Kita-Streik "Demonstriert mal lieber ordentlich"

Kitastreik und kein Ende: Überall in Deutschland kämpfen Eltern und Großeltern damit, Kinderbetreuung und Beruf irgendwie zu bewältigen. Die Stimmung schwankt zwischen Zorn und Verständnis. Vier Protokolle.

Protest in Mainz: Der Streik nervt - darf er das?
DPA

Protest in Mainz: Der Streik nervt - darf er das?


Ein Vater (verständnisvoll):

Rudelbildung am Gartentor! Schon von Weitem sehe ich das Grüppchen vor der Kita, streikende Erzieherinnen mit rosa Gewerkschaftswesten nippen Kaffee und stehen plaudernd um den mitgebrachten Servierwagen herum. Bis gerade eben haben sie hier demonstriert, Aufruf der Gewerkschaft. Schon kurios, der Moment: Seit unsere Kita bestreikt wird, haben wir keine von ihnen persönlich getroffen - jetzt stehen sie plötzlich vor mir und tragen Warnwesten.

Weil die Erzieherinnen und Erzieher streiken, habe ich Urlaub nehmen müssen. Heute betreue ich nicht nur unsere eigenen Kinder - zwei und vier -, sondern auch Marco und Jana (Namen geändert), die Kleinen von nebenan. Ohne gegenseitige Hilfe mit den Nachbarn wären wir aufgeschmissen. Meine Frau ist in Probezeit, sie darf sich nicht einfach freinehmen.

Gerade wollten wir zum Kita-Spielplatz, da stehen wir also vor dem Streikposten. Ein unsicheres Lächeln, jemand winkt uns zu. Erzieherin Birgit kramt nach passenden Worten. "Naaaa, wie läuft's bei euch so?" Was soll sie sonst auch sagen? Dass ihr die Unannehmlichkeiten leidtun? Quatsch, Streiken ist ihr gutes Recht, auch wenn der Ausstand gerade unser Leben auf den Kopf stellt. Ist nicht Birgits Problem, dass der Job meiner Frau bald auf der Kippe stehen könnte, weil sie eben doch manchmal zu Hause bei den Kindern bleibt, trotz Probezeit.

Birgit ist auch nicht schuld daran, dass der Kita-Träger unseren Betreuungsgutschein nicht freigeben will, mit dem wir uns schnell eine Tagesmutter als Übergangslösung suchen könnten. Gleichzeitig gönne ich ihr und all den anderen ja das höhere Gehalt: Bitte, liebe Kommunen, bezahlt die Erzieherinnen und Erzieher ordentlich! Aber vor allem, bitte, bitte, werdet euch bald einig!

All das hängt also in der Luft, als ich mit den Kindern durch das Spalier beklommener Kindergärtnerinnen tapse. "Jaja, passt schon, ich nehme mir halt frei", entgegne ich Birgit, und schiebe sinnlos hinterher: "Demonstriert lieber mal ordentlich, damit der blöde Streik bald vorbei ist!" Allgemeines Nicken. Dann kommt Erzieherin Astrid auf mich zu, viele Jahre Berufserfahrung. Sie nimmt normalerweise unseren kleinen Sohn auf den Arm, wenn ich ihn in der Krippe abgebe. "Das ist was rein Finanzielles", raunt sie mir zu. Und meint: Es ist nichts Persönliches.

Anonym


Eine Mutter (genervt)

Seit zwei Wochen wird unser Sohn abwechselnd von seinen Eltern betreut - die eigentlich beide voll berufstätig sind und sich dringend ihr altes Leben zurückwünschen. Da man seine Tage nicht nur in der Wohnung oder auf dem Spielplatz um die Ecke verbringen will, standen bereits einige Programmpunkte auf dem Plan, die die Familie sonst eher am Wochenende und vor allem gemeinsam bestreitet (Tierpark, Elbstrand, Stadtpark). Gestern nun hatte ich die Betreuung mit Hilfe von Freunden und Nachbarn so organisiert, dass ich gut von zu Hause hätte arbeiten können.

Gegen 11 Uhr ruft die Schule an, meine Tochter hätte ganz furchtbare Kopfschmerzen und muss dringend abgeholt werden. So viel zu meinem Arbeitstag. Ganz ehrlich: Ich habe keine Lust mehr auf diesen Streik, der nichts bringt, weil es an einem greifbaren Gegenüber fehlt. Nicht die Arbeitgeber sind die Leidtragenden. In Wirklichkeit sind es die Eltern, die die Streiks abfedern. Übrigens: Vorwurfsvolle Tweets oder Mails auf diesen Artikel hin können sich alle Leser sparen. Ich habe sowieso keine Gelegenheit, sie zu lesen.

Nicola Kuhrt


Ein Vater (noch genervter)

Unsere Kita bietet zwar einen Notdienst an, doch die Zahl der Plätze ist stark begrenzt. Wer sich nicht schnell genug anmeldet, hat Pech gehabt. Früh- und Spätdienst fallen ohnehin ganz aus. Und auch auf die gewohnten Erzieher müssen unsere Kinder derzeit weitgehend verzichten. Sie werden oft nur von für sie Fremden betreut. Gerade für die Kleinen in der Krippe ist das eine blöde Situation, mit der nicht alle Kinder umgehen können.

Wir nehmen den Notdienst etwa zweimal pro Woche in Anspruch und behelfen uns ansonsten, indem wir uns entweder freinehmen oder möglichst oft die Großeltern kommen lassen. Die wohnen allerdings vier Autostunden entfernt. Was das kostet, fragt leider niemand. Vergangene Woche habe ich unsere Tochter sogar mit auf Dienstreise genommen. Eigentlich wollte ich sie bei den Großeltern vorbei bringen. Doch weil auch die Bahn streikte, kamen wir nur bis Frankfurt, gut hundert Kilometer vom eigentlichen Ziel entfernt. Oma und Opa haben sie dann abends um neun Uhr mit dem Auto am Frankfurter Hauptbahnhof abgeholt, ich selbst musste am nächsten Morgen ja wieder arbeiten.

Die Tarifparteien scheinen diese Probleme der Eltern und Kinder leider gar nicht zu interessieren. Sie verhandeln nicht einmal mehr über ein Ende dieses Wahnsinns. Und die streikenden Erzieher erwarten von uns Eltern, dass wir für ihre Gehaltserhöhung nebenbei auch noch demonstrieren gehen. Wann sollen wir dafür denn Zeit haben?

Anonym


Ein Großvater (enttäuscht)

Ich bin Großvater. Seit Januar 2013. Jetzt hat meine Tochter Zwillinge bekommen. Am 8. Mai 2015. Und die Kita in Ludwigshafen streikt. Folge: Die Enkeltochter (2 Jahre, 4 Monate) ist in der Regel bei den Großeltern, manchmal auch am Arbeitsplatz des Vaters.

Von einem Tag zum andern haben wir erfahren, dass ab nächster Woche gestreikt wird. Unbefristet. Unsere Enkeltochter ist verwirrt. Erst verlangt man von ihr die üblichen Kita-Eingewöhnungsrituale mit Eltern und langsam steigender Verweildauer - und plötzlich wird sie wieder in die Freiheit entlassen - ohne Vorwarnung. Und irgendwann darf sie dann wieder in die Kita.

Was ist das für ein Benehmen einer Gewerkschaft, die die Probleme auf jungen Eltern und deren Kindern ablädt (und deren Großeltern), ohne einen einzigen Schritt unternommen zu haben, diese für den Kampf um bessere Ausbildung und bessere Bezahlung zu gewinnen? Wir sind doch die natürlichen Verbündeten der Erzieherinnen. Und uns stößt man vor den Kopf.

Ich will die Argumente hören und rufe bei Verdi an. Ich schildere meine Situation als Großvater und als Vater (der Mutter der drei kleinen Kinder). Die Gründe für den Streik seien angekommen. Warum das denn jetzt immer noch weitergehe. Ja, lautet die Antwort, die Arbeitgeber hätten noch kein Angebot vorgelegt. Ich frage, warum denn die Gewerkschaft nicht bei den betroffenen Eltern Unterschriften gesammelt und zu einer Demonstration aufgerufen habe. Die Dame am Telefon sagt, dass Ludwigshafen nicht ihr Bezirk sei.

Heute und morgen ist meine Enkeltochter wieder mit ihrem Vater an dessen Arbeitsplatz. Danach vermutlich wieder bei uns. Wir wohnen 120 Kilometer voneinander entfernt.

Was ich anders machen würde? Als Gewerkschaft würde ich alles tun, um Eltern und Großeltern als Verbündete zu gewinnen. Elternabende, Unterschriftensammlungen, Demonstrationen, dann ein Streiktag. Danach weitere Aktionen: Bürgermeisterbesuch mit Erziehern, Kindern und Eltern. Einladung an den Gemeinderat. Und dann gern auch: eine Streikwoche. Vielleicht auch mal ein Streikfest am Freitagabend.

Frohmut Menze

Video: Protestaktion zum Kita-Streik

REUTERS

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 267 Beiträge
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Seite 1
hansulrich47 28.05.2015
1. Eltern:
Sagt bei Eurer Demo doch einfach zu, die höheren Löhne einbs zu eins zu finanzieren! Dann ist der Streik schnell vorbei! Die paar Euro pro Kind habt ihr doch sicher!!!
payne 28.05.2015
2. Wie armselig...
...was hier läuft. So macht man systematisch Familien platt !!
infonetz 28.05.2015
3.
Das wäre alles kein Problem wenn die kita kosten zu 100% direkt von den Eltern gezahlt würde.
Furchensumpf 28.05.2015
4.
Zitat von hansulrich47Sagt bei Eurer Demo doch einfach zu, die höheren Löhne einbs zu eins zu finanzieren! Dann ist der Streik schnell vorbei! Die paar Euro pro Kind habt ihr doch sicher!!!
Anscheinend haben Sie (wie viele andere auch) nicht wirklich verstanden, worum es bei diesem Streik wirklich geht und welche Vorderungen an die Arbeitgeber gestellt werden. Ist Informieren wirklich so schwer geworden?
Tim P.Tou 28.05.2015
5. Ich bin entsetzt
... über die mangelhafte bzw. nicht vorhandene Solidarität mit den Menschen, die ihre Rechte durchsetzen wollen. Egal ob GDL oder Kita-Erzieher. Sie werden zu Gegnern stilisiert. Weil es mal unbequem wird. Es wird aber nicht hinterfragt, ob in einer Gesellschaft alles in Ordnung ist, in der die Frau "eines Vaters (verständnisvoll)" um ihre Probezeit fürchten muss, weil sie u. U. mal in einer besonderen Situation für ihr Kind da sein muss. Wo bleibt der Sturm der Entrüstung gegenüber den Arbeitgebern, die _SO_ Existenzen in Frage stellen.
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