr US-Demokraten kämpfen gegen eine weitere Liberalisierung der Wirtschaft.

anr/Reuters/AP



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