Kindliches Vertrauen Die Notenbank ist bei Dir

Die Zinswende in den USA steht bevor: Nur aus diesem Grund wagen sich Anleger wieder in den Markt. Mit dem Feuerwehreinsatz der Fed, auf den alle spekulieren, ist die Krise am Finanzmarkt aber nicht ausgestanden. Für viele Experten ist sie gar deren Ursache.

Von Kai Lange


Gälten die alten Börsenregeln, wären viele Investoren bereits wieder eingestiegen. Dax-Konzerne wie die Deutsche Bank Chart zeigen oder die Münchener Rück Chart zeigen weisen inzwischen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von unter acht auf. Auch der von robuster Weltkonjunktur weiterhin profitierende Stahlkonzern ThyssenKrupp Chart zeigen, der Zockereien am US-Hypothekenmarkt unverdächtig, wird für weniger als das Zehnfache seines Jahresgewinns gehandelt. Nach klassischen Bewertungsmodellen sind das klare Kaufkurse.

Wall Street: Wetten auf Zinssenkung durch die Fed
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Wall Street: Wetten auf Zinssenkung durch die Fed

Doch die alten Regeln gelten nicht. Derzeit trauen sich selbst die großen Finanzinstitute gegenseitig nicht über den Weg, weshalb die Kreditvergabe untereinander ins Stocken geraten ist. Wenn die Profis sich nicht mehr vertrauen, warum sollte dann ein Anleger dem Markt Vertrauen schenken und Aktien kaufen?

Banken, Hedgefonds, Hypothekenanbieter und auch Rating-Agenturen haben Kreditrisiken jahrelang so gut versteckt, dass nun auch das Vertrauen verschwunden ist. Der Retter, der die Finanzmärkte aus dem selbst verschuldeten Schlamassel mal wieder herauspauken soll, ist, wer sonst, die US-Notenbank. Ben Bernanke, der Gute, soll es richten.

Grund für die jüngste Stabilisierung von Dow Chart zeigen und Dax Chart zeigen ist einzig die Wette darauf, dass die Zinswende in den USA unmittelbar bevorsteht. Anleger gehen mit großer Mehrheit davon aus, dass die US-Notenbank spätestens in ihrer regulären Sitzung am 18. September den Leitzins drücken wird. Nach einer Serie von 17 Zinserhöhungen wäre es wieder der erste Schritt nach unten.

"Die US-Notenbank hat mit ihrer jüngsten Senkung des Diskontsatzes A gesagt, jetzt muss sie auch B sagen und den Leitzins senken", meint Stefan Schilbe, Chefvolkswirt bei HSBC Trinkaus. Der Kommentar von Fed-Chef Bernanke, dass man sich um die konjunkturellen Folgen der Finanzmarktkrise sorge, klinge für den Markt wie ein Versprechen. "Wird die Erwartung einer Zinssenkung nicht erfüllt, besteht die Gefahr ernsthafter Turbulenzen", sagt Schilbe.

The Fed is with you

Die alten Regeln gelten auch für die Fed nicht mehr. "Don't fight the Fed", hieß es früher an der Wall Street – wenn die Notenbank mehrfach die Zinsen erhöht, sollte man sich mit Käufen zurückhalten. Dieser Respekt vor der mächtigen Notenbank ist einem kindlichen Vertrauen gewichen: "The Fed is with you", heißt es nun: Wenn es mal eng wird, wird die Notenbank mit Zinssenkungen helfend einspringen.

Der Handlungsspielraum der Fed ist damit kleiner geworden. Bernankes Vorgänger Alan Greenspan hat mit seiner Zinssenkungsorgie in Folge des 11. September dazu beigetragen, dass sich die Erwartungen an die Notenbanker verändert haben.

Andererseits: Für eine rasche Zinssenkung in den USA gibt es nach Ansicht von Schilbe gute Gründe.

Die vier Prozent Wachstum für das zweite Quartal, welche die USA in dieser Woche gemeldet haben, sind nach seiner Ansicht ein "Blick in den Rückspiegel" und markieren wahrscheinlich einen Wendepunkt. "Das Wachstum in den USA dürfte sich im zweiten Halbjahr spürbar abschwächen. Das Vertrauen von Konsumenten und Unternehmen in die Volkswirtschaft trübt sich bereits ein", sagt Schilbe. Das Platzen der Immobilienblase werde Bremsspuren im privaten Konsum erzeugen, der für mehr als 70 Prozent des US-BIP verantwortlich ist.

Hatten US-Bürger in Zeiten steigender Häuserpreise ihr Eigenheim als Geldautomat benutzt und immer neue Kredite darauf aufgenommen, so kehrt sich dieser Effekt jetzt um. Steigende Zinsbelastungen und fallende Häuserpreise sorgen dafür, dass künftig ein größerer Teil des Einkommens für den Schuldendienst verwendet werden muss: Wer sein Haus halten will, hat weniger Geld zum Einkaufen zur Verfügung.

Zinssenkung "kurzfristiges Strohfeuer"

Die Fed dürfte mit einer Zinssenkung die Finanzmärkte kurzfristig beruhigen – ob sie allein die Krise an den Finanzmärkten jedoch beseitigen kann, ist jedoch zweifelhaft. "Die aktuelle Krise ist im Wesentlichen eine Vertrauenskrise innerhalb der Bankenlandschaft", sagt Eugen Keller, Renten- und Devisenstratege beim Bankhaus Metzler. "Daher stellt sich die Frage, ob eine Zinssenkung der adäquate Schritt zur Lösung des Problems ist." Vertrauen könne erst dann wieder entstehen, wenn offen gelegt werde, welches Institut in welchem Ausmaß von Verlusten durch Neubewertungen betroffen sei.

"Eine Zinssenkung würde allenfalls ein kurzfristiges Strohfeuer an den Börsen entfachen und schnell wieder verpuffen", schätzt Keller. "Man sollte auch nicht vergessen, dass es eine Phase der Niedrigzinspolitik war, die einen Überschuss an Liquidität verursacht und damit die aktuelle Hypothekenkrise erst ermöglicht hat."



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