Kapitalistischer Kibbuz Badisches Utopia in Galiläa

Stef Wertheimer besitzt rund vier Milliarden Dollar, trotzdem geht der israelische Unternehmer mit seinen Mitarbeitern in der Kantine essen. Das Werkzeug-Imperium des Selfmademan erinnert an einen Kibbuz - und sein Hebräisch klingt irgendwie alemannisch.

Von Henryk M. Broder


Tefen - Für einen solchen Rundumblick würde jedes Fünf-Sterne-Hotel seinen Gästen einen Zuschlag berechnen. Links das Meer, rechts die Berge und dazwischen eine hügelige Landschaft, die jeden Heimatdichter in poetische Schwingungen versetzen müsste - grün, grüner und knallgrün. Wir sind aber weder im Tessin noch in der Toskana, wir sind in Tefen, und hier ist alles "all inclusive".

Tefen in Galiläa, nordöstlich von Haifa, ein paar Kilometer südlich der israelisch-libanesischen Grenze, ist keine Wellness-Oase, kein Freizeit-Park und kein Naturschutzgebiet. Es ist ein "kapitalistischer Kibbutz" mit 2000 Beschäftigten.

Der Gründer, Chef und Spiritus Rector Stef Wertheimer wurde 1926 als Stefan Wertheimer in Kippenheim bei Freiburg geboren und kam 1937 mit seinen Eltern nach Palästina. Mit 16 brach er die Schule ab, diente zuerst als Techniker bei der Royal Air Force der Briten, danach in einer Eliteeinheit der vorstaatlichen israelischen Armee, der Haganah. Da er keinen Beruf gelernt hatte, machte er sich Anfang der fünfziger Jahre mit einer Hinterhofwerkstatt selbständig, in der er Werkzeuge herstellte, die in jedem Haushalt gebraucht wurden.

Im Jahr 2008 belegte Wertheimer auf der Forbes-Liste der Reichen und Superreichen den 188. Platz, nach Otto Beisheim und Giorgio Armani und vor Hubert Burda und Richard Branson. Wertheimers Vermögen wird auf rund vier Milliarden Dollar geschätzt.

Es können aber auch einige hundert Millionen mehr oder weniger sein. Wie viel es wirklich ist, hängt vom jeweiligen Stand der Kurse und der Konjunktur ab, denn ihm gehören nicht nur sechs "Industrieparks" - fünf in Israel, einer in der Türkei -, er ist auch an Dutzenden von Firmen in der ganzen Welt beteiligt, Prototyp des Unternehmers, für den Geld nur Mittel zum Zweck ist, eine Mischung aus Patriarch und Diktator, Daniel Düsentrieb und Rudolf Steiner.

Eine badische Idylle, aber mit Palmen

In Wertheimers Firmen gibt es keine Betriebsräte und keine Gewerkschaften, aber die sozialen Einrichtungen gelten als vorbildlich - Kantinen, Kindergärten und Berufsschulen, die er finanziert, um Jugendlichen ohne Schulabschluss "eine Chance zu geben, auf eigenen Füßen zu stehen".

Vor 20 Jahren hat er in der Nähe von Tefen einen Ort gegründet, in dem inzwischen über 500 Familien leben, Kfar Vradim, Rosenstadt. Der Besucher fühlt sich, als wäre er in einem amerikanischen "Pleasantville" oder in einer badischen Idylle, in der Palmen in den Himmel wachsen. Denn Wertheimer ist zwar Jude von Geburt und Israeli aus Überzeugung, er ist aber auch immer noch ein Badener, der sich seiner alten Heimat verbunden fühlt. Und wie die meisten Badener kann er alles, außer Hochdeutsch. Auch wenn er Englisch oder Hebräisch spricht, klingt das Alemannische durch.

"Stef" führt seine Firma wie einen Familienbetrieb, geht mit seinen Mitarbeitern in der Kantine essen und erfüllt jedes Klischee eines fleißigen und sparsamen Südwestdeutschen. Das Tefen-Gelände, ein Areal von 2,5 Quadratkilometer Größe, wirkt eher wie ein Campus denn wie eine Industrieanlage.

Wie in einem Science-Fiction-Film scheint auch hier eine unsichtbare Hand für mustergültige Ordnung zu sorgen. Die Herstellung der Präzisionswerkzeuge erfolgt weitgehend vollautomatisch. Lasergesteuerte Roboter fahren geräuschlos hin- und her, bringen Einzelteile von A nach B und befördern die fertigen Produkte von B nach C. In einem separaten Gebäude sitzen 200 Ingenieure und entwickeln neue Techniken, um die Produktion weiter zu optimieren. An der Fassade steht: "Where Innovation Never Stops". Nicht nur die Produktionshallen, auch die Büros der Ingenieure sehen aus, als wäre bei ihnen jeden Tag Kehrwoche.

"Die Leute sollen sich wohl fühlen"

Seit Wertheimer vor drei Jahren 80 Prozent seiner Firma "Israel Carbide" an den amerikanischen Investor Warren Buffet verkauft hat, fungiert er nur noch als "Honorary Chairman" des Unternehmens, sein ältester Sohn Eitan kümmert sich als CEO um das operative Geschäft. Vater Wertheimer kommt trotzdem jeden Tag nach Tefen, um mit badischer Gründlichkeit das Betriebsklima zu überprüfen. "Die Leute sollen sich bei der Arbeit wohlfühlen. Nur wer sich wohlfühlt, hat Spaß an der Arbeit." Und leistet mehr als diejenigen, die man zur Arbeit treiben muss.

Wertheimers zweite Maxime ist ebenso einfach: "Durch Wohlstand zum Frieden." So lange die Lebensbedingungen der Palästinenser viel schlechter sind als die der Israelis, werde es keinen Frieden zwischen den beiden Völkern geben, egal was die Politiker aushecken. Wertheimer hat ausgerechnet, dass die Untergrenze für das Funktionieren einer Gesellschaft beziehungsweise eines Staates bei 6000 Dollar Bruttosozialprodukt pro Kopf und Jahr liegt. In Israel ist es viel mehr, in den palästinensischen Gebieten viel weniger.

Das muss sich ändern, meint Wertheimer, und deswegen hat er einen "Marshallplan" für den Nahen Osten entworfen. Im Grunde geht es um Investitionen, mit denen Arbeitsplätze geschaffen werden sollen, vor allem für die Palästinenser, die wirtschaftlich von den Israelis abhängig sind. Wertheimer hätte gerne einen "Industriepark" an der Grenze zu Gaza gebaut, damit die Arbeit zu den Palästinensern kommt, die nicht zur Arbeit nach Israel kommen können. Die Idee war gut, aber nicht umsetzbar. Kapitalgeber investieren nur in befriedeten Gebieten, nicht um Krisengebiete zu befrieden.

Erst Handel, dann Landwirtschaft, jetzt Industrie

In Wertheimers eigener kleiner Utopia in Tefen scheint das Konzept freilich aufzugehen. Israelis und Palästinenser, Muslime, Juden, Drusen und Christen arbeiten zusammen. "Ein Glück, dass wir in Israel kein Öl haben", sagt Wertheimer, "sonst würde hier keiner arbeiten, unser Kapital ist die Manpower", gut ausgebildete Arbeiter und Ingenieure, die ihre Nationalität und Religion daheim praktizieren und beim "Klassenkampf" an Fußball denken. "Wer tagsüber schaffen geht, hat für andere Probleme keine Zeit." Nicht allein der Müßiggang, die Arbeitslosigkeit ist aller Laster Anfang. Und das größte Hindernis auf dem Weg in ein besseres Leben.

Das alles klingt so einfach und so schön, dass es fast unheimlich ist. Es scheint, als hätte Wertheimer keine Feinde, nicht einmal Gegner. Auch die "Histadrut", Israels Gewerkschaft, hat sich mit dem Mann aus Galiläa abgefunden, denn er bezahlt seine Mitarbeiter besser als die meisten Unternehmer, die mit der "Histadrut" kooperieren. Wertheimer, das ist unternehmerischer Feudalismus auf Hightech-Niveau, eine Postkutsche, die zum Mond fliegen kann.

Die Idee einer postindustriellen Gesellschaft, in der nur noch "Dienstleistungen" angeboten und Arbeiten outgesourct werden, ist Wertheimer ein Greuel, schlimmer noch, "eine Fata Morgana". Die Juden, die nach Israel kamen, mussten sich zweimal umstellen: Vom Handel und Handwerk auf Landwirtschaft, später von Landwirtschaft auf Industrie. "Jetzt stehen die Palästinenser vor dem gleichen Problem."

Sie könnten es lösen, wenn sie sich auf einen zionistischen Klassiker besinnen würden, Theodor Herzl. Der Erfinder des "Judenstaates" hat im Jahre 1902 seinen Brüdern und Schwestern in Europa zugerufen: "Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen!"

Stefan "Stef" Wertheimer hat diesen Satz ein wenig variiert und zu seinem Motto gemacht: "Wenn Ihr wollt, wird es Export!"



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