Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kommentar: Seehofers falsches Signal und das DDR-Handy

Von Andreas Nölting

Nokia streicht in Bochum mehr als 2000 Arbeitsplätze, entsprechend laut ist der öffentliche Aufschrei. Die Finnen gehen in der Tat äußerst rüde vor - doch die Boykottaufrufe deutscher Politiker sind nichts als verlogener Populismus.

Danke, Horst Seehofer! Sie werfen mutig Ihr Nokia-Handy auf den Müll und setzen so ein deutliches Zeichen gegen die menschenverachtende Standortpolitik des finnischen Telefonkonzerns. Und auch Sie, werter SPD-Fraktionschef Peter Struck, Sie haben sofort Ihr Büro gebeten, Ihnen ein politisch unbedenkliches Handy zu besorgen. Vielleicht ein ausrangiertes Siemens-Solidaritätsgerät? Ein verblichenes Motorola aus schönen Flensburger Tagen? Oder etwa ein hippes Apple iPhone? Steve Jobs ordert immerhin den Touchscreen in Deutschland bei Balda (das allerdings längst die Produktion nach China verlagert hat).

Verbraucherminister Seehofer auf der Grünen Woche: Einfach nur albern
DPA

Verbraucherminister Seehofer auf der Grünen Woche: Einfach nur albern

Und vor allem Sie, Ministerpräsident und Arbeiterführer Jürgen Rüttgers. Wie Sie sich vor den Kameras sofort in die Reihen der demonstrierenden Nokia-Arbeiter geworfen und gegen die finnischen "Subventionsheuschrecken" gewettert haben, das ist schon große Klasse, das zeigt Ihren unermüdlichen Einsatz für den Standort Deutschland, Ihre Solidarität mit den gebeutelten Globalisierungsverlierern.

Klar, die Verlagerung von mehr als 2000 Arbeitsplätzen aus dem Ruhrgebiet nach Rumänien erzürnt die Politiker. Und auch die Art, wie die finnischen Konzernoberen ihre Entscheidung heimlich vorbereitet und dann knallhart kommuniziert haben, ist rüde und ungeschickt. So darf ein Weltkonzern eine so folgenreiche Entscheidung nicht begründen. Das ist ein Kommunikations- und Management-Gau, der Konsequenzen haben sollte.

Und doch sind die Äußerungen von Seehofer, Struck und Co. sowie der angedrohte Nokia-Boykott einfach nur albern, populistisch und durchweg verlogen. Die Politiker erwecken so die Hoffnung, dass sich Weltkonzerne (und auch Mittelständler) in ihren Standortentscheidungen an patriotischen Kriterien orientierten und in nationalstaatlichen Grenzen dächten. Schlimmer noch. Sie erzeugen bei den Bundesbürgern die Illusion, dass sich einfache Produktion wie das Montieren von Handys durch Subventionen und medialen Druck noch in Deutschland halten ließen. Das allerdings ist weltferne Industrieromantik.

Gerade ein Exportweltmeister wie Deutschland lebt vom freien Welthandel und den daraus resultierenden Standortentscheidungen. Volkswagen etwa überlegt, wegen des starken Euro ein Werk in den USA zu bauen. BMW und Daimler wollen Produktion nach Asien verlagern. Der urdeutsche Konzern Siemens hat im Ausland längst mehr Mitarbeiter (und Aktionäre) als hierzulande. Und das niedersächsische Dax-Unternehmen Continental hat gerade die profitable Reifenproduktion am Stammsitz in Hannover-Stöcken dichtgemacht, um lieber demnächst in und für Osteuropa einen 9,90-Euro-Reifen zu produzieren.

So bitter die Verlagerungen für die Beschäftigten in Deutschland auch sind, sie sind ökonomisch unausweichlich. Nur durch das ständige Optimieren der Produktionskosten können auch die "deutschen" Konzerne, von denen in Wahrheit längst viele mehrheitlich in ausländischem Eigentum sind, ihre Existenz im Globalisierungswettlauf sichern und zumindest die Hightech-Arbeitsplätze hierzulande ein wenig sicherer machen.

Statt über die "Bild"-Zeitung medienwirksam ihr Nokia-Handy einzustampfen, sollten die deutschen Politiker für bessere Standortbedingungen sorgen. Sie sollten sich nicht nur dem populistischen Thema Mindestlöhne widmen, sondern endlich darangehen, die hohen Lohnneben- und Bürokratiekosten zu senken. Und sie sollten die unsinnige Subventionierung von antiquierten Produktionen, die sich sonst in Deutschland nicht rechnen, überdenken. Der Subventionswettlauf in Europa vernichtet wertvolle Staatsgelder, die besser gleich für die Senkung von Unternehmensteuern eingesetzt werden könnten.

Denn es gibt natürlich auch weiterhin Hoffnung für den Standort Deutschland. Viele Mittelständler etwa aus dem Maschinenbau beweisen, dass auch hier noch geforscht und produziert werden kann, weil sie sich einen derartigen technischen Vorsprung erarbeitet haben, dass ihre Produkte nicht billiger im Ausland nachgebaut werden können.

Bliebe nur noch die Frage, welches politisch opportune Handy Seehofer und Struck künftig nutzen könnten?

"DDR-Handy": Politisch korrekte Lösung

"DDR-Handy": Politisch korrekte Lösung

Unsere gesamte Redaktion hat sich Gedanken gemacht und leider keine Alternative gefunden. Samsung, Sony, Motorola - alle produzieren in Asien. Blieben nur das Festnetz und die deutsche Lösung: Siemens-Geräte und die Deutsche Telekom mit ihrem Festnetz als Provider. Doch so könnte Rüttgers vor den Toren in Bochum nicht von der "Bild"-Zeitung angerufen werden.

Ein Kollege allerdings ist im Internet auf eine politisch sehr interessante Alternative gestoßen: das "DDR-Handy", das in Wahrheit ein Funkgerät der ehemaligen Volkspolizei ist (siehe Foto)*. Das Produkt ließe sich sicher wiederbeleben - mit Subventionen aus dem Westen in die neuen Länder.


* Vielen Dank an alle Leser, die uns prompt über Folgendes aufgeklärt haben: Beim "DDR-Handy" handelt es sich um Funkgeräte der Typen UFT 721 (r.) und UFT 727, die bei der Volkspolizei der DDR im Einsatz waren. Schade, also doch keine politisch korrekte Lösung und keine Handy-Alternative für Seehofer, Struck, Rüttgers und Co.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Nokia-Boykott: Wer sonst noch Jobs verlagert hat


SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: