Zum Tode von Aldi-Gründer Karl Albrecht Meister des Discounts

Die Albrecht-Brüder haben den Einzelhandel revolutioniert. Mit Aldi erfanden sie das Erfolgsprinzip der Discounter. Niemand war damit so erfolgreich wie Karl - auch weil er die eigenen Regeln manchmal brach.

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Karl Albrecht: Erfinder des schnörkellosen Einkaufs
Aldi Süd

Karl Albrecht: Erfinder des schnörkellosen Einkaufs


Wie sehr Karl Albrecht die Bundesrepublik geprägt hat, wird vielen Deutschen erst im Urlaub bewusst. Etwa wenn ihnen beim Einkauf in einem Alimentari in Rom die Ladenbesitzerin geduldig die Auswahl an traditionellen Käsesorten aus der Region präsentiert und im Anschluss ihr Kollege den Einkauf in Tüten verstaut. Und natürlich an der Kasse, wo sich persönlicher Service und individuelles Sortiment in Preisen niederschlagen, die zwischen Flensburg und Mittenwald kaum noch jemand zu zahlen bereit wäre.

Fast nirgendwo in Europa sind qualitativ hochwertige Lebensmittel so günstig wie in Deutschland. Allerdings findet der Einkauf jenseits der Grenzen auch selten in einer derart auf Effizienz getrimmten Umgebung statt, wie sie hierzulande dank Aldi zum Standard geworden ist.

Beides ist zu einem großen Teil das Verdienst von Karl Albrecht - und seinem 2010 verstorbenen Bruder Theo. Am meisten von dieser Entwicklung profitiert haben die Aldi-Gründer selbst: Seit den Achtzigerjahren führte Karl Albrecht die manager-magazin-Rangliste der betuchtesten Deutschen an, stets knapp vor seinem Bruder Theo. Zuletzt schätzte das Magazin Karls Vermögen auf 17,8 Milliarden Euro.

Am vergangenen Mittwoch starb der reichste Mann Deutschlands im Alter von 94 Jahren.

Herrscher über das Aldi-Reich im genussfreudigen Süden

Die Albrechts stammten aus bescheidenen Verhältnissen. Karl war im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront verwundet worden, der zwei Jahre jüngere Theo in amerikanische Gefangenschaft geraten. Gemeinsam übernahmen sie nach ihrer Rückkehr den kleinen Krämerladen von Mutter Anna im Essener Arbeiterviertel Schonebeck. Es sollte der Grundstein für den heutigen Milliardenkonzern sein. Innerhalb weniger Jahre entstanden Hunderte Filialen im Ruhrgebiet, doch den entscheidenden Schub bekam das Unternehmen 1962, als die Brüder den ersten Albrecht-Discount - Abkürzung: Aldi - eröffneten.

Im Jahr zuvor hatten sie die Firma und das Land unter sich aufgeteilt. Theo führte fortan das Aldi-Reich im größtenteils protestantisch geprägten Norden, Karl war der Herrscher südlich des berühmt gewordenen Aldi-Äquators, der mitten durch Essen verlief, weil hier beide Albrecht-Brüder ihre Wurzeln hatten.

Das Erfolgsrezept der Brüder Albrecht klingt simpel: den tiefstmöglichen Preis bieten, ohne an der Qualität zu sparen. Beeindruckend war jedoch die Konsequenz, mit der sie diese Prämisse umsetzten. Sie befreiten den täglichen Einkauf von jeglichen Schnörkeln und überflüssigen Kosten - sowohl vor als auch hinter den Kulissen. So erfanden sie das Hard-Discount-Prinzip: ein schmales, aber hochwertiges Sortiment von Lebensmitteln und Haushaltswaren, verkauft zu Tiefstpreisen in schmucklosen Filialen. Selbst Produkte namhafter Hersteller vertreibt Aldi in der Regel unter Fantasienamen als Eigenmarke.

Karl machte das Aldi-Prinzip zukunftsfest - indem er es durchbrach

Die Marktmacht von Deutschlands erfolgreichster Einzelhandelskette bekommen die Lieferanten bis heute in den knallharten Verhandlungen mit den branchenweit ebenso gefürchteten wie bewunderten Aldi-Einkäufern zu spüren. Im Gegenzug gilt Aldi als absolut zuverlässiger Vertragspartner, Nachverhandlungen einmal geschlossener Verträge sind tabu.

Ähnliche Grundsätze gelten auch für den Umgang mit den Mitarbeitern. Sie verdienen meist besser als bei der Konkurrenz, dafür wird von ihnen nicht nur überdurchschnittliche Leistung verlangt, sondern auch die Duldung eines teilweise grotesk anmutenden Kontrollsystems. Betriebsräte waren in Karls Südreich im Übrigen stets verpönt, anders als bei Theo Albrecht im Norden.

Einige ihrer Erfolgsprinzipien verdankten Karl und Theo Albrecht dem Zufall: So führten sie zu Beginn nicht gezielt ein schmales Sortiment. Ihnen fehlte schlicht das Kapital, um eine größere Auswahl anzubieten. Aber als die Kunden darin keinen entscheidenden Nachteil sahen und die Läden stürmten, integrierten Karl und Theo diese Erfahrung in ihr Prinzip. Über Jahrzehnte war die Konzentration auf wenige Hundert Artikel die Grundlage für traumhafte Renditen. Trotz massiver Konkurrenz von Discounterketten wie Lidl oder Netto blieb Aldi in der Bundesrepublik stets an der Spitze. Heute setzen die Nord- und Süd-Gesellschaften weltweit geschätzt fast 67 Milliarden Euro im Jahr um, deutlich weniger als die Hälfte davon allerdings noch in Deutschland.

Karl war mit seinem Süd-Reich sowohl beim Umsatz als auch bei der Rendite stets ein wenig erfolgreicher als Theo - Insider führten das unter anderem auf die unterschiedliche Mentalität der beiden Brüder zurück. Karls Dogmatismus war offenbar weniger stark ausgeprägt. Er bewahrte die Grundsätze des Erfolgsprinzips wesentlich flexibler als Theo, durchbrach es an den richtigen Stellen und machte es so zukunftsfest - auch indem er seinem Management die nötige Freiheit gewährte.

In entscheidenden Fragen behielt Karl Albrecht das letzte Wort

Gerade als Aldi in den Neunzigerjahren zur Kultmarke wurde und das Hard-Discounter-Prinzip des Kärglichen und Schnörkellosen auch von der Mittelschicht gefeiert wurde, war Karls Süd-Reich bereits dabei, die Bedürfnisse dieser neuen Kundengruppe zu antizipieren und sich zu wandeln: Die Läden wurden freundlicher und geräumiger, in die Regale zogen Bioprodukte und Feinschmecker-Lebensmittel ein, die den Vergleich mit hochpreisiger Feinkost nicht scheuen mussten.

In Zeiten, in denen die "Geiz ist geil"-Welle verebbt, fährt Aldi-Süd nun die Ernte dieses ebenso sanften wie mutigen Strategiewechsels ein. In einem Punkt jedoch verweigerten sich sowohl Süd- wie Nord-Reich beharrlich dem Zeitgeist: Aldi machte nie Schulden bei Banken, Karl soll im Gegenteil darauf bestanden haben, stets mehrere Milliarden Euro an liquiden Mitteln vorzuhalten. Was vor zehn Jahren noch als altmodisch gegolten hätte, erweist sich nach den Erfahrungen mit der Finanz- und Bankenkrise als modern und nachhaltig.

Doch auch Karl Albrechts Erfolgsgeschichte verlief nicht immer makellos. Der Einstieg in den griechischen Markt Ende des vergangenen Jahrzehnts etwa scheiterte trotz Investitionen in Milliardenhöhe. Der verantwortliche Manager wurde danach umgehend verabschiedet.

Karl hatte sich formal bereits 1994 von der Spitze des Unternehmens zurückgezogen. Den Vorstand der Siepmann-Stiftung - eine von drei Stiftungen, in die er das Unternehmen eingebracht hatte - verließ er im Jahr 2002. In entscheidenden Fragen behielt er jedoch weiterhin das letzte Wort, und bei einigen Vorhaben seiner Manager bremste er bis zuletzt: So verhinderte er, dass der Anteil von Markenprodukten erheblich gesteigert wurde, und auch der bereits fertig geplante Onlineshop von Aldi Süd durfte aus Sorge um die Auswirkungen auf das Filialgeschäft nicht starten.

Ein Golf-Hotel im Badischen als Gipfel der Extravaganz

So populär ihre Ladenkette auch geworden ist, so wenig gaben die beiden reichsten Deutschen über sich persönlich preis. Die wenigen bekannten Fotos von Karl Albrecht entstanden gegen seinen Willen, sein letztes Zitat stammt aus dem Jahr 1953. Kaum eine Gründerpersönlichkeit des deutschen Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit scheute die Öffentlichkeit so wie die Albrechts - und das nicht erst, seit Theo im Jahr 1971 entführt und 17 Tage lang gefangen gehalten worden war.

Karl verhandelte damals selbst mit den Entführern, das Lösegeld von sieben Millionen Mark übergab der Essener Ruhrbischof Franz Kardinal Hengsbach. Strenggläubige Katholiken und regelmäßige Kirchgänger waren beide Brüder, so viel ist bekannt. Und dass Karl mit Mia verheiratet war. Das Paar hat zwei Kinder - Karl junior und Tochter Beate Heister, die gemeinsam mit ihrem Sohn Peter Max Heister die Familie in den beiden einflussreichsten der drei Stiftungen vertritt, in die Karl das Unternehmen eingebracht hat.

Viel mehr ist über das Privatleben der Aldi-Gründer nicht bekannt. Doch womöglich erfährt die Welt bald mehr aus dem Leben des Karl Albrecht. Sein Sohn Karl junior verriet dem SPIEGEL, er arbeite an einer Biografie seines Vaters - mit dessen Unterstützung. Womöglich will er das Werk sogar veröffentlichen.

Gesichert ist auch, dass die Albrechts ihren Reichtum niemals auskosteten oder zur Schau stellten. Ein Hotel mit angrenzendem Golfplatz in Donaueschingen war wohl das Extravaganteste, das Karl sich leistete - wobei natürlich auch diese Investition aus den Siebzigerjahren Rendite abwerfen sollte, allerdings mit dem schönen Nebeneffekt, der Leidenschaft für das Golfspiel frönen zu können.

Die legendäre Sparsamkeit der Brüder Albrecht erstreckte sich bis in die Vorbereitungen auf den Tod. Im Januar 1997 kaufte Karl vorsorglich acht Grabstellen im städtischen Friedhof von Essen-Brederney. Die Gräber verwilderten in der Folge, die Friedhofsverwaltung verschickte Mahnungen. Dann erst lieferte ein Aldi-Laster Büsche und Bäume - die Albrechts hatten schlicht so lange gewartet, bis Aldi die schmückenden Pflanzen günstig im Angebot hatte.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
Freibeutler 21.07.2014
1. Unternehmer
Das waren noch Unternehmer und keine Unterlasser.
Lok Leipzig 21.07.2014
2. Durchs Gartentor ins Schwimmbad
Zitat von sysopAldiDie Albrecht-Brüder haben den Einzelhandel revolutioniert. Mit Aldi erfanden sie das Erfolgsprinzip der Discounter. Niemand war damit so erfolgreich wie Karl - auch weil er die eigenen Regeln manchmal brach. http://www.spiegel.de/wirtschaft/karl-albrecht-nachruf-auf-den-gruender-von-aldi-und-discount-erfinder-a-982116.html
Das an das Privathaus grenzende Hotel in Donaueschingen mit schönem Golfplatz hat Karl Albrecht erspart, ein eigenes Schwimmbad zu bauen. Er ist durchs Gartentürchen zum Hotel gestapft und hat dessen Hallenbad genutzt. Sparen auf hohem Niveau, wohingegen ein Möchtegern-Manager wie Middelhoff eine Yacht für zigtausende Euro pro Monat chartert und jetzt pleite ist.
driver_2 21.07.2014
3. selbst im alter....
....haben die nicht das Geld zum Fenster herausgeworfen, konnten wirtschaften, wo viele junge Leute heute zu feige sind ein Haushalts Buch zu führen um ihre Kosten in den Griff zu bekommen. Manche schaffen es nicht mal einen 5er im Geldbeutel auf Reserve zu halten und stehen bei mir im Bus, jammern kein Geld für die Fahrkarte zu haben. Aber den neuesten schnickschnack am Körper plus teures Smartphone.
bigtrouble 21.07.2014
4. Danke !
Sie haben zusammen mit Ihrem Bruder dafür gesorgt das auch die ärmeren Menschen in Würde leben konnten, indem sie ihnen die Möglichkeit gaben qualitativ hochwertige Lebensmittel und Waren zu erschwinglichen Preisen zu erstehen. Wenn man einmal darüber nachdenkt, was das für das Sozialgefüge und auch die Gesundheit der Menschen in Deutschland und in vielen anderen Ländern der Welt bis heute bedeutet, ist Ihre Lebensleistung kaum in Worte zu fassen. Danke !
schnöpenpöppen 21.07.2014
5. Als überzeugter Aldianer
...hoffe ich, das die Nachfahren das Unternehmen genauso verantwortungsvoll weiterführen, wie ihre Väter.
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