Kinderarbeit in Indien Die Spur der Steine

Hammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten.

Von Johannes Pennekamp

Achtjähriger Pflastersteinklopfer in Indien (2006): Das wirtschaftlichste Angebot zählt
REUTERS

Achtjähriger Pflastersteinklopfer in Indien (2006): Das wirtschaftlichste Angebot zählt


Frank Oltersdorf fixiert den Laptop, dann wendet er sich von den Fotos ab und starrt aus seinem Fenster. "Nein", sagt der 54-Jährige, "so schlimm hatte ich das nicht erwartet." Sein Blick geht hinunter zur Havel und zu der neu angelegten Uferpromenade, über die er gerade so stolz gesprochen hat. Jetzt schweigt der Oranienburger Baudezernent. Arbeitende Kinder in Indien und idyllisches Kleinstadtpanorama vor der Haustür - bis vor wenigen Minuten war er sicher, dass dazwischen Welten liegen. Jetzt sind sie zusammengerückt. Sie prallen aufeinander im Büro eines brandenburgischen Verwaltungschefs, der seine Sätze damit beginnt, dass er sich nicht "rausreden wolle", eines Mannes, der zwar belegen kann, "strikt nach den vergaberechtlichen Vorgaben" gehandelt zu haben, der aber trotzdem ein "ungutes Gefühl" hat.

Dabei war Frank Oltersdorf so stolz, damals am 15. April 2009, als extra der Minister aus Potsdam anreiste, um den letzten Stein des neuen Schlossplatzes zu verlegen. Im Hintergrund erstrahlte in blütenreinem Weiß das barocke Stadtschloss, die 41.000 Einwohner große Kommune nördlich von Berlin hatte sich rausgeputzt für die Landesgartenschau, zu der im Sommer 600.000 Besucher anreisten. Was niemand ahnte: Wahrscheinlich waren es auch Kinder, die die 2000 Tonnen fein säuberlich verlegten Pflastersteine auf deutsches Einheitsmaß brachten.

Wer diesem Verdacht nachgehen will, muss zunächst rund 6000 Kilometer weit nach Osten reisen, in den indischen Bundesstaat Rajasthan. Der Oranienburger Granitstein stammt aus dem Süden des Landes, doch hier, im Norden, liegt das Zentrum der Pflastersteinproduktion. Die Bedingungen, unter denen die Arbeiter in der zerklüfteten Landschaft Steine hauen, sind typisch für die Branche.

Der graue Sandstein Kandla Grey, den man in Radschasthan findet, ist das Kapital von Männern, Frauen und Jungs wie Garju Lal, der in der Steppe am Boden kauert, in der rechten Hand einen abgenutzten Hammer, in der linken einen Meißel, den er an eine rechteckige Metallschablone anlegt. Es ist offensichtlich, dass er seit Jahren nichts anderes macht. Flink und mit maschinengleicher Präzision hämmert er hundertfach auf einen Steinbrocken ein. Dann wirft er den fertigen Pflasterstein auf den wachsenden Haufen neben ihm. Bei jedem Schlag wirbeln Steinsplitter durch die Luft, einen Mundschutz oder feste Schuhe trägt er nicht, es gibt auch keinen Schatten. Die Augen des Jungen schimmern glasig, ihm läuft die Nase, ockerfarbener Staub hat sich auf seinen tropfenden Rotz gelegt. Es ist ein feiner Staub, der sich täglich tiefer in die Lunge frisst.

Der verschüchterte Junge erzählt, dass er seine Pflastersteine wie alle hier an die Exporteure verkauft, die mit ihren Lkw kommen und die Steine einsammeln. Eine halbe Rupie verdient er pro Stein, weniger als zwei Cent. Wenn er fleißig ist, kommen am Abend 50 Rupien zusammen. Zum Vergleich: Drei Bananen kosten im nächsten Dorf 15 Rupien.

Jeder 20. Steineklopfer ein Kind

Kinderarbeit ist in Indien offiziell verboten. In der Region Radschasthan gehört sie trotzdem zum Straßenbild. Jeder 20. Steineklopfer, so die Schätzung eines Exporteurs, ist ein Kind, und viele haben ein ähnliches Schicksal wie Manoj aus der Kleinstadt Budhpura. Der zwölfjährige Junge lebt mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Großmutter Shantibhai. Die Eltern der beiden, erzählt er mit kaum hörbarer Stimme, sind vor Jahren an der Lungenkrankheit Silikose gestorben, an der so viele hier zugrunde gehen. Weil die Großmutter zu schwach zum Arbeiten ist, müssen Manoj und sein Bruder täglich Steine klopfen. Der Verdienst reicht für die drei gerade so zum Überleben. "Wenn wir mal krank sind, hungern wir", sagt er. Eigentlich stehe ihnen eine Waisenrente zu, doch das Geld sei nie bei ihnen angekommen, sondern in der Tasche irgendeines Beamten gelandet. "Was sollen wir dagegen tun?", klagt die Großmutter.

Um sie herum scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Die Familie haust in einer mittelalterlich anmutenden Steinhütte, das Dach ist von etlichen Rissen durchzogen. In der letzten Regenzeit stand der modrig riechende Innenraum, in dem alle schlafen, kochen und essen, unter Wasser. Als Kleiderschrank dient ihnen ein schmaler Reisekoffer. Eine einfache Liege, ein klappriges Fahrrad und einen winzigen Fernseher, mehr besitzen sie nicht.

Rajnath kennt die Schicksale von Kindern wie Manoj und Garju Lal. Der Inder mit der gedrungenen Statur arbeitet für Xertifix, eine deutsche Zertifizierungsorganisation, die vom Misereor-Kinder-Rechtsexperten Benjamin Pütter gegründet wurde und unter anderem von dem ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm unterstützt wird. Rajnath ist einer von zwei einheimischen Kontrolleuren, die im Auftrag deutscher Steinhändler die Lieferkette bis in den Steinbruch zurückverfolgen. Er stattet 80 indischen Steinbrüchen regelmäßig unangekündigt Besuche ab: Beschäftigt der Betrieb Kinder? Werden faire Löhne gezahlt? Gibt es genügend Pausen für die Arbeiter? Wenn sich alle Zulieferer an die Regeln halten, bekommt der deutsche Steinhändler das Xertifix-Siegel und zahlt dafür drei Prozent des Einfuhrpreises an die Organisation.

Die Lebenserwartung: Knapp 40 Jahre

Doch die Kontrollen allein ändern nicht die Lebensbedingungen der Menschen, das wissen Xertifix und Kontrolleur Rajnath. Deshalb nimmt der 36-Jährige auch korrupte Beamte und Politiker ins Visier. Vor drei Jahren zog er, begleitet von mehreren hundert Kinderarbeitern, zum Palast des Premierministers und verschwand erst, als der Regierungschef ihn persönlich anhörte. Im Dorf Budhpura, wo Manoj und seine Großmutter wohnen, fordert er von den Lokalpolitikern seit Jahren, dass Kinder in die Schule statt in den Steinbruch gehören und kranke Menschen medizinische Versorgung bekommen.

Einige Dinge hätten sich bereits verbessert, sagt er, in der staatlichen Schule sitzen von den 56 angemeldeten Kindern heute immerhin 35 im Klassenraum. Auch in der Krankenstation, einem kleinen Häuschen, das in den vergangenen Jahren meist zugesperrt war, herrscht Betrieb. Patienten warten vor der Tür, im Behandlungszimmer gibt ein junger Arzt einem Greis eine Spritze in den Arm, hinter ihm stapeln sich in einem Regal 31 Schuhkartons - in jedem die Krankengeschichte eines Patienten, der an der Lungenkrankheit Silikose leidet. Die Lebenserwartung junger Steineklopfer: "Knapp 40 Jahre", sagt der Arzt.

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Seite 1
ronald1952 26.03.2012
1. Hat es hierzulande
Zitat von sysopREUTERSHammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823128,00.html
wirklich jemals jemanden Intressiert, ob in Indien Kinder Steine klopfen, oder Kalmotten zusammen nähen,oder Turnschuhe fertigen, oder,oder,oder.Es intressiert hierzulande kein Schwein dafür, wie es den Kindern in anderen Ländern wirklich geht,solange der Preis stimmt. Und das einzige was man dagegen tun könnte ist eine Liste mit den Dinge öffenlich ins Netz zu stellen, die die Kinder in diesen Länder als Arbeitssklaven fertigen müssen. Und natürlich diese Produkte nicht zu kaufen.Aber das weis die Industrie sehr wohl und seit vielen Jahren sehr wrikungsvoll zu verhindern. Sonst müssten die Herrschaften ja zugeben, wieviel Dreck sie am Stecken haben.Also, dieser Artikel ist mal wieder nichts anderes als Schaumschlägerei, denn es wird mit sicherheit eines passieren,nähmlich gar nichts. schönen Tag noch,
silverghost 26.03.2012
2. Es ist immer einfach ...
Zitat von sysopREUTERSHammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823128,00.html
den "preisbewussten deutschen Käufer" als Sündenbock darzustellen. Kein Endverbraucher kann sich darauf verlassen für mehr Geld auch "korrekt" produzierte Wahre zu erhalten. So lange es dafür keine Regelungen (Siegel, Kontrollen ...) gibt verdient lediglich der Händler mehr an einem "zahlungsfreudigeren" Kunden.
Koana 26.03.2012
3. Tolerabel für Erwachsene?
Zitat von sysopREUTERSHammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823128,00.html
Berichte wie dieser gehören an die prominsenteste Stelle - für einen Tag - und am nächsten folgt die Spur der Handyinnereien etc. etc. etc. Nur - wenn 20 jährige unter sochen Bedingungen schuften, ist es dann erträglicher?
janne2109 26.03.2012
4. .........
ich glaubss nicht, da laufen wir gemütlich an der Havel entlang auf Steinen die Kinder fertigen mußten, mit einem Verdient der nicht einmal zu essen reicht. Spon schreibt wochenlang über Wulff, Schnullff und Konsorten statt über so ein Thema mal mit mehr als einem Artikel zu berichten.
Masterchalk 26.03.2012
5. Eine Schande !
Zitat von sysopREUTERSHammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten. http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,823128,00.html
Ab heute kaufe ich keine Steine mehr aus Indien, da nehm ich lieber die chinesischen, wenn die deutschen gerade ausverkauft sind. Ehrlich...
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