Karstadt-Mutterkonzern Arcandor will Insolvenzantrag stellen

Arcandor gibt auf: Der Karstadt-Mutterkonzern verzichtet nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen darauf, den Antrag auf einen staatlichen Notkredit nachzubessern - und will nun Insolvenz beantragen. Fast zeitgleich startet die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Konzernchef Eick.


Arcandor-Chef Eick: Kein Durchbruch bei Last-Minute-Verhandlungen
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Arcandor-Chef Eick: Kein Durchbruch bei Last-Minute-Verhandlungen

Berlin - Arcandor Chart zeigen-Chef Karl-Gerhard Eick selbst machte die Entscheidung dem Kanzleramt bekannt - das erfuhr SPIEGEL ONLINE aus Regierungskreisen. Der Konzern will demnach die Frist für eine Nachbesserung des Konzepts verstreichen lassen. Damit steht der Insolvenzantrag unmittelbar bevor.

Ungeachtet der bevorstehenden Insolvenz gehen Regierungskreisen davon aus, dass nun die Verhandlungen zwischen dem Metro-Konzern Chart zeigen und Arcandor Chart zeigen über einen Übernahme des Karstadt-Warenhausgeschäfts weitergeführt werden.

Der Vorstand von Arcandor hatte seit dem frühen Morgen über Rettungspläne beraten. Die Bundesregierung hatte zuvor den ersten Antrag des Handelskonzerns auf eine Rettungsbürgschaft über 437 Millionen Euro abgelehnt und ein stärkeres Engagement der Großaktionäre Schickedanz und Sal. Oppenheim sowie der Banken gefordert. Auch für Staatsbürgschaften über 650 Millionen Euro aus dem Deutschlandfonds sieht der Bund aus diesem Grunde keine Grundlage.

Seit Montagabend waren vor allem mit der Bank Sal. Oppenheim und der Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz intensive Gespräche geführt worden - offensichtlich ohne Erfolg.

Die Arcandor-Aktie geriet in Folge der Nachricht stark unter Druck. Der Kurs rutschte um 21,7 Prozent auf 0,83 Euro. Zuvor war die Aktie bereits bis auf 0,76 Euro gefallen.

Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte am Morgen seine Forderung nach einer Nachbesserung des Antrags bekräftigt. Eine nur zum Teil von den Hauptaktionären in Aussicht gestellte Kapitalerhöhung von 150 Millionen Euro zum Ende des Jahres erfülle in keiner Weise die von der Regierung immer wieder geforderte verstärkte Beteiligung der Eigentümer an dem Rettungskonzept, sagte der CSU-Politiker im "ARD-Morgenmagazin". Dieser Betrag müsse "als tatsächliches Eigenkapital kommen und eben nicht über den Umweg einer Kapitalerhöhung". Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen genügte der Bundesregierung aber auch das Angebot der Gläubigerbanken nicht, auslaufende Kreditlinien um sechs Monate zu verlängern.

Wie SPIEGEL ONLINE ebenfalls aus Unternehmenskreisen erfuhr, stellte die Regierung bei den Verhandlungen am Montag keine konkreten Forderungen. Eine Summe, um wie viel die Eigentümer ihr Angebot aufstocken sollten, sei nicht genannt worden.

Zu Guttenberg wies weiter darauf hin, dass eine Rettungsbeihilfe auch mit "signifikanten Folgen" verbunden ist. So stelle die Europäische Union "harte Anforderungen", etwa was Kapazitätseinsparungen anbelange. Dies bewege sich oft im Bereich von 30 bis 50 Prozent mit entsprechenden Auswirkungen auf die Arbeitsplätze.

Von einer Insolvenz betroffen wären der Konzern und alle hundertprozentigen Tochtergesellschaften. In Deutschland beschäftigt Arcandor rund 56.000 Menschen. Nicht davon in Mitleidenschaft gezogen wird die Touristiktochter Thomas Cook, an der Arcandor nur mit 52,8 Prozent beteiligt ist. Thomas Cook ist eigenen Angaben zufolge "operativ und finanziell" unabhängig von der Mutter und an der Londoner Börse gelistet. Am Montag hatte Arcandor bestätigt, dass das Thomas-Cook-Aktienpaket den Banken als Sicherheit für Kredite diene.

Für Arcandor-Chef Eick könnte das lange Hickhack um die Rettung des Handelskonzerns noch Folgen haben. Wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft Essen am Dienstag mitteilte, ist bereits in der vergangenen Woche die Anzeige eines Privatmannes eingegangen, der dem Chef des Karstadt-Mutterkonzerns Insolvenzverschleppung vorwirft. Zur Begründung der Anzeige seien der Behörde Presseberichte zugesandt worden, hieß es. Die Staatsanwaltschaft habe aufgrund der Anzeige die Ermittlungen aufgenommen.

Am Montag war bereits bekannt geworden, dass die Behörde Ermittlungen gegen den früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff wegen des Verdachts der Untreue prüft. Middelhoff soll Anteile an Immobilienfonds halten, die von den ungewöhnlich hohen Mieten profitieren, die Karstadt für seine Filialen zahlt. Middelhoff weist die Vorwürfe zurück.

sev/mik/ddp/dpa/Dow Jones

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