Kommentar Politiker verschlafen die Kapitalismus-Revolution

Erst Conti und Siemens, jetzt BMW und Henkel: Deutsche Konzerne streichen massenweise Stellen - trotz dicker Milliardengewinne. Doch was fällt unseren Politikern dazu ein? Sie reden mit Klassenkampf-Rhetorik um das eigentliche Problem herum.

Von Andreas Nölting


Hamburg - Dass Unternehmen Arbeitsplätze abbauen (müssen), wenn sie rote Zahlen schreiben, ist eine betriebswirtschaftliche Logik. Seit vielen Jahren konnten wir das beobachten und - wenn auch mit Kopfschmerzen - intellektuell nachvollziehen. Wenn Unternehmen zu teuer oder am Markt vorbei produzieren, steigen die Kosten, sinken die Umsätze, geraten die Bilanzen in eine Schieflage und drehen die Banken den Kredithahn zu. Für die Fehler des Managements müssen dann auch Arbeitnehmer bluten. So funktioniert halt die Marktwirtschaft, mag sich der ein oder andere getröstet haben, das ist der Preis des freien Wirtschaftens.

Dass aber renommierte Dax-Konzerne wie Siemens Chart zeigen, BMW Chart zeigen, Henkel Chart zeigen oder Continental Chart zeigen, also die Crème der deutschen Wirtschaft, Tausende ihrer Beschäftigten eiskalt auf die Straße schicken, obwohl sie hervorragende Produkte herstellen, in vielen Segmenten Marktführer sind und kräftige Milliardengewinne schreiben, das ist ein Phänomen, das nicht nur die betroffenen Arbeitnehmer und Gewerkschafter, sondern auch Politiker bis tief hinein in die CDU verunsichert und wütend macht.

Schnell haben Politik und Medien die Schuldigen für solch skrupelloses Wirtschaften ausgemacht: die gierigen und herzlosen Vorstände, deren kurzfristige, am eigenen Wohlergehen orientierte Denke und natürlich die Selbstbedienung in den Vorstandsetagen. Die Top-Manager machen ihren Kritikern eine solche Argumentation auch leicht: Während bei den Arbeitnehmern die Reallöhne vielfach bestenfalls stagnieren, erhöhten sich etwa die Gesamtbezüge des sechsköpfigen Daimler-Vorstandes im vergangenen Jahr um 14,8 Millionen auf rund 25 Millionen Euro. Im Schnitt sind die Bezüge deutscher Vorstände 2007 um 18 Prozent gestiegen, hat die Personalberatung Kienbaum jüngst errechnet.

Bei einer derart ungleichen Entwicklung werden schnell populistische Forderungen aufgestellt: Die Bezahlung von Managern mit Aktienoptionen müsse begrenzt werden, fordert etwa Rainer Wend, der wirtschaftspolitische Sprecher der SPD-Fraktion. Zudem müsse überlegt werden, die Spekulationsfrist für Aktien zu verlängern und das Stimmrecht für Aktionäre an die Haltefrist zu knüpfen. "Wir müssen Anreize setzen, um kurzfristige Spekulationen zu reduzieren", sagte der SPD-Politiker der "Berliner Zeitung".

Zerstört der Super-Kapitalismus die Demokratie?

Aktienoptionen als Ursache der Massenentlassungen? Kalkulieren Vorstände tatsächlich so brutal, dass sie Beschäftigte rausschmeißen, um so den Aktienkurs und damit den Wert ihrer eigenen Optionen zu steigern, sich persönlich zu bereichern? Und wäre das System repariert, wenn es Optionen für Vorstände nicht mehr gäbe oder Spekulationsfristen verlängert würden?

Diese ökonomische Argumentation erstaunt dann doch, vor allem aus dem Mund eines "wirtschaftspolitischen Sprechers". Denn sie personalisiert und stigmatisiert, wo viel dringender die Systemfrage gestellt werden sollte: Wie lange kann eine Gesellschaft die Macht der Börse – also die pure Orientierung am Shareholder Value (der Aktienrendite) und die Zwänge der Globalisierung ertragen, bis sie auseinanderbricht? Oder, anders formuliert: Zerstört der Super-Kapitalismus die Demokratie?

Mit aller Wucht bricht eine neue Epoche des Kapitalismus über uns herein. Einst hatten Unternehmer in ihren Fabriken das Sagen. Als die Konzerne größer wurden und an die Börse gingen, übernahmen angestellte und oft selbstherrliche Manager die Regie. Jetzt allerdings bestimmen die weltweit agierenden Fondsfirmen, Hedgefonds und zunehmend auch die milliardenschweren Staatsfonds diktatorischer Länder die Regie. Die Vorstände sind die "Büttel", die Dienstleister ihrer mächtigen Großaktionäre. Wer nicht spurt, muss gehen.

Die Macht der Börse zwingt Manager zum Jobabbau

Wenn also Herr Reithofer von BMW ankündigt, in seinem Konzern weltweit 8100 Stellen zu streichen, dann macht er das nicht, um den Wert seiner eigenen Aktienoptionen zu maximieren. Bei seinem Millionengehalt muss er das auch nicht. Er macht den harten Schnitt, weil ihn das System, die Macht der Börse und die Globalisierung, dazu zwingen. Er will und muss mit aller Kraft die Eigenkapitalrendite steigern, um nicht aus dem System zu fallen oder übernommen zu werden (was wegen des Großaktionärs Quandt im Rücken allerdings wenig wahrscheinlich ist).

Die brisanten Fragen hingegen bleiben noch unbeantwortet. Was passiert, wenn die Interessen der von den Finanzhaien getriebenen global agierenden Großkonzerne und der Gesellschaft immer weiter auseinander driften? Mutiert die westliche Demokratie wieder zu einem planwirtschaftlich organisierten System – quasi eine DDR light? Kommt es zu Aufständen und Verstaatlichungen von Schlüsselindustrien wie etwa der Energiewirtschaft? Oder werden staatsdiktatorische Länder wie China, Saudi Arabien oder Russland die Probleme des Westens nutzen, um ihr Herrschaftsgebiet zu erweitern?

Das sind die Fragen, die man sich heute stellen sollte. Die populistische Vorstandsschelte der Politiker hilft nicht weiter.



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