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Kapitalismuskritikerin Klein: "Die Räuberbarone kommen zurück"

Eine Konzernkritikerin legt nach: In ihrem neuen Buch stellt die "No Logo"-Autorin Naomi Klein den Kapitalismus als brutales Regime dar, das nach Kriegen, Schocks und Krisen besonders gut funktioniert. Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt sie ihre Thesen und spricht über "demokratischen Sozialismus".

SPIEGEL: Frau Klein, viele Wirtschaftsexperten empfinden die westlichen Regierungen als zu träge und drängen auf ein erhöhtes Reformtempo. Sie dagegen sprechen von einem "Katastrophen-Kapitalismus", in dem die Menschen einer "Schock-Strategie" ausgesetzt seien. Wie passen diese zwei Weltsichten zusammen?

Autorin Klein: "Folter wird von Staaten benutzt, die unpopuläre Wirtschaftsreformen durchsetzten wollen"
Andrew Stern

Autorin Klein: "Folter wird von Staaten benutzt, die unpopuläre Wirtschaftsreformen durchsetzten wollen"

Klein: Reform ist für mich ein leeres Wort. Jeder verwendet es, wie es ihm passt. Es ist zwar aus der Mode gekommen, offen für eine wirtschaftliche Schocktherapie einzutreten. Aber der Drang, Länder im Interesse der großen Konzerne zu reformieren, hat sich nicht verlangsamt. Wohin ich nur blicke, nutzen Regierungen jede Katastrophe, um diese Agenda voranzutreiben. Denken Sie nur an den Irak unter dem früheren US-Zivilverwalter Paul Bremer. Oder an den Hurrikan "Katharina".

SPIEGEL: Der Bush-Regierung wird doch gerade ihre Apathie im Krisengebiet New Orleans vorgeworfen.

Klein: Ich glaube nicht, dass die Regierung apathisch war. Sie hat vielmehr ihren ideologischen Feldzug gegen den öffentlichen Dienst konsequent umgesetzt. So wurden in New Orleans in großer Zahl staatliche Schulen geschlossen und durch private ersetzt. Die Stadt wurde zum Versuchslabor für die neoliberale Bildungsreform. Ein anderes Beispiel für solch ideologischen Opportunismus ist der 11. September 2001. Danach hat man fast den gesamten Bereich der Inneren Sicherheit privatisiert. Ohne diese verwirrenden Schocks wäre beides nicht möglich gewesen.

SPIEGEL: Ein schwacher Staat gehört in den USA seit jeher zum Selbstverständnis. Aber wo ist Ihr "Schock-Kapitalismus" in Europa zu finden, etwa in Deutschland, Frankreich oder Skandinavien?

Klein: In meinem Buch betrachte ich beispielhaft eine Reihe von Ländern, die einer radikalen Schocktherapie unterzogen wurden. In den Staaten, von denen Sie sprechen, und übrigens auch in meiner Heimat Kanada, finden Ideen wie Arbeitsschutz und eine starke öffentliche Sphäre immer noch massenhaft Unterstützung. Aber das bekräftigt nur meine These vom Konflikt zwischen der neoliberalen Agenda und Demokratie. Natürlich gibt es immer wieder Versuche, zum Beispiel den Einfluss der Gewerkschaften zu brechen oder staatliche Gesundheitssysteme anzugreifen. Im Ganzen aber sind echte Schocktherapien hier politisch nicht durchsetzbar. In meinem Land müssen selbst erzkonservative Tories, um Wahlen zu gewinnen, beteuern, dass sie die öffentliche Krankenversicherung bewahren wollen.

SPIEGEL: Das heißt aber: es gibt keinen weltweiten Katastrophen-Kapitalismus, wie Sie ihn beschwören?

Klein: Ich bin froh, dass wir in Kanada und andernorts keinen hatten. Das spricht aber nicht gegen meine These. Wenn die Möglichkeit für einen Schock nicht gegeben ist, bleiben die Menschen von den schlimmsten neoliberalen Auswüchsen verschont.

SPIEGEL: Was ist mit dem Fall der Berliner Mauer? Wäre das nicht eine gute Gelegenheit für deutsche Schock-Kapitalisten gewesen, um ein paar Errungenschaften der sozialen Marktwirtschaft über Bord zu werfen?

Klein: Sie kennen Deutschland besser als ich. Ich glaube, die Deutschen sind besonders schock-resistent, weil sie genau wissen, was passiert, wenn eine Volkswirtschaft zusammenbricht und gefährliche Kräfte freigelassen werden. Sie sollten zufrieden sein, dass Sie keine Schocktherapie erleben mussten. Die Polen dagegen haben in den neunziger Jahren mit dem Feuer gespielt und auf ultraliberale Reformen gesetzt. Dafür zahlen sie jetzt den Preis. Das gleiche in Russland, wo nun faschistische und nationalistische Politiker Zulauf gewinnen. Gegen Schocks und ihre Folgen wird man am besten immun, wenn man versteht, wie und wofür solche Momente in der Regel ausgenutzt werden.

SPIEGEL: In Ihrem Buch vergleichen Sie die Methoden der Wirtschaftsreformer mit denen von Folterknechten in Guantanamo, Abu Ghureib und in Pinochets Gefängnissen in Chile. Höflich gefragt: Sind Sie damit nicht ein bisschen weit gegangen?

Klein: Mir geht es im Grundsatz darum, wie Schocks ausgenutzt werden, auf individueller Ebene und mit Blick auf ganze Bevölkerungen. Nicht ich habe mir diese Metaphorik ausgedacht. Amerikas Strategie im Irak-Krieg folgte von Anfang an der Maxime "shock and awe", "Schock und Furcht". Es ging militärisch wie psychologisch darum, die Bevölkerung zu desorientieren. Dann folgte die wirtschaftliche Schocktherapie, um Wirtschaftsreformen im Sinne Washingtons durchzusetzen. Und daraufhin die Folter in Abu Ghureib. Folter, so die These in meinem Buch, wird von Staaten benutzt, die derart unpopuläre Wirtschaftsreformen in einem Land durchsetzten wollen, dass die Bevölkerung nur durch Terror einschließlich Folter unter Kontrolle zu halten ist. Chile, Argentinien, Brasilien und Uruguay sind klassische Beispiele dieser Schocktherapie.

SPIEGEL: In einem Satz zusammengefasst lautet Ihre Botschaft also: Neoliberale Wirtschaftsreformer sind Folterknechte im Dienst der Großindustrie?

Klein: Das sind Ihre Worte, nicht meine. Vergessen Sie nicht: Die Ökonomen selbst bedienen sich des Vokabulars der Foltersprache. Milton Friedman...

SPIEGEL: ...der Wirtschaftsnobelpreisträger und Begründer der liberalen Schule von Chicago...

Klein: ...hat sein Programm für Chile in den siebziger Jahren "Schockbehandlung" genannt, sein Kollege Jeffrey Sachs sprach von "Schock", als er sein Reformpaket für Bolivien entwarf. Deshalb wollte ich verstehen, wie Schockmomente psychologisch ausgenutzt werden. In meinem Buch beschreibe ich Folter nicht nur als Instrument, sondern auch als Metapher für Katastrophen-Kapitalismus. Damit meine ich den Versuch, in den chaotischen Momenten nach einer Katastrophe eine bestimmte Politik durchzusetzen. Dieser Ansatz zeigt einige unbequeme Ähnlichkeiten zu den Psycho-Folter-Richtlinien der CIA. Ich behaupte ja nicht, dass Katastrophen-Kapitalisten solche Schockzustände gezielt herbeiführen – aber sie vertiefen sie oft nach Kräften. So war es zum Beispiel in den USA nach dem 11. September der Fall.

SPIEGEL: Wenn immer alles so wieder aufgebaut würde wie es vorher war, würden die Europäer heute in einem Vorkriegsmuseum leben, architektonisch und politisch. Die Frage der einfachen Wiederherstellung des Gewesenen verbietet sich doch mitunter sogar, denken Sie nur an die kollabierte Sowjetunion.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 138 Beiträge
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1. Ethik
Alaniak, 28.09.2007
Das Problem ist nicht allein das System sondern der Mensch an sich. Solang Profit das oberste Gebot ist wird sich auch mit Gesetzen und Staatsformen nichts ändern.
2. gerne verzichten
kamau 28.09.2007
Zitat von sysopEine Konzernkritikerin legt nach: In ihrem neuen Buch stellt die "No Logo"-Autorin Naomi Klein den Kapitalismus als brutales Regime dar, das nach Kriegen, Schocks und Krisen besonders gut funktioniert. Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt sie ihre Thesen und spricht über "demokratischen Sozialismus". http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,508421,00.html
auf demokratischen sozialismus kann ich gerne verzichten. da hatten wir in europa (und weltweit) die letzten 80 jahre genügend fehlgeschlagene experimente. doch naomi kleins kapitalismus-kritik ist berechtigt. der glauben an ein soziales gesicht des kapitalismus im sinne eines sozialen staates ist der fratze des raubtierkapitalismus gewichen. früh-kapitalistische ausbeutung feiert fröhliche urstände, karl marx hätte seine freude daran. das darf jedoch nicht dazu führen alten (marx, lenin, hitler) oder neuen (lafontaine, chavez) propheten und "erlösern" hinterherzulaufen.
3. o
inci 28.09.2007
Zitat von kamauauf demokratischen sozialismus kann ich gerne verzichten. da hatten wir in europa (und weltweit) die letzten 80 jahre genügend fehlgeschlagene experimente. doch naomi kleins kapitalismus-kritik ist berechtigt. der glauben an ein soziales gesicht des kapitalismus im sinne eines sozialen staates ist der fratze des raubtierkapitalismus gewichen. früh-kapitalistische ausbeutung feiert fröhliche urstände, karl marx hätte seine freude daran. das darf jedoch nicht dazu führen alten (marx, lenin, hitler) oder neuen (lafontaine, chavez) propheten und "erlösern" hinterherzulaufen.
nein ich denke den alten propheten und "erlösern" wird man nicht hinterherlaufen. das neue opium fürs volk sind die ersatzrelitigionen gesundheit, umweltschutz und sicherheit. da laufen die massen gerne hinterher. wer will sich schon nachsagen lasse, er sei gegen gesundheit umweltschutz und sicherheit. und die massen laufen so schnell hinterher, daß sie die wichtigsten probleme am rand gar nicht mehr mitbekommen.
4. Richtig analysiert!
fatih1453 28.09.2007
Zitat von sysopEine Konzernkritikerin legt nach: In ihrem neuen Buch stellt die "No Logo"-Autorin Naomi Klein den Kapitalismus als brutales Regime dar, das nach Kriegen, Schocks und Krisen besonders gut funktioniert. Im SPIEGEL-Gespräch verteidigt sie ihre Thesen und spricht über "demokratischen Sozialismus". http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,508421,00.html
Kapitalismus war und ist die modernste Ausbeutetechnik der Menschheit. "Kapital" kann ja bekanntlich nicht durch normale Arbeit entstehen sondern ist eine Sammlung von Diebesgütern. Wie am Beispiel des Westens im Irak. In wie weit Diesesgut noch in der Ökonomie als legal oder illegal definiert werden kann, sieht man wiedrum z.B. an Supermanangern von Siemens & Co. Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. Geraten sie einmal an die Öffentlichkeit, kriegen sie nur noch eine millionenschwere Abfindung anstatt der monatlich fetten Schmiere. Das ist also als Strafe gedacht. Der Begriff des kapitalistischen Sozialismus ist allerdings ungerecht, denn der Kapitalismus eben ein Raubtier und damit alles andere als sozial!
5. Das erschein mir mehr als die Hilflosigkeit der Politik
tomrobert 28.09.2007
Letztlich eine Mischung zwisch Hilfslosigkeit, Korruption und Unfähigkeit eine globale Entwicklung zu beeinflussen, die durch das sehr dynamische Kapital rücksichtslos ausgenutzt wird. Insofern sagt der Artikel schon das richtige aus. Allerdings wird ausser Acht gelassen, dass diese Entwicklung mittlerweile volkswirtschaftlich äußerst schädliche Auswirkungen aufweist, wie Hedgefonds und die Subprimekrise ja ganz deutlich zeigen.Das macht sich eben nicht nur an Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit fest,sondern konkret an der sinkenden Leistungsfähigkeit einer Volkswirtschaft zu Gunsten einzelner Kapitalinteressen(Bahnprivatisierung, Oligopol der Energiewirtschaft, Postprivatisierung etc.) Welch langfristigen negativen Auswirkungen auf die Nutzung der Leistungsbereitschaft und Fähigkeit einzelner Personen diese Entwicklung haben wird,ist noch gar nicht richtig erfasst.Hochglanzbilanzen werden vorgeführt, weil mann , unterstützt durch willige Politiker, die Kosten auf die Allgemeinheit abwälst.In diesem Sinne versteht wohl Müntfering den Mindestlohn.
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