Klimawandel in der Versicherungswirtschaft Mit den Temperaturen steigen die Prämien

Sturmfluten, Wirbelstürme, Dürrekatastrophen - nach neuen Berechnungen wird die heraufziehende Klimakatastrophe Billionen verschlingen. Das werden auch Verbraucher und Firmen schon bald schmerzlich zu spüren bekommen – wenn die Tarife für Versicherungen anziehen.

Von Heiko Martens, München


München – Für die großen, weltweit agierenden Versicherer ist es nicht erst seit dem jüngsten Uno-Bericht zum Klimawandel klar: Die Versicherungsprämien der Zukunft können nur noch eingeschränkt auf der Basis der bisherigen Schadensstatistiken errechnet werden. Die Risikokalkulation muss sich dem rasanten Klimawandel anpassen. Dürre und Überschwemmungen, Starkniederschläge und Orkane müssen verstärkt "eingepreist" werden.

Hurrikan in Florida: "Das Thema Klimawandel oben auf die Agenda zu setzen"
REUTERS

Hurrikan in Florida: "Das Thema Klimawandel oben auf die Agenda zu setzen"

Rund ein Drittel aller Versicherungsschäden werden durch wetterbedingte Naturkatastrophen ausgelöst. Schon jetzt hat der Klimawandel die Mathematik der Versicherer durcheinander gewirbelt. Noch in den neunziger Jahren kosteten die Katastrophen die Versicherer im Schnitt gut neun Milliarden Dollar pro Jahr. Im Rekordjahr 2005 mussten allein für den Wirbelsturm "Katrina" rund 60 Milliarden Dollar bezahlt werden.

Diese teuerste Katastrophe aller Zeiten sei endgültig der "Weckruf" für die Branche gewesen, so Allianz-Vorstand Clement Booth bei der Vorstellung des Schadensberichts für 2005. Booth:" Der Klimawandel ist eines der größten Risiken für uns überhaupt."

Auch sein Vorstandskollege Gerhard Berz von der Münchner Rück warnt, dass "heute die Wetterkatastrophen eines Jahres im Durchschnitt soviel kosten wie alle Wetterkatastrophen zwischen 1960 und 1970 zusammen." Am Freitag stellte die Münchner Rück fest: "Der Klimawandel ist eine Tatsache". Der Versicherer plädierte für eine Verringerung des Kohlendioxid- und Treibhausgasausstoßes.


Die Versicherungsbranche insgesamt sieht sich von den Uno-Warnungen in ihren eigenen Prognosen bestärkt. "Wir glauben, dass dieser Bericht sehr hilfreich dabei sein wird, das Thema Klimawandel oben auf die Agenda zu setzen", sagte Ivo Menzinger, Leiter des Bereichs Nachhaltigkeit beim weltgrößten Rückversicherer Swiss Re.

Ruf nach staatlicher Hilfe

"Die Erderwärmung kann nur noch begrenzt, aber in diesem Jahrhundert nicht mehr gestoppt oder gar rückgängig gemacht werden", erklärte die Münchener Rück. "Durch die weiter fortschreitende globale Erwärmung gehen wir im langfristigen Trend von einer Zunahme insbesondere der schweren wetterbedingten Naturkatastrophen aus." Auch Zurich Financial erklärte, dieser Trend sei nicht zu ignorieren.


Nach einem relativ ruhigen Jahr 2006 sorgte im Januar dieses Jahres Orkan "Kyrill" dafür, dass die Katastrophenstimmung, die bisher vornehmlich durch Hurrikane in Amerika verursacht wurde, nun auch nach Europa übergriff. Eine Schneise der Verwüstung von Schottland bis in die Schweiz, von Frankreich bis nach Polen, 62 Millionen umgeknickte Bäume, fünf bis sieben Milliarden Euro Versicherungsschaden – zum ersten Mal nahm ein europäischer Sturm es locker mit seinen Kollegen in den USA auf.

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Als Faustregel unterlegen die Versicherer ihrer Kalkulation in die Zukunft eine Vorhersage, die das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) über die Folgen der Erderwärmung getroffen hat. Danach steigt die Häufigkeit von Naturkatastrophen um jährlich fünf Prozent. Jüngsten Studien der Swiss Re zufolge wird wegen des Klimawandels die Intensität und Häufigkeit von Winterstürmen in Europa bis 2100 die versicherten Schäden um 16 bis 68 Prozent in die Höhe treiben.

Natürlich würden auch in Zukunft die meisten Risiken, die durch den Klimawandel und folgende Naturkatastrophen drohen, versicherbar sein, beruhigt die Branche. Schließlich ist das ihr Geschäft. Aber immer häufiger ist der Zusatz zu hören: "Wenn die Preise und Konditionen für die Risiken angemessen sind."

Als letzter Helfer in der Not muss wohl mehr als bisher der Staat als "insurer of last resort" einspringen – so nennen die Versicherer den steuerfinanzierten Geldgeber. Schon heute etwa hält Florida die Prämien für die Gebäudeversicherungen seiner Bürger im hurrikanzerzausten US-Bundesstaat künstlich nieder.

Mit Reuters




Forum - Sind Arbeitsplätze wichtiger als Klimaschutz?
insgesamt 1117 Beiträge
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Seite 1
pps, 27.01.2007
1.
---Zitat von sysop--- Sind Arbeitsplätze wichtiger als Klimaschutz? ---Zitatende--- Es arbeitet sich ausgesprochen incommod, wenn man vorher verbrannt, erfroren, verdurstet, verhungert oder erstickt ist. Auch das Autofahren läßt in diesem Zustand nur wenig Plaisir aufkommen!
Mocs, 27.01.2007
2.
In Deutschland sind Arbeitsplätze IMMER wichtiger als anderes andere.... zumindest suggerieren uns das unsere Politiker. Arbeitsplätze sind das Totschlagargument für alles - eigentlich ein Wunder, dass die Dünnsäureverklappung auf See eingestellt wurde, da hingen doch auch Arbeitsplätze dran. Irgendwann haben wir dann gaaanz viele Arbeitsplätze - und verbringen unsere Freizeit entweder in Wirbelstürmen und Orkanen oder mit Sonnenschschutzfaktor 170 im Freien. Arbeitsplätze werden in meinen Augen völlig überbewertet - eine intakte Umwelt gewährleistet unserer aller Lebensqualität. Hinzu kommt dass jedes Jahr nach Angaben der ILO (International Labour Organization = Internationale Arbeitsorganisation) weltweit rund zwei Millionen ArbeitnehmerInnen allein durch arbeitsbedingte Unfälle und Krankheiten sterben - das sind mehr als 5000 Todesopfer pro Tag! Obwohl Arbeit also täglich wesentlich mehr Todesopfer fordert als z.B.Terroranschläge oder diverse Seuchen und Erkrankungen wird die Gier nach Arbeit(splätzen) von niemandem in Frage gestellt. Bestimmte Schichten mit einer grossen Lobby verdienen einfach zu gut an der Arbeit anderer.
mbieren, 27.01.2007
3. Natürlich nicht
Ich kann es schon fast nicht mehr hören. Sollte es wirklich zu einer nachhaltigen Erwärmung kommen gehen noch wesentlich mehr Arbeitsplätze verloren. Die deutschen Autobauer haben es schlichtweg verschlafen passende Modelle auf den Markt zu bringen. Ich frage mich ob diese Menschen glauben sie leben auf dem Mars.
langsamer 27.01.2007
4.
---Zitat von sysop--- Gern argumentiert die Energie- und Autoindustrie, dass strengere Grenzen für den CO2-Ausstoß der Wirtschaft schadeten. Müssen notfalls Arbeitsplätze geopfert werden, um den Klimakollaps zu verhindern? Oder gibt es gar keinen Gegensatz zwischen Umweltschutz und Wirtschaftskraft? ---Zitatende--- Die gegenwärtigen Generationen haben eine Sonderrolle inne; ihnen ist es durch technische Möglichkeiten, welche die Menschheit zuvor nicht hatte vergönnt, Ressourcen zu verbrauchen, die späteren Generationen dann nicht mehr zur Verfügung stehen werden. Gleichzeitig entstehen auf Basis dieser Ressourcenausbeutung jede Menge Luft- Boden- und Gewässerschadstoffe, die noch für lange Zeit Auswirkungen haben werden. Die heutigen globalen Wirtschaftsstrukturen schmücken sich also bereits mehr als genug mit fremden Federn, sprich mit einem von unseren Nachfahren geklauten Wachstum. Autohersteller oder Energieversorger wollen also offensichtlich den Grad der Benachteiligung späterer Generationen erhöhen, damit der nächste Quartalsbericht etwas besser aussieht. Lebensfeindliche Umweltbedingungen kosten auch heute schon Geld, belasten also die Wirtschaft und kosten damit auch Arbeitsplätze.
Mikael, 27.01.2007
5.
Wem der Profit wichtiger als das nackte Leben ist, gehört in die Klapse! Die EU versucht seit 1996 schon, endlich die Emissionswerte von PKW´s zu senken. Jetzt haben wir 2007!!! Was für Luschen! Wenn man Menschen auf Freiwilligkeit verpflichtet, PASSIERT NIX. Ich habe schon einen tollen Klima-Clip ersonnen: Eine Autokolonne von noblen, schweren Limousinen steht im Stau und die Insassen tun superwichtig, Marke: Börsennotierung überprüfen, Renditecheck, Rumlabern von wegen Arbeitsplätze sind in Gefahr etc. Dann schaut jemand in den Rückspiegel und sieht einen Hurrikan, der mit 400 Km/h. sich nähert und die ganze Meute in die Luft schleudert. Dann ist die Straße wieder leer. Stimme aus dem OFF: Wie lange wollen sie noch warten bevor sie handeln? OK, der Clip würde nichts ändern, aber er wäre verdammt cool, oder? Gruß Mikael
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