Geld zu verschenken


Es klingt wie ein Traum: Arme Menschen bekommen Geld ausbezahlt, jeden Monat, jahrelang - ohne irgendwelche Bedingungen. Eine US-Organisation testet derzeit in Kenia, wie sich das auswirkt.

Von Patrick Witte (Text) und Kirsten Milhahn (Fotos und Videos)

Als der Dorfvorsteher sie zu einer Versammlung unter den Akazienbäumen einlud, war Norah Odhiambo skeptisch. Im vergangenen September war das, über dem nahen Viktoriasee türmten sich Gewitterwolken, erzählt die 34-jährige Kenianerin. Sie legte ihre Machete zur Seite, mit der sie für wenige Schilling Tageslohn auf dem Feld ihres Nachbarn Sträucher rodete. Eine neue Hilfsorganisation möchte sich vorstellen, sagte der Vorsteher, der Name: "GiveDirectly". Odhiambo dachte nur: "Schon wieder eine Hilfsorganisation."

Norah hat schon viele Helfer kommen, vor allem aber wieder gehen sehen. Ihr Dorf liegt in der Region um die Stadt Bondo am Ostufer des Viktoriasees, in einer der ärmsten Gegenden Kenias. Fast die Hälfte der Anwohner hier muss mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen. In den meisten Dörfern gibt es weder Strom noch fließend Wasser; und falls es überhaupt Arbeit gibt, dann als Viehhirte, Fischer oder Feldarbeiter.


Seit Jahrzehnten versuchen internationale staatliche und private Hilfsorganisationen aus der ganzen Welt, die Region zu entwickeln: Deutsche trieben Brunnenschächte in den rostroten, trockenen Boden, Jugendliche aus den USA mauerten Schulen in die abgelegenen Dörfer der Region. Briten brachten Lebensmittel, Decken und Medikamente in die miserabel ausgestatteten Krankenstationen. Norah will nicht undankbar wirken, doch die Menschen vor Ort hatten wenig von der Hilfe: Unwetter rissen Dächer wieder von den Schulen, sagt sie. Wasserpumpen gingen kaputt, und niemand konnte sie reparieren, Medikamente bekämpften oft nur Symptome, nicht aber die Ursachen der Krankheiten. Für manche Menschen in Bondo mag sich das Leben verbessert haben, sagt Norah, aber nicht für die Armen.

Wie aber kann wirksam geholfen werden? GiveDirectly, die Organisation, die sich in Norahs Dorf vorstellte, glaubt, darauf eine Antwort gefunden zu haben. Trotz aller Skepsis setzte sich Norah Odhiambo in den kühlen Schatten der Bäume und hörte zu. Für sie änderte sich damals alles.

"Als die Mitarbeiter ihr Projekt vorstellten, dachte ich nur: Kann das wirklich sein?", sagt Norah heute. Die Organisation wollte allen 300 Dorfbewohnern Geld zahlen: umgerechnet 22 Dollar, ohne Vorgaben, ohne Bedingungen, jeden Monat, zwölf Jahre lang. In ihrem Dorf, so sagten die Mitarbeiter, solle das Pilotprojekt beginnen, das noch vielen weiteren Menschen in West-Kenia helfen soll: ein Grundeinkommen für jeden erwachsenen Bewohner. Norah lacht immer noch ungläubig, wenn sie davon erzählt.

Video: Norah und Erick Odhiambo über ihr Leben mit dem neuen Grundeinkommen.


GiveDirectly spricht vom bislang größten Experiment mit einem bedingungslosen Grundeinkommen - und weckt damit auch in vielen Industrienationen Interesse, wo dieser Begriff in den vergangenen Jahren zunehmend intensiv diskutiert wird. Doch das ist ein wenig irreführend: Zwar gibt oder gab es auch in Finnland, Deutschland oder Kanada Versuche mit verschiedenen Arten „bedingungsloser Grundeinkommen“. Auch dort erhalten einige Menschen von privaten Initiativen oder von staatlichen Institutionen über einen bestimmten Zeitraum Geld, ohne dafür eine Gegenleistung zu erbringen.

Aber in diesen Industrienationen ist die Fragestellung eine andere: Ist der Zwang zur Erwerbsarbeit in einer Überflussgesellschaft noch zeitgemäß? Wie bestreiten Bürger ihren Lebensunterhalt, wenn Roboter und künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze übernehmen sollten? Kann ein Grundeinkommen die Sozialsysteme ersetzen?

Nur wenige Fragen, die etwa bei der erfolglosen Volksabstimmung über ein bedingungsloses Grundeinkommen in der Schweiz im vergangenen Jahr diskutiert wurden, sind auch auf die Umstände in Kenia übertragbar: Wie wirkt ein Grundeinkommen auf das Verhalten der Menschen? Macht es sie frei und unabhängig oder unmotiviert und faul?

Im Zentrum steht bei GiveDirectly eine andere Frage: Wie kann absolute Armut am wirkungsvollsten bekämpft werden? Die These: Klassische Entwicklungshilfe ist an der Aufgabe gescheitert, direkte Geldzahlungen können das Problem lösen. Sechs Wochen nachdem die Organisation der Dorfversammlung ihren Plan erläutert hatte, begann das Experiment.

Bargeld als Starthilfe


Seit mehr als einem Jahr landet nun an jedem Monatsanfang eine Kurznachricht auf den Handys von Norah und den anderen Dorfbewohnern: Wieder sind 2250 Schilling eingegangen, abzuholen beim nächsten M-Pesa-Stand. M-Pesa heißt das Programm für mobile Geldtransfers in Kenia, das es jedem Handybesitzer ermöglicht, auch ohne Bankkonto Geld per SMS in jeden Winkel Kenias zu verschicken. Die Empfänger holen ihre Schillinge in den mintgrün gestrichenen M-Pesa-Stationen ab. Für die Kenianer ist der Dienst praktisch, für das System von GiveDirectly bildet er die technische Grundlage. Mit M-Pesa erreicht die Organisation die Geldempfänger direkt und kann potenziell korrupte Mittelsmänner umgehen, zudem sind die Nebenkosten gering.

In mancher Hinsicht scheint sich das Versprechen schon nach kurzer Zeit erfüllt zu haben. Norah Odhiambo rodet kaum noch fremde Felder, sie bestellt jetzt ihr eigenes. Ihr Ehemann Erick hat aus armdicken Ästen einen Verschlag zusammengenagelt, in dem drei Ziegenlämmer schlafen. Neben dem kleinen Stall wiegt auf einem halben Hektar Mais im Wind. Auf dem neu gebauten Lehmhaus der Familie Odhiambo funkelt ein Wellblechdach, innen stehen ein Sofa und Sessel - ebenfalls neu - auf dem nackten Erdboden. Erick erzählt, er habe mit dem Geld endlich zwei Netze kaufen können und arbeite nun wieder als Fischer auf dem Viktoriasee.

Mittagessen bei den Odhiambos: Norah hat Githeri gekocht, eine traditionelle kenianische Mahlzeit aus Bohnen und Mais, dazu gibt es Tee mit Milch.

An der Hilfe von GiveDirectly schätzt Norah vor allem die Unabhängigkeit. "Wir haben die Freiheit, das Geld nach eigenen Vorstellungen auszugeben. Niemand gibt uns vor, was wir uns kaufen, wie viel wir sparen. Das ist anders, als wir es bisher kannten", sagt Norah. Jahrelang kamen Hilfsorganisationen mit Zement, Schulbüchern oder Reissäcken in ihr Dorf. Hilfe bestand vor allem aus Sachspenden. Was die Menschen vor Ort aber am Nötigsten brauchten, entschieden oft nicht sie selbst, sondern Experten der Wohltätigkeitsorganisationen und Entwicklungshelfer.

Schon Ende der Achtzigerjahre experimentierten einige Staaten wie Deutschland mit Direktzahlungen, damals in Mosambik. Spätestens seit der damalige Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon auf dem Nothilfegipfel 2016 dazu aufrief, Geldtransfers zum "bevorzugten und Standardinstrument" der humanitären Hilfe zu machen, wird die Idee weltweit wieder aufgenommen. GiveDirectly sieht sich selbst als Vorreiter, seit 2011 arbeitet die Organisation mit Direktzahlungen. Sie ist überzeugt: Empfänger wie Norah wissen selbst am besten, wie sie das Geld sinnvoll verwenden. Ohne Vorgaben oder Bedingungen.

GiveDirectly orientiert sich bei der Höhe der Summe an Statistiken der Weltbank und der kenianischen Regierung, denen zufolge jeder erwachsene Kenianer für seine monatliche Versorgung mit Lebensmitteln mindestens 22 Dollar benötigt. Norah und Erick ist bewusst, dass die Summe nur ihre Grundbedürfnisse deckt, Norah empfindet das Geld aber als Sicherheit. "Wir können nun unserer wirklichen Arbeit nachgehen, statt uns Sorgen zu machen, ob wir mit einfachen Tagesjobs genug für die nächste Woche verdienen. Wenn du weißt, dass nach einem anstrengenden Tag genug Essen zu Hause wartet, beruhigt dich das."

Heute weiß Norah Odhiambo, dass zu Hause genug Essen auf sie wartet.

Begleitende wissenschaftliche Untersuchungen in Kenia und anderen Ländern, die mit einem Grundeinkommen experimentieren, zeigen, dass die Empfänger bedingungslos bereitgestelltes Geld nur selten für Rausch- und Genussmittel verwenden. Vielmehr setzen sie es meist strategisch ein. So wie Norah und ihr Ehemann Erick, die beide noch nie ein festes Monatseinkommen hatten, und trotzdem einen Plan entwickelten.

Ob die Mehrheit der Grundeinkommensempfänger so handelt wie die Odhiambos, ist noch nicht bekannt. GiveDirectly schirmt das Experiment gut ab. Journalisten finden den Weg in die Dörfer der Teilnehmer nur in Begleitung von Mitarbeitern der Organisation, die auch die Interviewpartner auswählt. Präsentiert werden wohl vor allem die Erfolgsgeschichten - ob Norah und Erick den Normalfall darstellen, ist offen ebenso wie die Frage, ob sich ihre Situation dauerhaft verbessert oder ob ihnen das Grundeinkommen nur eine Atempause verschafft.

Hinter GiveDirectly stehen frühere Wirtschaftsstudenten der US-Eliteuniversitäten MIT und Harvard. Vor acht Jahren wollten sie die These ihrer Abschlussarbeiten in der Realität überprüfen: Vermindern Geldtransfers die Not in Entwicklungsländern? Die ersten Ergebnisse aus kleineren Versuchen in Kenia machten ihnen Mut. Sie gründeten ihre eigene Hilfsorganisation, zu ihren Spendern zählen Silicon-Valley-Größen wie Google, Facebook oder Ebay.

Entwicklungshilfe neu gedacht


Mit Direktzahlungen aus Spenden will GiveDirectly in kurzer Zeit erreichen, was Entwicklungshilfe in den vergangenen 50 Jahren nicht vollständig geschafft hat: Menschen nachhaltig aus extremer Armut zu bringen. Kritiker der internationalen Entwicklungspolitik setzen auf GiveDirectly und hoffen auf grundlegende Veränderungen.

Afrikanische Ökonomen wie Dambisa Moyo aus Sambia oder James Shikwati aus Kenia machen die klassische Entwicklungshilfe dafür verantwortlich, dass viele afrikanische Staaten so rückständig sind. Der verlässliche Fluss von Hilfsgeldern zerstöre in den Empfängerländern jeden Anreiz, rentabel zu wirtschaften, sagt die frühere Goldman-Sachs-Bankerin und Volkswirtschaftlerin Moyo. Shikwati wirft vielen afrikanischen Regierungen vor, keine eigene Position zu haben und nur den Ansagen ihrer Geldgeber zu folgen.

Dabei ist die jüngere Geschichte Kenias im Vergleich zu der anderer afrikanischer Staaten eher eine Erfolgsgeschichte: Das Land gilt als relativ stabil, die durchschnittliche Lebenserwartung der Kenianer ist in den vergangenen fünfzig Jahren von 51 auf fast 67 Jahre gestiegen, mehr als 85 Prozent der Jugendlichen können lesen und schreiben, die Wirtschaft wächst derzeit jährlich um mehr als fünf Prozent.

Kritiker wie Moyo, Shikwati oder der deutsch-äthiopische Autor und Unternehmensberater Asfa-Wossen Asserate halten die Ergebnisse auf dem afrikanischen Kontinent insgesamt aber für viel zu gering. Asfa-Wossen schätzt die seit 1960 bisher gezahlte Entwicklungshilfe für ganz Afrika auf rund 800 Milliarden Euro. Statt nachhaltiges Wachstum habe diese Entwicklungshilfe vor allem neue Abhängigkeiten geschaffen - und die Konten korrupter Politiker gefüllt, kritisiert Asfa-Wossen.


GiveDirectly beziffert die Summe, die weltweit in die Entwicklungshilfe fließt, auf 150 Milliarden Dollar jährlich. Die Hälfte an Geldtransfers würde reichen, rechnet die Organisation auf ihrer Website vor, um jedem der 700 Millionen extrem armen Menschen zu helfen. Was in der Rechnung fehlt: Die US-Organisation ist auf eine Infrastruktur angewiesen, die sie selbst nicht schaffen kann. Dass Kenias Wirtschaft heute wächst, die politischen Strukturen gefestigt sind und die meisten Kinder zur Schule gehen, ist auch das Ergebnis jahrzehntelanger Entwicklungsarbeit durch die Industrieländer.

Direkte Geldzahlungen können darauf aufsetzen - und sie haben einen Vorteil: Sie verursachen kaum Nebenkosten, sie brauchen keine Lagerhallen für Säcke mit Nahrungsmitteln und keine Vermittler. "Nicht zuletzt durch neue Techniken wie M-Pesa erreichen wir eine Effizienz von mehr als 90 Prozent bei unseren Geldzahlungen", sagt Caroline Teti, Direktorin für "external relations" von GiveDirectly. Die operativen Kosten könnten stark gesenkt werden, weil die logistischen Herausforderungen wegfallen. Von 100 gespendeten Dollar landen laut GiveDirectly 91 direkt bei den Empfängern.

Mit dem M-Pesa-System lässt sich Geld auch in die entlegensten Winkel Kenias schicken.

Teti pflegt den Kontakt zu den Ministerien in Kenia, zu Spendern und den Medien. Berichte sowohl über Erfolge als auch über Probleme landen auf dem schmalen Holzschreibtisch der 39-Jährigen im Regionalbüro von GiveDirectly - ein Zimmer in einem leicht heruntergekommenen Hotel in der Stadt Bondo.

Teti koordiniert mit vierzehn Mitarbeitern in dem langgezogenen Raum voller wackeliger Holzregale, Akten und Computern die nächsten Einsätze. Einige bleiben im Büro, doch die meisten fahren jeden Tag von Dorf zu Dorf und verbreiten die Idee von GiveDirectly. Mit Erfolg. Seit Ende November zahlt die Organisation in weiteren Dörfern Grundeinkommen aus - an insgesamt 17.000 Teilnehmer in 124 Dörfern. Geschätzte Gesamtkosten des Projekts: 30 Millionen Dollar, von denen laut GiveDirectly bereits 26 Millionen durch Spenden gesichert sind.

Die US-Hilfsorganisation lässt ihr Experiment durch Wissenschaftler begleiten. In zweieinhalb Jahren sollen die ersten Ergebnisse vorliegen - und Teti formuliert einen klaren Anspruch: "Wir wollen mit unseren Direktzahlungen die Diskussion über die Entwicklungshilfe beeinflussen. Und zwar so weit, dass Geldtransfers zum neuen Standard werden." Bevor sie zu GiveDirectly kam, arbeitete Teti vierzehn Jahre für andere Hilfsorganisationen in Kenia, studierte "Entwicklungspolitische Kommunikation" in Kenia sowie "Geschlechterforschung und Menschenrechte" in Schweden und hat einen Überblick über die Ansätze der Entwicklungshilfe.

Video: Caroline Teti über die Arbeit von GiveDirectly in Kenia.


Grundsätzlich folgt GiveDirectly dem Konzept der "Hilfe zur Selbsthilfe", dem Credo der Entwicklungshilfe seit Jahrzehnten: Menschen sollen in die Lage versetzt werden, ihr Leben selbst zu verbessern. Banken vergeben nun Mikrokredite, Universitäten und Unternehmen aus den Industrienationen bilden Wissenschaftler, Ökonomen oder Beamte weiter. Teti spricht von einem "Käfig der Armut", der mit den Geldzahlungen durchbrochen werden könne. Für sie steht fest: "Armut macht passiv, und die Leute akzeptieren ihre Situation als ihr Schicksal. Doch die Leute hören nicht auf zu denken, nur weil sie arm sind. Sie wollen Veränderung, schlagen aber mit dem Kopf gegen die Wand, weil sie nicht wissen, wie sie ihre Ziele erreichen können."

Für Teti ist die Lösung einfach: Geld. "Diesen Leuten Bares zu geben, öffnet ihnen die Augen. Sie sehen plötzlich Möglichkeiten. Und wir geben ihnen die Gelegenheit, sie wahr zu machen." Das Wissen sei vorhanden, so Teti, fast jedes Kind gehe in Kenia mittlerweile zur Schule, viele Erwachsene erlernten einen Beruf. Nur: "Wissen ohne Geld bringt den Leuten nicht viel. Denn kaum jemand hatte hier einen Cent, um zu investieren", sagt Teti.

Das 1000-Dollar-Geschenk


GiveDirectly hat unterschiedliche Ansätze der direkten Transfers ausprobiert, insgesamt haben mehr als 50.000 Haushalte in Kenia Zahlungen erhalten: Vor dem Versuch mit einem auf zwölf Jahre befristeten Grundeinkommen zahlte die Organisation einer als "besonders arm" identifizierten Zielgruppe 1000 Dollar, aufgeteilt auf drei Chargen innerhalb weniger Wochen. Auch die Empfänger dieser Einmalbeträge durften damit tun, was sie wollten.

Wer wissen möchte, wie sie das Geld verwendet haben, ist darauf angewiesen, dass GiveDirectly einen Kontakt herstellt - die Namen der Empfänger und ihrer Dörfer hält die Organisation geheim. Vom Hotelbüro aus führt die Schnellstraße C 27 in die Dörfer der Armut, von denen Teti spricht. Zwei asphaltierte Spuren mit unbefestigtem Rand, auf denen sich die Fahrer der Motorradtaxis waghalsige Rennen mit klapprigen, überladenen Bussen und überdimensionalen SUVs mit verdunkelten Scheiben liefern.

Neben der Piste reihen sich aus Pappe, Holz und alten Werbeplakaten zusammengezimmerte Hütten an grob verputzte, einstöckige Betonquader, deren ausgeblichene zitronengelbe oder mintgrüne Wände von rotem Staub überzogen sind. In der Luft liegt der Geruch brennenden Mülls, Frauen balancieren Einkäufe auf ihren Köpfen, Männer schrauben an verschlissenen Yamaha-Motorrädern herum oder warten vor Kiosken, M-Pesa-Shops oder frisch geschlachteten Ziegen auf Kundschaft.

Händler vor einem M-Pesa-Shop.

Von der Schnellstraße führen Feldwege zu den einzelnen Dörfern. Hirten treiben Kuhherden mit dem Stock um badewannengroße Schlaglöcher herum zu den Ansammlungen von braunen, kleinen Lehmhütten, von denen manche noch mit Stroh, viele mit Wellblech gedeckt sind. Abgeschieden unter Papayabäumen, neben Gerstenfeldern und Viehställen wirken die Lichtungen der Grundstücke wie Inseln innerhalb des Dorfes und sind nur zu Fuß über schmale Fußwege erreichbar.

In einem dieser abgelegenen Flecken haben 390 Bewohner Einmalzahlungen von GiveDirectly bekommen. Einer von ihnen ist Habil Juma Ongolo, 39 Jahre alt, verheiratet, Vater eines dreijährigen Sohnes. Ongolo erinnert sich noch gut an die Zeiten, als er noch ohne Nachwuchs mit seiner Frau Evelyn in einer kleinen Strohhütte ohne Strom und Toilette lebte. Ihr Bett war der harte Lehmboden, bedeckt mit einer Strohmatte, daneben pickten drei Hühner - ihr gesamter Besitz. Ongolo war Tagelöhner: Felder roden, Böden umgraben, schweißen, solche Sachen. Er verdiente 50 Schilling am Tag, weniger als einen halben Euro - wenn es gut lief.

"Ich lebte nur im Augenblick, musste immer schauen, wo ich Geld herbekomme. Und was ich hatte, gab ich gleich aus - für Seife, Essen oder Wasser", sagt Ongolo heute und lehnt sich auf seinem weißen Plastikstuhl zurück. Vor ihm auf einer tiefgrünen Wiese steht sein neues Haus mit zwei Zimmern, Bett und Wellblechdach. Seine erste Investition, nachdem er die GiveDirectly-Zahlung erhalten hatte.

Video: Was Habil Ongolo von seinem GiveDirectly-Geld noch gekauft hat.


Drei Raten binnen zwei Monaten brachten Ongolo und seiner Familie im November 2016 ungeahnten Reichtum - 1000 Dollar, das entsprach seinem sechsfachen durchschnittlichen Jahreseinkommen. „Das Geld setzte mich in Bewegung“, sagt er. Ongolo investierte weiter. Er kann die genauen Summen auswendig aufzählen, die er ausgegeben hat: für die Pacht von eineinhalb Hektar Ackerland auf dreißig Jahre, für vier Säue und einen Eber, die bald Nachwuchs für den Viehmarkt bringen, für die Bananenstauden und vor allem für 2500 junge Eukalyptusbäume. Zusammen mit dem kleinen Laden, in dem seine Frau die Ernte verkauft, sollen diese Anschaffungen seiner Familie regelmäßige Einnahmen bringen. Genug, um den Sorgen von damals zu entfliehen.

In wenigen Jahren, so rechnet Ongolo vor, werden die Bäume groß genug sein, damit er sie für 30 Euro pro Stück weiterverkaufen kann. Ongolo hat keinen Cent zur Seite gelegt, sondern alles investiert. Und sieht nun jeden Tag sein Einkommen wachsen. Gott und Glück sei Dank, wie er sagt.

Auch ein paar Rinder haben Habil Ongolo und seine Frau Evelyn von der Einmalzahlung gekauft.

In jedem Fall hatte er Glück, in die Auswahlkriterien von GiveDirectly zu passen. "Wir nutzen die Daten der Regierung und identifizieren die ärmsten Regionen des jeweiligen Landes", sagt Teti. Danach reisen Teams von GiveDirectly mit einem Fragenkatalog in die Dörfer, um die bedürftigsten Einwohner zu ermitteln. Sie untersuchen insgesamt 28 Kriterien wie Schulbildung, Verfügbarkeit von Toiletten, Zustand der Häuser, Nahrung oder Viehbestand. Daraus errechnen sie eine Punktzahl, die festlegt, wie arm der Bewohner einzustufen ist. Nur wer arm ist, bekommt Geld - im Gegensatz zu den Versuchen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen in den Industrienationen.

Nicht überall ist die Hilfe von GiveDirectly willkommen. In manchen Dörfern, sagt Teti, stand am Ende der Glaube zwischen ihrer Organisation und den Menschen. Besonders um Homa Bay, einer Bucht am Viktoriasee. Diese Dörfer seien nicht nur bitterarm, sondern auch: tiefgläubig - Evangelikale, Freikirchen, allesamt bibeltreu. "Sie dachten, wir seien eine Sekte", sagt Teti, "geschickt vom Teufel, um mit dem Geld ihr Blut und ihre Kinder zu kaufen. Wir sprachen mit den Priestern und Dorfvorstehern, doch keine Chance. Wir zogen also weiter." Und kamen nicht zurück. GiveDirectly bietet die Geldzahlungen nur einmal an, und laut Teti lehnt nur eines von dreißig Dörfern ab.

Offene Fragen


Kann dieses Experiment ein positives Beispiel sein für neue, direktere Ansätze in der Entwicklungshilfe? Tatsächlich umgehen Direktzahlungen einige Probleme der klassischen Entwicklungshilfe wie Korruption oder Ineffizienz. Welche Folgen der Eingriff in die Gesellschaften hat, wird sich aber erst nach einigen Jahren zeigen. Wissenschaftler untersuchen, was das Geld mit den Menschen und ihren Dörfern macht.

Die ersten Ergebnisse der Untersuchungen bei jenen, die Pauschalbeträge bekommen haben, sind ermutigend: Viele Teilnehmer wie Ongolo zeigten einen Rückgang des Stresshormons Cortisol, eine verbesserte Ernährung sowie gestiegenen Besitz und höhere Investitionen. In Tetis Worten: "Unsere Empfänger bekommen durch das Geld innere Ruhe." Der Zusammenhalt in den Familien steige, Eltern könnten regelmäßig das Schulgeld ihrer Kinder bezahlen.

Das neueste Projekt Grundeinkommen soll noch bessere Ergebnisse bringen, denn dort stehen nicht die einzelnen Geldempfänger, sondern die Dörfer im Mittelpunkt. Doch: Wie entwickelt sich eine Gemeinschaft, wenn alle Einwohner wissen, dass für einen langen Zeitraum für das Nötigste gesorgt ist? Welche Art von Zahlung hat größere Auswirkungen - viel auf einmal oder weniger Geld, aber für längere Zeit? Planen Empfänger eines Grundeinkommens anders, weil ihr Risiko geringer ist, ihre Investitionen zum Beispiel durch eine Missernte zu verlieren?

Das Grundeinkommen gibt den Odhiambos Sicherheit und Selbstvertrauen.

Bei den Odhiambos jedenfalls lässt sich bereits jetzt feststellen, dass zumindest Sicherheit und Selbstvertrauen in dem Maße wachsen, wie ihr Stress sinkt, Geld verdienen zu müssen. Auch sie planen den Kauf von Vieh als Grundkapital und sind zuversichtlich, dass nach zwölf Jahren Grundeinkommen ihr Leben besser sein wird. Norah Odhiambo sieht sich selbst als bestes Beispiel, dass ein Grundeinkommen vieles bewirken kann, aber keinesfalls faul mache. Norah verabschiedet ihren Mann Erick, der per Fahrrad zur nächsten M-Pesa-Station fährt - sein Handy vibrierte mit der Nachricht von GiveDirectly: 2250 Schilling befinden sich wieder auf seinem Konto.




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Impressum

Text: Patrick Witte

Fotos und Videos: Kirsten Milhahn

Redaktion: Nicolai Kwasniewski, Florian Diekmann, Anna Behrend

Videoredaktion: Anne Martin, Phuong Tran

Bildredaktion: Nasser Manoucheri

Dokumentation: Almut Cieschinger

Schlussredaktion: Friederike Mayer

Grafik: Cornelia Pfauter, Michal Niestedt

Programmierung: Anna Behrend, Chris Kurt



Diese Reportage ist Teil des Projekts Expedition #ÜberMorgen.