Kartoffelkultur Letztes Gefecht um Königin der Knollen

Als Züchter 2004 die Kartoffelsorte Linda vom Markt nehmen wollten, war der Protest groß. Und so gab's für Linda eine Schonfrist. Jetzt wird sie zum wohl vorletzten Mal geernet. Die Bauern geben nicht auf - der Kampf um die Knolle geht in die nächste Runde.

Aus Barnsen berichtet Nathalie Klüver


Barnsen – Wer sich auf den Weg nach Barnsen macht, fährt meistens hinter Traktoren her, manchmal kann man sie auch überholen. An Birkenalleen und rot geklinkerten Fachwerkhäusern geht es vorbei, an Schilder, die den Reisenden informieren, dass es hier Kartoffeln gibt, Honig und Pilze. Auf einigen steht auch "Nein zur A 39" oder "Zucker – natürlich nur aus Rüben". Hier, in der Lüneburger Heide, ernten die Bauern heute Linda - vielleicht zum vorletzten Mal. Denn wenn es nach Lindas Züchterfirma Europlant geht, soll die Knolle ab dem kommenden Jahr nicht mehr weitergezüchtet werden. In Rente gehen, sozusagen. Und das mit gerade einmal 30 Jahren.

Man streitet sich um Linda. Festkochend, gelbfleischig, cremig und butterig im Geschmack, besonders gut geeignet für Aufläufe, sei sie, sagen ihre Anhänger. Seit 1974 ist die Kartoffelsorte auf dem Markt und immer noch beliebt, vielleicht sogar beliebter denn je. Besonders hier in der Lüneburger Heide – wo sie herkommt, wo fast jeder Bauer Linda anpflanzt. Denn Linda ist nicht irgendeine Knolle: Man nennt sie auch "Königin der Kartoffeln".

Als der Züchter Europlant 2004 bekannt gab, die Kartoffelsorte vom Markt zu nehmen, ging ein Aufschrei durch die Nation der Kartoffelesser. Hier in der Heide gründete sich der Freundeskreis "Rettet Linda". Der Fall schaffte es zum Oberlandesgericht Celle und bis in die Tagesthemen, wo sich ein wehmütiger Ulrich Wickert an die "köstlichen Bratkartoffeln" erinnerte, die er schon aus Linda gezaubert hatte. Das Resultat: Für Linda gab es eine Schonfrist, die Ende Juli 2007 ausläuft. Dann entscheidet das Bundessortenamt, eine Art Patentamt für Pflanzensorten, über einen Antrag auf Neuzulassung.

Die Kartoffelbürokratie sei Schuld daran, dass es Linda bald nicht mehr geben soll, sagt Karsten Ellenberg. Der Bio-Bauer aus der Heide ist Mitbegründer von "Rettet Linda" und hat beim Bundessortenamt beantragt, Linda wieder zuzulassen.

Und was passiert, wenn sich die Behörde im Herbst kommenden Jahres gegen Linda entscheidet? Dann gibt es keine Pflanzkartoffeln mehr, erklärt Ellenberg. Und wenn dann die letzten Speisekartoffeln der Sorte Linda geerntet sind, wird Linda nach und nach aus den Supermärkten, Bauernläden und Markthallen verschwinden. Doch soweit soll es gar nicht erst kommen. Ellenberg und andere Heide-Bauern vom Linda-Freundeskreis wollen ihre Kampagne "Freiheit für Linda" in den nächsten Monaten noch weiter verstärken. "Solidaritätslindas" soll es geben und am 7. Oktober fährt Ellenbergs Bio-Bauer-Kollege Arnold Kröger mit einem "Linda-Transporter" nach Berlin - abendliche Linda-Party inklusive.

"Der Kunde soll entscheiden, nicht die Züchter"

Ellenberg ärgert sich: "Wie kann man so eine erfolgreiche Kartoffelsorte einfach vom Markt nehmen?" Die Marke Sieglinde, die gibt es doch auch schon seit 1935. Er kniet sich nieder, zwischen zwei Ackerfurchen, und hebt eine Handvoll Linda hoch, wiegt sie in der Hand, schnuppert an der Schale. "Für Europlant läuft nach 30 Jahren das Lizenzrecht ab", erzählt er und kratzt ein bisschen Erde von den Kartoffeln. Nun verdiene Europlant kein Geld mehr mit der Sorte. "Ich vermute, Linda wäre Konkurrenz gewesen für die neuen Sorten, die Europlant gezüchtet hat." Die neue Sorte, das ist Belana, Lindas Nachfolgerin. Widerstandsfähiger soll sie sein, so der Züchter. Denn Lindas größtes Problem sei ihre Anfälligkeit für Fäule und Keime gewesen.

Hinter Ellenberg kommt die große Erntemaschine angefahren, und er muss schreien, um sich verständlich zu machen. Die vorher aus dem Boden gepflügten Kartoffeln werden von der rotgelben Maschine aufgelesen, ordentlich durchgeschüttelt und dann von rotierenden Bürsten gesäubert. Kiloweise plumpsen Lindas in einen großen Hänger. Ellenberg schwärmt von Lindas Vorteilen: zum Beispiel dieser feine Geschmack, der süchtig macht. Seine Kunden fragen schon Monate vorher, wann es denn die ersten Lindas gebe. Zudem sei die Knollen-Königin sehr lagerfähig. Durch die Lagerung entfalte Linda erst so richtig ihren Geschmack – "eine richtige Weihnachtskartoffel". Und außerdem halte die Linda-Pflanze das Unkraut zurück, so dass keine chemische Behandlung nötig sei. Ob er schon Belana probiert hat? Ja, das seien auch keine schlechten Kartoffeln, aber mit Lindas feinem Geschmack überhaupt nicht zu vergleichen.

Ellenberg blickt der Erntemaschine hinterher, die sich langsam entfernt. Es könne doch nicht sein, dass ein Züchter bestimmt, welche Gemüsesorten im Laden angeboten werden. "Der Verbraucher soll entscheiden, was er einkaufen will." Man müsse sich gegen das Diktat der Züchter wehren, denn nur Vielfalt schaffe auch Genuss. Solange die Kunden Linda wollen, sollen sie Linda bekommen. "Und wenn dann keiner mehr Linda kauft, dann ist es halt Zeit für eine neue Kartoffelsorte", so Ellenberg, jetzt ein wenig leiser. Aber so weit werde es nicht kommen, da ist sich der Bio-Bauer sicher. Denn Linda ist ein Star im Kartoffelkorb. Die Verbraucher und die Medien haben es geschafft, Linda zwei Jahre Aufschub zu geben – und nun sollen sie es schaffen, dass Linda wieder zugelassen wird.

Wenn alles nichts nützt, wird Linda international

Auch für den Fall, dass "Freiheit für Linda" nicht die gewünschte Wirkung zeigt, haben die Kartoffelfreunde eine Lösung parat: Dann wird Linda international. Denn laut EU-Recht kann eine Sorte, die in einem EU-Land zugelassen ist, auch in anderen EU-Ländern angebaut werden. Es besteht also noch eine Chance für Linda. Und in welchem Land soll Linda dann zugelassen werden?

Das wird nicht verraten. Denn, so Ellenberg: "Linda ist ein Krimi, ein Politikum. Es geht um viel Geld." Wie viel insgesamt, vermag er nicht zu sagen. Aus Sicht der Kartoffelfreunde geht es um 10.000 Euro. Denn soviel werden bei der Wiederzulassung anfallen. Und weil das ganz schön teuer ist, haben die Kartoffelfreunde auch ein "Solidaritätskonto" eingerichtet. Die letzte Linda ist noch lange nicht gegessen.



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