Kommentar Ackermann ist angezählt

An Stolz und Hochmut fehlt es Josef Ackermann nicht. Doch jetzt muss auch seine Bank einen Milliardenverlust melden, sich in einen Deal mit der Postbank retten. Allein ihr fehlt das Geld dazu, so dass der Staat auf Umwegen doch helfen muss. Ackermann hat das Zeug zur tragischen Figur.

Von Andreas Nölting


Hamburg - Wie mag sich Josef Ackermann heute Morgen gefühlt haben? Ist er mit schweren Beinen - womöglich dem linken - aufgestanden? Hatte der sonst so selbstsichere Top-Banker etwa Angst vor diesem Tag, dem 14. Januar 2009, an dem um 10.50 Uhr eine dürre Ad-hoc-Mitteilung seine Reputation, seine Glaubwürdigkeit, sein Lebenswerk schwer beschädigen sollte? Wäre er am liebsten im Bett liegen geblieben?

Josef Ackermann, der Chef der mächtigsten Bank Deutschlands, das strahlende Gesicht des Finanzplatzes, der Victory-Mann, der ausgebuffte Investmentbanker, der marktpuristische Staatshilfen-Verweigerer, er, der polyglotte Schweizer, der immer den Eindruck vermittelte, sein Haus sei allemal finanziell potent genug, die Finanzkrise unbeschadet zu überstehen und arrogant lächelnd auf seine Branchenkollegen, die sich vom Staat helfen ließen, herabgeschaut hat - dieser Josef Ackermann muss doch geahnt haben, dass der heutige Mittwoch ein Wendepunkt in seinem Leben wird, sein öffentliches Ansehen schwer beschädigt.

Tief in die roten Zahlen ist die Deutsche Bank im vierten Quartal 2008 gestürzt: Unglaubliche 4,8 Milliarden Euro Verlust nach Steuern ließ Ackermann vermelden, sicherlich noch kein Fall UBS oder gar Lehman, aber für einen stolzen Banker, der nach außen, auch wenn die Wogen der Finanzkrise hoch schlagen, das Bild der heilen Welt vermittelte, eine Katastrophe. Und dann brach Ackermann sogleich noch mit einem zweiten Tabu: Um die von der Politik gewünschte Übernahme der Postbank - dem neben Commerzbank/Dresdner kommenden zweiten Banken-Champion Deutschlands - eigenkapitalschonend zu stemmen, lässt der Staatsverweigerer Ackermann über eine Beteiligung der Deutschen Post an der Deutschen Bank den biederen Bund indirekt in seinen Konzern einsteigen. Welch eine Schmach!

Josef Ackermann wird zunehmend zu einer tragischen Figur und womöglich zu einer Belastung für die Deutsche Bank. Während Wettbewerber wie Commerzbank-Chef Martin Blessing keine Probleme haben, staatliche Hilfen in Anspruch zu nehmen, oder sich US-Konkurrent Goldman Sachs über Nacht ganz pragmatisch vom "Master of the Universe" zu einer stinknormalen Geschäftsbank degradieren lässt, wies Ackermann bisher die helfende Hand des Staates hochnäsig zurück ("Ich würde mich schämen, wenn ich das Geld annehmen müsste").

Die geschäftsschädigende Auswirkung: Ackermann muss sich teuer am Kapitalmarkt finanzieren, um seine Kernkapitalquote von zehn Prozent mühsam zu verteidigen - während andere Banker (zugegeben zähneknirschend) die verfemte Staatsknete annehmen und so günstiger an Eigenkapital kommen.

Sicher, der Postbank geht es nicht so schlecht, dass sie betteln gehen muss. Aber die Übernahme der ebenso tief in die roten Zahlen gerutschten popeligen Privatkundenbank dürfte nicht der große Wurf sein, den Josef Ackermann gewünscht hatte. Er träumte von einer grenzüberschreitenden Fusion mit einer der renommiertesten Adressen der Welt.

Muss Ackermann womöglich bald gehen, wird er vor die Tür gesetzt? Das bestimmt nicht, diese Schmach werden ihm seine Kollegen ersparen. Doch seit heute ist Ackermann angezählt, wohl auch bei seinen Kollegen im Haus, die womöglich schon die Tage zählen, bis sein Vertrag im Mai 2010 endet.



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