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Kolumbiens Energy-Brause: Die wahre Koka-Cola

Aus Bogotá berichtet Knut Henkel

Produkte aus den Blättern der Koka-Pflanze waren lange ein Tabu in Kolumbien. Inzwischen gibt es Kokawein, Kokatee, Kokakekse – und neuerdings Coca-Sek, einen Energiedrink, der auch international Schlagzeilen macht. Dem US-Getränkeriesen Coca-Cola gefällt das gar nicht.

Das Einkaufszentrum Santa Barbara in Bogotá: Über dem mit bunten Stoffen drapierten Verkaufsstand prangt ein Werbeplakat mit dem spanischen Slogan "Kokatee - das heilige Blatt der Kinder der Sonne." Noch vor einem Jahrzehnt hätten Mütter ihre Kinder schnell weggezogen, wenn sie an so einem Stand vorbeikommen. Heute nicht mehr: Kokatee, aber auch Kokawein, -kekse und ähnliche Produkte gehören zu jedem Straßenfest und Flohmarkt in Kolumbiens Hauptstadt.

David Curtidor lächelt. Vor sieben Jahren hat er gemeinsam mit seiner Frau Fabiola Acchicvé begonnen, an der Uni Javariana Kokatee an die Studenten zu verkaufen. Das kam so gut an, dass die beiden sich Gedanken über eine professionellere Vermarktung und Verpackung machten. Curtidor deutet auf die Schachteln mit Teebeuteln, die sich im Flur von Nasa Esh's stapeln. Nasa Esh's, das ist der Name der Firma, die Curtidor im Auftrag der Nasa, einem der über sechzig indigenen Völker Kolumbiens, mit seiner Frau gründete.

In Curtidors geräumigem Lagerraum stapeln sich nicht nur Teebeutel und Schachteln mit Mate de Coca - sondern auch Kisten mit Kokawein und dem neuesten Produkt der kleinen Firma: Coca-Sek, eine gelbe Koka-Brause. Ende letzten Jahres ist der energiespendende Softdrink auf den Markt gekommen und hat nicht nur national Schlagzeilen gemacht.

Der Softdrink schmeckt erfrischend säuerlich, nach Limone. An der Rezeptur habe er sechs Jahre gemeinsam mit seiner Frau gefeilt, sagt Curtidor. Das Getränk sei natürlich, genau wie der Tee, im Gegensatz zu Kokain komplett harmlos.

Nach der Einführung kamen Curtidor und seine Handvoll Mitstreiter kaum hinterher mit der Produktion. Die erste Lieferung von 3000 Flaschen Coca-Sek, was übersetzt Koka der Sonne heißt, war im Handumdrehen verkauft. Weitere 40.000 Flaschen wurden in den folgenden zwei Monaten vorwiegend im Süden Kolumbiens, in Popayán und Cali, und weniger in Bogotá verkauft.

Anzeige aus den USA

Nach dem prächtigen Start kamen die Probleme. Erst gab es Schwierigkeiten mit der Abfüllung der Koka-Brause in der Getränkefabrik in Popayán, dann gab es plötzlich keinen Nachschub an Glasflaschen. "In Kolumbien gibt es ein Monopol in der Flaschenproduktion und von dem besagten Unternehmen bekamen wir bald keine Flaschen mehr", erklärt der kleine Mann mit der eckigen schwarzen Brille.

Mehrere Wochen konnte die Brause nicht hergestellt werden, da erst ein neuer Abfüller gefunden werden musste. Den hat Curtidor nun in Bogotá aufgetan - und auf Aluminiumdosen umgestellt. "Die ist leichter als die Flasche, wodurch der Transport billiger wird", sagt er, und hofft, den Koka-Softdrink bald landesweit vertreiben zu können.

Einige Tausend Dosen sind im Lagerraum des kleinen Büros im Norden Bogotás gestapelt, Ende November sollen weitere 25.000 Dosen vom Abfüller geliefert werden. Dann soll der Vertrieb des kohlensäurehaltigen Energiespenders wieder aufgenommen werden. Bisher werden die Abnehmer, Bioläden und einige Supermärkte, noch persönlich beliefert. "Wir erschließen den Markt in Bogotá erst Schritt für Schritt und haben weder die Kapazitäten noch das Geld, um große Mengen zu produzieren", sagt Curtidor.

Kaum im Geschäft, hat er auch schon die Anwälte des Softdrinkriesen Coca-Cola auf dem Hals. "Uns ist eine Anzeige wegen Verstoß gegen die Namensrechte von Coca-Cola zugegangen. Wir dürfen das Wort Coca im Namen unserer Brause nicht nutzen. Ein Wort, das seit 5000 und mehr Jahren existiert, indigenen Ursprungs ist und für eine heilige Pflanze steht. Dagegen werden wir uns wehren", kündigt er an.

Dabei geht es Nasa Esh's nicht nur um den ökonomischen Erfolg, sondern auch darum, das Image der Kokapflanze zu verbessern. "Wir wollen mit unserem Angebot zeigen, dass Koka genauso wenig Kokain ist wie die Traube gleich Wein ist".

Täglich Koka mit ein bisschen Kalk

"In Kolumbien ist die Kokapflanze lange systematisch verteufelt worden und selbst die traditionelle und religiöse Nutzung der Blätter wurde kaum mehr akzeptiert", erklärt Fredy R.C. Chikangana. Kein Wunder, denn das verheerende Geschäft mit der Droge, die aus den Blättern hauptsächlich gewonnen wird, prägt das ganze Land. Noch immer werden jährlich rund 800 Tonnen Kokain produziert, schätzt der Drogenexperte Ricardo Vargas. Die linken Guerillagruppen FARC und ELN finanzieren sich größtenteils aus dem Geschäft mit dem weißen Pulver, genau wie die rechten Paramilitärs - die zwar offiziell demobilisiert wurden, deren Strukturen Menschenrechstexperten zufolge aber weiter bestehen.

Doch Chikanganas Volk der Yanakona bemüht sich, mit Produkten aus Koka auf die positiven Effekte der Pflanze aufmerksam zu machen. Für den Mann mit den langen schwarzen Haaren ist Koka Teil der Ernährung - und wie seine Ahnen kaut er täglich einige Kokablätter mit einer Portion Kalk.

Unstrittig sei der hohe Nährwert des verteufelten Strauches, dessen getrocknete Blätter den Hunger dämpfen, so Chikangana. Calcium, Eisen, Phosphat enthalten die grünen Blätter genauso wie Magnesium und Vitamine. Shampoo, Zahnpasta und Seife auf Koka-Basis sind in Bolivien und Peru schon auf dem Markt. Das Angebot an Produkten nimmt von Jahr zu Jahr zu.

Unter dem Label Kokasana vertreibt Chikangana neben Kokatee auch Kekse und eine Kokacreme, die bei Arthritis, Muskelverletzungen und Rheuma helfen soll. Ein Saft aus den Blättern des Kokastrauchs soll demnächst hinzukommen. Die Stiftung Sol y Serpiente, unterstützt von der Kinderrechtsorganisation Terres de Hommes, will Aufklärung in Sachen Koka betreiben.

Dabei geht es den Koka-Verfechtern auch darum, die traditionellen Gewohnheiten in den Dörfern zu erhalten. Dazu gehört das mambeo, das Kauen der Kokablätter, das in Peru und Bolivien wesentlich verbreiteter ist als in Kolumbien. Dort bilden die indigenen Völker mit 700.000 Menschen die kleinste Minderheit des Landes.

Kein legaler Markt

Anders als in den Nachbarländern Peru und Bolivien gibt es in Kolumbien keinen legalen Markt für die Blätter der Pflanze. Nur in den resguardos, den indigenen Schutzgebieten, ist der Anbau für den Eigenbedarf laut der Verfassung von 1991 erlaubt. Die sichert den Minderheiten eine gewisse Autonomie zu. Doch das hindere die Polizei nicht daran, auch in den Schutzgebieten Jagd auf die Pflanze zu machen, erklärt Fredy Chikangana.

Auch beim Transport der Blätter nach Bogotá zur Weiterverarbeitung stießen er und Curtidor auf Probleme. Die Blätter wurden manchmal beschlagnahmt, obwohl die Polizei dazu gar keine rechtliche Handhabe hatte. "Der Koka-Anbau ist laut Gesetz in Kolumbien nicht strafbar, sondern nur die chemische Weiterverarbeitung der Blätter zu Kokain. Das ist der indigenen Kultur jedoch vollkommen fremd", erklärt Curtidor.

Gleichwohl erlaubt der kolumbianische Staat die Produktion von Kokaprodukten nicht. Anders die obersten Gremien der Nasa-Gemeinde, die laut Verfassung innerhalb des Schutzgebietes Entscheidungsautorität genießen. Die haben dem Unternehmen Nasa Esh's die Lizenz für die Entwicklung und Vertrieb erteilt.

Bisher wurden die indigenen Rechtstitel von staatlicher Seite nicht ernsthaft angefochten, obwohl Präsident Álvaro Uribe persönlich angekündigt hat, alle Kokasträucher in Kolumbien zu beseitigen. Davon sind die kolumbianischen Behörden aber noch weit entfernt. Aus Sicht der indigenen Kokaproduzenten ist jedes Blatt, das sie verarbeiten, eines weniger für die Drogenhändler.

Und die Pflanze könnte den Indio-Gemeinden neue Perspektiven eröffnen, denn Coca-Sek und Co. haben relativ gute wirtschaftliche Perspektiven. So könnte der Energiedrink Produkten wie Gatorade durchaus Konkurrenz machen. Eine der schlanken 200-Milliliter-Dosen enthält mehr Calcium als ein Liter Milch, mehr Phosphor als eine Portion Fisch - und der Eisengehalt übertrifft den eines Tellers Spinat.

Auch diejenigen, die keine Coca-Cola trinken, weil der Konzern in Kolumbien für die Verfolgung von Gewerkschaftlern verantwortlich gemacht wird, sind für Curtidor potenzielle Kunden. An den Export von der gehaltvollen Brause hat er dabei noch nicht gedacht.

Für die Produktion im großen Stil fehlen den beiden Kokaunternehmern ohnehin die Rohstoffe. In den Schutzgebieten wird Koka nur im kleinen Stil angebaut - ausreichend für die laufende Produktion, aber zu wenig, um groß Kapital daraus zu schlagen. Immerhin sind die beiden ihrem Ziel, das Image der Pflanze zu ändern, schon ein gehöriges Stück näher gekommen. Selbst im Parlament des Landes sind die Teebeutel mit den zerkleinerten Koka-Blättern schon aufgetaucht.

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Produkte aus Koka: Heilige Pflanze, verfluchte Pflanze

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