Katalonien-Konflikt Die Schuld der Euro-Krisenmanager

Was gerade in Katalonien passiert, wirkt wie ein rein innerspanischer Streit um Sprache und Geld. Tatsächlich ist der Konflikt auch eine Folge der globalen Finanzkrise - und des deutschen Euro-Krisenmanagements.

Demonstration für Kataloniens Unabhängigkeit
REUTERS

Demonstration für Kataloniens Unabhängigkeit


Was der katalanische Möchtegern-Separatist Carles Puigdemont und der spanische Rumtata-Regierungschef Mariano Rajoy Tag für Tag darbieten, wirkt aus der Ferne wie ein bizarres Stück spanischer Kulturkampf. Da geht es um Sprachrechte und Verfassungsparagrafen und innerspanische Überweisungen. Und schlichten Machtpoker. Wie in einer Soap. Etwas irreal.

Dabei steckt hinter dem, was da bedrohlich zu eskalieren droht, mehr als nur (gefährliche) innerspanische Folklore. Und nur sehr wenig Plausibles, was eine Unabhängigkeit Kataloniens begründen könnte. Dass es in dem irren Kampf so weit kommen konnte, hat auch damit zu tun, was Finanzdebakel und Euro-Krisenmanager an gesellschaftlichen Schäden hinterlassen haben. Und daran sind nicht nur Spanier schuld.

Selbstverständlich ist das Verhältnis zwischen Katalanen und anderen Spaniern historisch belastet. Allerdings sind diese Lasten auch instrumentalisiert worden. Mittlerweile wird in jeder Kaschemme katalanisch geredet - und die Sache hat sich ins Gegenteil verkehrt. Wer nicht Katalanisch redet, wird im Zweifel gemaßregelt. Komisches Verständnis von Freiheitskampf.

An der Sprachunterdrückung zulasten der Katalanen kann es nicht mehr liegen. Und eigentlich auch nicht mehr an mangelnden Rechten. Es gibt wenige Staaten, die ihren Regionen so viel Autonomie eingeräumt haben wie Spanien. Geht immer mehr, klar. Nur muss man dafür keinen Bürgerkrieg riskieren. Selbst das Geschimpfe über Madrids Korruptionsanfälligkeit klingt bizarr, seit ehemalige katalanische Regierungsmitglieder genau dabei erwischt worden sind.

Bliebe die Frage, ob Katalonien vielleicht doch wirtschaftlich unterdrückt ist. Was ja nicht unbedingt naheliegt, wenn es um die reichste Region des Landes geht. Wenn überhaupt, scheint der Unmut sich daran zu entzünden, (vermeintlich) zu viel Geld für ärmere Regionen in Spanien zu zahlen, etwa für die Andalusier.

Das passt dann aber doch nicht mehr zum Image vom unterdrückten katalanischen Volk. Also alles nur Geiz?

Es zahlt sich aus, ärmeren Regionen zu helfen

Zwar zahlen Katalanen mehr in die spanische Kegelkasse ein, als sie bekommen. Nur sei so etwas für eine reiche Region an sich ja normal, sagt Jürgen Donges, Spanienkenner und lange im deutschen Wirtschafts-Sachverständigenrat. Ärmeren Regionen zu helfen, zahlt sich ökonomisch in der Regel ja auch aus.

Wie Donges und Kollegen vom Madrider Instituto de Estudios Económicos auf Basis katalanischer Daten berechneten, lagen Kataloniens Nettozahlungen mit acht Prozent der regionalen Wirtschaftsleistung niedriger als die der Region Madrid mit fast elf Prozent. Immer noch ordentlich, klar. Nur auch kein Grund, sich gleich komplett zu verabschieden. Sonst hätten wir längst ein Königreich Seehofer (okay, warum nicht). Und Katalonien hätte nie via EU Geld von uns bekommen.

De facto sei die katalanische Wirtschaft so stark mit dem Rest Spaniens verflochten, dass es riskant wäre, die Verbindungen in Gefahr zu bringen, schreiben die Kieler Ökonomen Claus-Friedrich Laaser und Klaus Schrader. Einen Eindruck davon haben die Katalanen bekommen, als jetzt reihenweise Firmen ihren Sitz aus der Region verlagert haben, weil sie Chaos fürchten.

Dass das Unabhängigkeitsdogma just in den vergangenen Jahren so populär werden konnte, muss andere Gründe haben als historisch lang zurückliegende Vorfälle oder vermeintlich zu hohe Transfers.

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Bevor 2007 die Immobilienblase platzte und das globale Finanzdebakel begann, lief es in ganz Spanien wie in Katalonien fast paradiesisch - mit historisch niedriger Arbeitslosigkeit und boomender Wirtschaft. Und? Damals waren Umfragen zufolge gerade 15 Prozent der Katalanen dafür, einen unabhängigen Staat zu bekommen (siehe Grafik). Eine Splittergruppe.

Dann schnellte in der Krise die Arbeitslosenquote hoch, im Landesschnitt 2011 erstmals wieder auf mehr als 20 Prozent, in Katalonien auf zeitweise 23 Prozent. Und? Mit jedem Jahr zunehmender Jobkrise stieg in Katalonien der Anteil derer, die für die Loslösung waren - obwohl ja wenig dafür spricht, dass die globale Krise mit mangelnder Unabhängigkeit Kataloniens zu tun hatte. Auf dem Höhepunkt der Krise 2013 waren plötzlich 45 Prozent für einen unabhängigen Staat - ein Trend, den die organisierten Loslöser zu nutzen wussten, um jenen Prozess loszutreten, der jetzt zu eskalieren droht.

Wie sehr die Eskalation mit just dieser Krise zu tun hat, lässt sich auch daran festmachen, wie stark das Poltern für einen eigenen Staat heute unter jüngeren Katalanen verfängt, also denen, die am stärksten vom Platzen der Finanzblase getroffen wurden; etwa ein Drittel ist heute noch arbeitslos. Und daran, dass die Quoten der Catalanistas tendenziell in den Umfragen wieder zurückgehen, seit auch die Arbeitslosigkeit tendenziell wieder fällt. Ein Indiz dafür, wie sich ein allzu irrer separatistischer Eifer jenseits der akuten Krise wieder auffangen ließe.

Europäisches Desaster

Wenn das stimmt, gehört zur Wahrheit auch, dass Europas Krisenmanager auf Umwegen zum Debakel beigetragen haben. Denn: Es spricht heute eine Menge dafür, dass Wolfgang Schäuble und Kollegen in der akuten Panik viel zu viel Druck auf Krisenregierungen in Madrid und anderswo gemacht haben, mehr oder weniger heillos Ausgaben zu kürzen, statt sachte zu reformieren - was die Rezession nach vielen gängigen Diagnosen eindeutig und unnötig verlängert hat. So lange, bis es für die Catalinistas reichte, hinreichend vielen unzufriedenen Katalanen weiszumachen, dass an allem Unbill der böse Spanier schuld ist. Siehe oben.

Zurückgegangen sind Arbeitslosen- und Zustimmungsquoten für den katalanischen Staat erst, seit 2013 die große Austerität zu Ende ging und die Wirtschaft seither auch wieder zu wachsen begann. Spät. Zu spät, um das aktuelle Drama noch zu verhindern - in dem sich die Herren Puigdemont und Rajoy nun gegenseitig hochschaukeln.

Ein europäisches Desaster - an dem auch unser Bundesfinanzminister und Austeritätsmeister dann nicht ganz unschuldig ist. Höchste Zeit dafür zu sorgen, dass sehr viel mehr Verlierer der Krise sehr viel schneller wieder zu Gewinnern werden. Nicht nur in Katalonien. Und in unserem Interesse. Sonst werden wir bald noch viel mehr Zeit mit Sezessionskämpfern verbringen.

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rm9 13.10.2017
1. Der Artikel geht völlig an der Wahrheit vorbei
Deutschland hat keinen Druck auf Spanien ausgeübt. Die spanische Regierung besaß zu jedem Zeitpunkt eine autonome Finanzpolitik. Die Wahrheit ist doch, dass der spanische Staat seit der Einführung des Euros auf Pump gelebt hat, was in den Nullerjahren mit einem erheblichem Kapitalabfluss aus Deutschland einherging. Es ist überhaupt keine gängige Meinung, wie Herr Fricke schreibt, dass sanfte Reformen besser gewesen wären. Die europäische Peripherie ist selbst schuld, über Jahrzehnte wurde das Wirtschaftswachstum auf Pump finanziert, und in einem aufgeblähtem Staat verpulvert. Wenn einer daran schuld ist, dann ist es der Markt, der einem schlecht wirtschaftetem Staat keine billigen Kredite mehr zur Verfügung stellt. Die Darstellung, dass DEutschland schuld sei an der Unabhängigkeit Kataloniens, ist derart konstruiert, dass sich hier schon eine ideologische Verzerrung von Fakten erkennen lässt.
zicke-zacke 13.10.2017
2. Komisch..
....sonstwo wird alles Unbill der EU angelastet, wo doch die eigene Regierung der Sündenbock ist. Hier wäre es - dem Artikelschreiber zufolge - umgekehrt.
Wolfgang Heubach 13.10.2017
3. Fricke-Kolumne enthüllt die Wahrheit
Dem ist nichts hinzuzufügen. Und die Geschichte wird ein völlig anderes Bild von Frau Merkel und Herrn Schäuble zeichnen, als uns von den Staats- und Pateimedien vermittelt wird. Helmut Kohl hat in seiner Amtszeit in diesen Fragen richtig gehandelt. Merkel und Schäuble können ihm diesbezüglich nicht das Wasser reichen.
peter.di 13.10.2017
4. Es ist auch eine Folge der Euro-Krise
Weil die Immobilienblase eine Folge der Minizinsen mit dem Euro war und Spanien nicht eine eigene Währung abwerten konnte. Aber nicht des deutschen Managements der Euro-Krise. Auch wenn das einigen sicher viel besser ins Weltbild passen würde.
candido 13.10.2017
5. Fricke schreibt,
dass das Unabhängigkeitsdogma in den vergangenen Jahren so populär werden konnte, andere Gründe als historisch lang zurückliegende Vorfälle oder vermeintlich zu hohe Transfers haben muss. Eine aus meiner Sicht recht plausible, zusätzliche Erklärung hat kürzlich in einem Interview , Alfonso Guerra, der ehemalige Vizechef der Sozialisten (PSOE) und rechte Hand von Felipe Gonzalez gegeben. Der Schlüssel liegt im katalanischen Schulsystem: Unterichtssprache in den Schulen ist grundsätzlich katalanisch. Nur derjenige Personenkreis, der diese Sprache beherrscht, darf demzufolge Lehrer werden. De facto besteht damit der Lehrkörper also fast ausschliesslich aus Katalanen. Wenn es stimmt, was Alfoso Guerra ergänzend dazu behauptet, nämlich dass die Mehrheit des Lehrkörpers in der Primar- und Sekundarstufe Mitglieder der Partei „Esquerra Republicana de Catalunya“ ( ERC ) sind, wird einem Einiges klar. Die ERC ( Republikanische Linke Kataloniens) hat sich seit jeher als oberstes Ziel Unabhängigkeit Kataloniens auf die Fahnen geschrieben. Das Ergebnis 40jähriger Indoktrination in den Schulen war offenbar erfolgreich. Anders lässt sich der Hass der Sezessionisten auf alles „spanische“ nicht erklären.
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