Kaufhaus-Angestellte "Karstadt ist mein Leben"

Alles Hoffen hat nichts genutzt: Die Mitarbeiter der Karstadt-Filialen reagieren schockiert und verzweifelt auf die Insolvenz ihres Mutterkonzerns. Ein bisschen Trost kommt von denen, für die sie arbeiten - den Kunden.

Von Timo Kotowski und Esther Wiemann


Hamburg - Um 14.15 Uhr wird es bei Karstadt in Hamburg-Wandsbek plötzlich hektisch. Gerade noch hatten Journalisten mit Mitarbeitern und Kunden über den Insolvenzantrag des Mutterkonzerns Arcandor gesprochen, nach ihren Hoffnungen und Wünschen gefragt. Jetzt aber ist damit Schluss: Die Zentrale in Essen habe sich gemeldet und verfügt, vor Ort keine Auskünfte mehr zu geben, heißt es plötzlich kategorisch. Mitarbeiter, zuvor noch redefreudig, führen die Reporter zum Ausgang, ohne von deren Seite zu weichen. Ein Rauswurf - freundlich, aber bestimmt.

Denn die Mitarbeiter, die Verkäufer zwischen Kleiderständern, Porzellanregalen und Süßwarentheken erfahren später als die Öffentlichkeit, dass ihr Hoffen umsonst war. Dass Arcandor beim Amtsgericht in Essen einen Insolvenzantrag eingereicht hat. Die Nachricht, die bereits zum Mittag aus Regierungskreisen durchsickerte, ist nicht bis in die Abteilungen des Kaufhauses am Wandsbeker Marktplatz vorgedrungen.

1000 Blumen - im Voraus bezahlt

Noch am Morgen herrschte in dem Sandsteingebäude aus den Zwanziger Jahren, dessen Fassade die Herrschaftlichkeit früherer Warenhaus-Blütejahre ausstrahlt, noch Hoffnung. Zwar hatte der Betriebsrat für den nächsten Tag zur Betriebsversammlung geladen - dass da aber bereits der Insolvenzantrag gestellt sein würde, erwartete niemand. Stattdessen begrüßten Verkäufer, Betriebsrat und Filialleitung in den ersten anderthalb Stunden jeden Kunden mit einem Infoblatt und einer Rose.

1000 Blumen hatte man dafür bestellt, doch etwas war bereits anders. "Der Blumenhändler bestand darauf, dass wir gleich bar bezahlen", sagt Christoph Kellenter, Karstadt-Filialchef in Hamburg-Wandsbek. 45 Jahre ist er alt, davon 29 Jahre bei Karstadt, seit 1993 in einer Leitungsposition, mittlerweile führt er sein fünftes Warenhaus. "Karstadt ist mein Leben", sagt er - und bei seiner Biografie fällt es leicht, ihm diesen Satz zu glauben.

Auch bei den Verkäufern ist die Stimmung gedämpft. "Die letzten Tage ging es noch, aber seit sich die Lage zuspitzt, ist mir schon flau im Magen", gesteht Werner Michela, der den Titel Erster Verkäufer Heimwerker und Haushaltswaren trägt. So werden bei Karstadt die Mitarbeiter genannt, die den Abteilungsleitern assistieren.

Die Beschäftigten sind zusammengerückt

Seine Kollegin Jeanette Stern durchlebt derweil ein Wechselbad der Gefühle: Die Auszubildende zur Einzelhandelskauffrau, seit zweieinhalb Jahren bei Karstadt, hat binnen weniger Tage gleich zwei Nachrichten von ihrem Arbeitgeber bekommen. In der vergangenen Woche teilte Arcandor ihr mit, dass sie wegen guter Leistungen an die Lehrjahre im Kaufhaus direkt eine Fortbildung mit Prüfung zur Handels-Fachwirtin anschließen darf.

Doch das war im alten Leben. Vor dem Insolvenzantrag.

Die Beschäftigten sind umso enger zusammengerückt, je mehr Negativschlagzeilen sie von außen erreichten. "Wir Mitarbeiter unterhalten uns täglich. Man macht sich gegenseitig Mut, das finde ich toll", sagt Steffi Bachmann, Assistentin der Abteilungsleitung für Damenoberbekleidung. Doch fügt sie hinzu: "Aber die Angst bleibt."

Heide Hoffmann berät seit einem Vierteljahrhundert Kunden, welchen Pullover, welches Kleid oder welche Hose sie kaufen sollten. Bei Karstadt hat sie nicht nur ihren Ehemann kennengelernt. Sie hat auch miterlebt, wie sich die Zahl der Kollegen in der Abteilung nahezu halbierte, wie gediegene Einrichtung durch helle Töne ersetzt wurde und wie an den Kleiderständern jüngere Markenmode den Faltenrock für die ältere Dame verdrängte.

Doch das alles hat nicht viel genutzt. "Das schlimmste ist die Machtlosigkeit, man hat keinen Einfluss", sagt sie. Es klingt bitter.

Das gilt auch für die Filialen, von denen man sich den Aufbruch erhofft hatte. Die in guten Lagen der Innenstadt mit viel Aufwand saniert wurden - wie etwa das Haus in der Hamburger Mönckebergstraße. Auf fünf Etagen gibt es hier einfach alles: Edel schimmernde Parfum-Flakons, teure Füller oder Gebrauchsgegenstände wie Töpfe in allen erdenklichen Ausführungen. Ein paar Teenies probieren im Erdgeschoss Lippenstiftfarben aus. Viele Kunden haben Karstadt-Tüten in der Hand, an den Kassen bilden sich kleine Schlangen. Freundliche Verkäufer und Verkäuferinnen in schwarzen Anzügen, bieten den Kunden ihre Hilfe an.

"Freundschaft, die nun fast 75 Jahre besteht"

Aber auch hier hat sich die Nachricht vom Scheitern der Rettungsbemühungen schon herumgesprochen. Emmi Kröger kauft seit vielen Jahren in der Hamburger Filiale ein. "Das ist das Letzte, wenn unser schönes Karstadt pleite geht", sagt die 82-Jährige. Es ist so ein schönes Haus für die kleinen Leute." Für sie ist Karstadt immer der erste Anlaufpunkt. "Meine Strümpfe gibt es nur hier. Wo soll ich die denn in Zukunft kaufen?", bedauert sie.

Auch Dieter Günther aus Hamburg hängt an Karstadt: "Ich kaufe einiges hier, zum Beispiel Besteck, Geschirr, Kleidung und Schreibwaren oder Postkarten, wie zum Beispiel heute. Ich finde das Prinzip Warenhaus gut", sagt er. Vor allem für die Mitarbeiter von Karstadt tut es ihm leid.

Trost gibt es wenig für die Karstadt-Beschäftigten in der Stunde des Insolvenzantrags. Für die Leitung der Filiale am Wandsbeker Markt in Hamburg bleibt immerhin ein rührender Moment: Eine Stammkundin hat einen Brief geschrieben. Auf zwei handgeschriebenen Seiten sind Erinnerungen an vergangene Jahrzehnte aufgeschrieben, in denen Karstadt noch Mittelpunkt deutscher Innenstädte war, und eine Reihung persönlicher Episoden.

Die Frau erinnert sich an ihr Kindervergnügen beim Fahrstuhlfahren, an die Schildkrötenpuppe, die sie 1941 zur Einschulung bekam, gekauft im nahen Karstadt. Und daran, dass Mitschüler bei Angriffen im Zweiten Weltkrieg im Karstadt-Keller Unterschlupf fanden und dort verschüttet wurden.

Sie sei traurig, schreibt sie, "wenn man mir die Freundschaft nimmt, die nun fast 75 Jahre besteht".



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yupii 09.06.2009
1. Spiegel-Online hat DIE Macht
Das sich Spiegel-online damit brüstet, dass sie, durch das Vermelden der Entscheidung des Vorstands, den Antrag auf einen staatlichen Notkredit nicht zu verbessern, den Kurs um 30 % fallen sinken lassen haben finde ich überheblich und beängstigend. Wer sich so mit seiner vermeintlichen macht rühmt und auch noch so leichtfertig damit umgeht, der kann einen ja nur Angst machen. Sich mit Dingen zurühmen , die nichts Gutes sind ist man eigentlich eher von der Bild-Zeitung gewohnt
bringtheheat, 09.06.2009
2. Faire Lösung
Die Insolvenz ist wohl die fairste Lösung für alle. All die Absolventen von Studium und Ausbildung bekommen momentan keine Chance zu zeigen was sie können. Arcandor hatte seine Chance, hat sie aber nicht genutzt. Nun sind andere an der Reihe. Neben den offensichtlichen Fehlern des Big-Business-Middelhoff, die Immobilien zu verkaufen tragen aber auch die Verkäufer in den Häusern eine gehörige Mitschuld. Ich kann zwar nicht beurteilen inwiefern der Verkauf der Immobilien damals alternativlos war, aber ich kann beurteilen, das ein Unternehmen ohne Werte immer am Abgrund steht, da man speziell bei den regelmäßigen Kreditverhandlungen im Handel nichts einbringen kann und keine Sicherheiten vorlegen kann. Man geht dort einkaufen, wo man sich wohl fühlt. Auf den Cent achtet man bei der Größenordnung nicht. Bei dumm und dreist in Gruppen rumstehenden Verkäuferinnen fühlt man sich nunmal nicht wohl. In kleineren Filialen trampeln einem die Verkäuferinnen überspitzt formuliert direkt auf die Füße sobald man den Laden betritt. Die schleppende Sanierung der Häuser tut ein übriges. In meiner Stadt (330tsd Einw.) fühlt man sich bei Karstadt eher wie auf nem türkischem Basar. Interessanterweise hat Arcandor durch den Verkauf der Immobilien Vertrauen bei den Kreditgebern verloren. Der Götze einer möglichst hohen Eigenkapitalrentabilität die ja gerade durch wenig Eigenkapital erreicht wird, also möglichst wenig Risiko einzugehen ist in diesem Fall wohl auch gescheitert. Die Entscheider vergessen heutzutage oftmals, das es Käufer und Verkäufer, Schuldner und Gläubiger usw. gibt. Das ganze nennt sich wohl modernes Unternehmertum...lol Ich möchte hier mal die These aufstellen, das die Insolvenz lange Zeit absehbar war und man daher alle Vermögenswerte schon vor längerer Zeit von Arcandor abgetrennt hat. Wer steigt mit ein?...:-D
idealist100 09.06.2009
3.
Zitat von sysopArcandor gibt auf: Der Handelskonzern hat Antrag auf Insolvenz gestellt. Betroffen sind die Tochterfirmen Karstadt, Quelle, Primondo, aber nicht Thomas Cook. Ist diese Insolvenz-Lösung die beste für den Konzern und seine Angestellten?
Wenn 50 % der Jobs erhalten werden zu marktüblichen Gehältern, kein Lohndumping wie bei Karstadt/Quelle, dann war es ein Erfolg. Vielleicht werden es ja auch mehr. Ich hoffe nur das kein müder Eurone für die Eigner Schicki-miki, Openeimer, Esch, middelh, Eick etc. übrigbleibt.
elwu, 09.06.2009
4. Klar
ist eine Insolvenz die beste Lösung, wäre es auch bei Opel gewesen... Zum Artikel: "Die Finanzkrise hat erstmals einen deutschen Großkonzern in die Insolvenz getrieben." Ah ja? Arcandor war schon seit Jahren siech! Auch ohne die Finanzkrise. Wenn doch wenigstens die Journalisgten aufhören würden, die Finanzkrise für jede Pleite als Begründung zu nennen. Statt richtigerweise das Versagen und/oder die Gier von Managern und Politikern.
D0nJuAn 09.06.2009
5.
Ein dank an die Regierung das sie es nicht zum kompletten Dammbruch hat kommen lassen.
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