Ein Kommentar von Sven Böll
Das umstrittene Zypern-Paket:
Das zeigt sich exemplarisch an der Diskussion darüber, wie es mit Zypern weitergehen soll. Die Argumentation der Bundesregierung geht in etwa so: "Entweder ihr akzeptiert unsere Forderungen, oder ihr geht Bankrott." Auf den ersten Blick ist diese harte Haltung gegenüber der Steueroase im Mittelmeer verständlich, ja sogar sympathisch. Schließlich ist Zypern in den vergangenen Jahren auch auf Kosten jener Staaten zu Wohlstand gelangt, auf deren Hilfe es nun angewiesen ist.
Auf den zweiten Blick stellt sich allerdings die Frage, was eigentlich passiert, wenn Zypern tatsächlich pleitegeht. Der zyprischen Regierung bleibt dann nicht viel anderes übrig, als aus der Währungsunion auszutreten. Schließlich braucht sie Geld, um den überdimensionierten Banksektor zu retten und alte Staatsschulden durch neue abzulösen. Weil aber weder die Finanzmärkte noch die Euro-Partner noch die Europäische Zentralbank das Geld dafür spendieren wollen, muss die Regierung früher oder später eigene Scheine drucken und Münzen prägen.
Für den Rest der Euro-Zone bedeutet dieser Austritt aus der Währungsunion einen Tabubruch. Es gibt dann zwei Möglichkeiten: Wenn es mies läuft, bricht das ganz große Chaos aus. Wenn es gut läuft, geht die Aktion mehr oder weniger geräuschlos vorüber.
So unterschiedlich die beiden Optionen auch klingen: Für die Währungsunion bedeuten sie beide eine schlechte Nachricht.
Bei einem Austritt Zyperns kann auch Deutschland nur verlieren
Das Chaos-Szenario geht so: Millionen Menschen in Italien, Spanien, Griechenland und anderswo fürchten nun um ihr Erspartes und stürmen die Banken. Die kapitulieren und können die Guthaben nicht mehr auszahlen. Und die ach so bösen Finanzmärkte verlieren zu Recht endgültig das Vertrauen in die Euro-Zone und senken ihre turbokapitalistischen Daumen, so dass sich die südeuropäischen Staaten nur noch zu Gruselkonditionen Geld leihen können. Eigentlich müsste der Euro-Rettungsschirm einspringen, aber dafür reichen die Mittel bei weitem nicht aus. Zwangsläufig kehrt ein Staat nach dem anderen zu den alten nationalen Währungen zurück. Da diese gegenüber dem Euro rasch an Wert verlieren werden, sinkt auch der Wert deutscher Anlagen in den Austrittsländern. Ein teures Szenario für Deutschland.
Zu einem ähnlichen Ergebnis führt allerdings mit einiger Wahrscheinlichkeit auch das Geräuschlos-Szenario: Wenn Zypern und die Euro-Zone den Austritt des Landes ohne allzu große Blessuren überstehen, wächst bei den Regierungen in Athen und Madrid sowie den Parteien in Rom die Überzeugung, dass sich ein Euro-Austritt eben doch bewerkstelligen lässt. Zunehmende Reformmüdigkeit der Politiker, wachsender Widerstand der Bürger gegen die Sparpolitik - die Rückkehr zur alten Währung, die sich dann nach Belieben abwerten lässt, erscheint da als der einfachere Weg. Ein Land nach dem anderen folgt dem Beispiel Zyperns, bis schließlich eine Rumpf-Euro-Zone übrig bleibt. Wenn überhaupt.
Festzuhalten bleibt: Bei einem Austritt Zyperns kann auch Deutschland nur verlieren. Das bedeutet nicht, sich von der Regierung in Nikosia erpressen zu lassen, einfach nachzugeben und ohne Bedingungen Milliarden Euro zu spendieren. Für die Fehler der Vergangenheit und die massive Fehleinschätzung ihrer Verhandlungsposition in der Gegenwart sind die zyprischen Politiker allein verantwortlich. Im Gegenzug sollte aber auch die deutsche Regierung ihre Verhandlungsposition nicht überschätzen. Eine Währungsunion ist eine Schicksalsgemeinschaft. Und in der kann ein Sieg über andere rasch zur eigenen Niederlage werden.
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