Knappe Kassen Ärzte fordern mehr Geld fürs Gesundheitssystem

Die Mediziner schlagen Alarm: Die Leistungen werden teuer und mehr in Anspruch genommen - jetzt fordert die Ärzteschaft angesichts leerer Gesundheitskassen zusätzliche finanzielle Mittel. Die SPD widerspricht der Mangel-Diagnose.


Frankfurt am Main/Mainz - Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe plädiert für mehr Geld im Gesundheitsfonds: "Wenn wir im System der gesetzlichen Krankenversicherung 8,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts wie in Schweden veranschlagen würden, dann kämen wir damit erst einmal zurecht", sagte der Verbandschef der "Rhein-Zeitung".

Arzthelferin in Berlin: Leistungen werden teuer und mehr in Anspruch genommen
DDP

Arzthelferin in Berlin: Leistungen werden teuer und mehr in Anspruch genommen

Hoppe sagte weiter, derzeit investiere Deutschland etwa 6,5 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts in die gesetzliche Krankenversicherung oder 167 Milliarden Euro. Die geforderte Erhöhung würde eine Aufstockung des Gesundheitsfonds um 25 Milliarden Euro auf dann 212 Milliarden Euro bedeuten.

Die Kosten des Gesundheitssystems sind eines der wichtigsten Themen auf dem Ärztetag, der am Dienstag in Mainz beginnt. Nach Ansicht des Ärztepräsidenten müssen sich die Bürger ohnehin auf deutlich höhere Ausgaben für ihre Gesundheit einstellen - entweder über höhere Steuern oder Beiträge. "Das liegt daran, dass die Leistungen teurer und mehr in Anspruch genommen werden und nicht daran, dass die Ärzte mehr Geld haben möchten", stellte der Verbandschef klar.

Widerspruch kam aus der SPD. "Die finanziellen Mittel reichen aus. Von einer Rationierung, die manche Ärztefunktionäre an die Wand malen, kann keine Rede sein", sagte der Bundestagsabgeordnete Karl Lauterbach der "Passauer Neuen Presse".

Ärzte fordern Ranglisten für Leistungen

Hoppe verteidigte dagegen erneut seine Forderung, die Behandlung bestimmter Krankheiten für vorrangig zu erklären. "Wenn wir schon einen Mangel haben, ist es doch sinnvoller, wenn wir eine Rangfolge der Behandlungsnotwendigkeiten aufstellen." Hoppe räumte ein, dass das Definition von Prioritäten in der Praxis "schwierig" sei. Jedoch zeige das Beispiel Schweden, dass dies möglich sei. Hierzulande müsse ein solches System aber noch "gründlich diskutiert" werden, sagte der Kammerpräsident dem Bayerischen Rundfunk.

Das Thema Rationierung steht im Mittelpunkt beim Ärztetag. Hoppe hatte zuvor vorgeschlagen, in einem "Gesundheitsrat" Ranglisten der Leistungen aufzustellen, die die Kassen künftig noch übernehmen sollen. Das stößt allerdings in der Politik auf Ablehnung.

Auch Krankenkassen zeigen sich skeptisch. "Ich sehe wirklich keinen Grund, kranke Menschen jetzt stärker zu belasten oder sogar die Leistungen zu rationieren", sagte der Vorstandschef der Techniker Krankenkasse, Norbert Klusen, der "Frankfurter Rundschau". Andere Länder gingen den umgekehrten Weg: "In Gesundheitssystemen, in denen rationiert wurde, sollen die Leistungen nun wieder ausgeweitet werden."

Klusen glaubt auch nicht, dass die jüngsten Vorschläge nach "Priorisierung" von Patienten, oder nach höheren Praxisgebühren an der Basis der Ärzteschaft auf Zustimmung stoßen. "Es ist eben ein Unterschied, ob man am Schreibtisch oder vor dem Patienten sitzt", sagte er der Zeitung.

suc/AP/ddp



Forum - Wie viel Wettbewerb braucht das Gesundheitssystem?
insgesamt 447 Beiträge
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Seite 1
japan10 19.05.2009
1.
Zitat von sysopVerbot von Apothekenketten, staatliche Regulierung für Ärzte - ist das deutsche Gesundheitssystem überreguliert? Oder ist nur so die gerechte Versorgung der Bürger sicherzustellen?
In diesem System wird deutlich, wie Lobbyarbeit funktioniert.
trabajador5, 19.05.2009
2.
Zitat von japan10In diesem System wird deutlich, wie Lobbyarbeit funktioniert.
damit dürfte klar sein, dass die pharmaindustrie nicht nur die deutsche politik, sondern auch die europäische politik kontrolliert.
Gungan, 19.05.2009
3. 10:10
Eine Schlagzeile ohne Artikel, aber schon ein Forumsthema und drei Beiträge! SPON wird immer BILDhafter
Synpho 19.05.2009
4.
Zitat von sysopVerbot von Apothekenketten, staatliche Regulierung für Ärzte - ist das deutsche Gesundheitssystem überreguliert? Oder ist nur so die gerechte Versorgung der Bürger sicherzustellen?
Gerechte Versorgung? Wohl eher die totale Stagnatation der Medikamentenpreise. Ein Wettbewerb innerhalb der Medizinischen Versorgung wäre nur von Vorteil für die Bürger, da evtl. günstigere Preise zu erwarten wären.
Cupseller 19.05.2009
5. weniger Kassen
Die Krankenkasen verschlingen zuviel Geld für sich, statt für die Kranken. Die Privatkassen gehören verboten, die gesetzlichen müssen in der Anzahl z.B. nach Berufsgruppen, oder Regionalität beschränkt werden. Die Ärzte müssen wieder per Behandlungsart bezahlt werden, meinetwegen mit Kontrollen durch die Kassen. Die Kassenvereinigungen, die Arztekongresse gehören aufgelöst. Die Interessen der reichen Pharmaindustrie stieß somit auf einen oligopolistischen Abnehmermarkt (wenige Krankenkassen), dann könnten es auch Apothekerketten geben. Wichtiger wäre es, dass die Politik Einfluß auf die Forschung, also Weiterentwicklung der Präperate im Dienste der Menschheit nimmt und nicht im Dienste extremer Gewinne. Hier gehörte ein weltweiter Ethikrat (Uno?) vorgeschaltet, der die Parameter dafür zurrt und Preisgrenzen nach oben festlegte. Ist zwar eine idealisierte Betrachtung, aber Medizin hat keine Grenzen.
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