Klinik für Superreiche "Ich fühle mehr Verantwortung, wenn ich reiche Leute behandele"

Mit dem Reichtum verschieben sich die Maßstäbe. In Moskau kann es sich eine Privatklinik leisten, ihren Patienten 6300 Euro pro Behandlungsstunde abzunehmen. Das kleine Krankenhaus verweist auf eine ganz besondere Qualifikation: Die Kenntnis von der russischen Seele.


Moskau - Umgerechnet 6300 Euro für eine Stunde Psychoanalyse sind ein stolzer Preis, auch wenn im Wartezimmer Kaviar gereicht wird. Russlands Superreiche bezahlen diese Summe für einen Aufenthalt im Moskauer Luxus-Krankenhaus Neo Vita allerdings gern. Denn anders als in westeuropäischen Privatkliniken bekommen die heimatliebenden Patienten hier eine ganz besondere Behandlung: die Pflege der russischen Seele.

20 Ärzte arbeiten im Neo-Vita-Hospital, ihr Fachgebiet ist Wohlfühl-Medizin. "Wir heilen erst die Seele, bevor wir zu den körperlichen Problemen kommen", sagt Klinikgründer Artjom Tolokin. Dazu gehört natürlich auch ein besonderer Service rund um die Behandlung. So bekommen die Patienten zum Beispiel feinsten Kaviar gereicht, um sich von den Strapazen einer Blutentnahme zu erholen.

Seit sechs Jahren kümmert sich der 33-Jährige Tolokin bereits um das Wohlbefinden der Menschen im Nobelvorort Rubljowka, den einige auch das Beverly Hills von Moskau nennen.

"Die Leute sagen, man kann Gesundheit nicht kaufen. Aber das stimmt nicht, wir verkaufen sie ja", sagt Tolokin. Einige Behandlungsmethoden kosten bis zu 630.000 Euro. Die horrenden Kosten rechtfertigt Tolokin mit seiner Expertise im Bereich slawische Mentalität: "Die Reichen fahren vielleicht zum Zahnarzt nach London oder zum Ernährungsfachmann in die Schweiz, aber ihre Seele kann nur hier geheilt werden."

Nur wenige Patienten sind bereit, über ihren Aufenthalt in der Luxusklinik zu reden. Die 30-jährige Natalja lobt die Ausstattung der gynäkologischen Abteilung, der Frauenarztstuhl sei aus schönem rosa Leder. Damit klappe es sicher mit der gewünschten Schwangerschaft, meint sie. Einmal in der Woche kommt Natalja vorbei, sie kann es sich leisten. Ihr Mann arbeitet "im Gasbereich", sagte sie vieldeutig.

Russlands Superreiche lassen sich gerne diskret behandeln. An keinem der Untersuchungszimmer steht der Fachbereich, Patienten können sogar durch eine abgeschirmte Seitentür zur Behandlung eingeschleust werden. Einmal, erzählt Tolokin, habe ein Geschäftsmann die ganze Klinik gemietet. Gesamtkosten für die exklusive Sprechstunde: gut 130.000 Euro. Mit seiner Wellness-Medizin ist Tolokin inzwischen selbst in den erlesenen Kreis der russischen Superreichen aufgestiegen. "Ich kenne meine Patienten auswendig", sagt er. "Ich verdiene so gut wie sie, ich lebe mit ihnen, ich fahre mit ihnen Ski."

Auf den vielen Flatscreen-Fernsehern in der Neo-Vita-Klinik laufen beruhigende Landschaftsbilder, die stressfreie Begleitmusik wurde eigens komponiert. Allgemeinmedizinerin Olga Iwankina huscht über den Flur, sie hat es eilig. "Ich fühle mehr Verantwortung, wenn ich reiche Leute behandele", sagt die 36-Jährige. Ihr nächster Milliardär wartet bereits im Sprechzimmer, er hat Grippe. Iwankina wird ihm ein altes russisches Hausrezept empfehlen: viel Flüssigkeit trinken und jede Menge Erdbeermarmelade essen.

Von Marina Lapenkova, AFP



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