Kongo Holzfirma kauft Regenwald für ein paar Päckchen Zucker

5800 Euro - so viel ist ein einziger Baum aus Lamoko im kongolesischen Regenwald wert. Eine ausländische Holzfirma kam trotzdem billig an die Rodungsrechte: Für etwas Zucker und Salz handelte sie dem Dorfältesten tausende Hektar Wald ab.


Kisangani - Lamoko liegt am Rande des Regenwalds, am Fluss Maringa, im Herzen der Demokratischen Republik Kongo. Am 8. Februar 2005 kamen die Vertreter einer großen Holzfirma hierher, um mit den einheimischen Landbesitzern zu verhandeln.

Nur wenige im Dorf realisierten, dass die Gespräche ihr Leben ändern würden. Trotzdem waren sich beide Seiten nach wenigen Stunden einig. Der Dorfälteste, ohne jeglichen juristischen Beistand, vergab die Rechte seiner Gemeinde an dem Wald für die nächsten 25 Jahre. Was er nicht wusste: Ein einziger der Bäume hat einen Wert von mehr als 5800 Euro, berichtet der britische "Guardian".

Verramschter Naturschatz: Regenwald im Kongo.
REUTERS

Verramschter Naturschatz: Regenwald im Kongo.

Das Holzunternehmen versprach im Gegenzug, in Lamoko und anderen Örtchen der Gegend drei einfache Dorfschulen und Apotheken zu errichten. Außerdem versprach die Firma dem Dorfältesten 20 Säcke Zucker, 200 Säcke Salz und einige Macheten. Alles in allem sollten die Geschenke das Unternehmen 14.600 Euro kosten. Für diese Summe erhielt das Unternehmen tausende Hektar Wald, zum Teil bewachsen mit seltenen exotischen Pflanzen.

Der Deal war eine Vereinbarung im Rahmen der "Sozialen Verantwortung", wie sie die Weltbank fördert. Als die Dorfbewohner allerdings merkten, wie billig ihr Wald verkauft worden war, wurden sie wütend. Sie beschwerten sich bei den lokalen Behörden und bei der Regierung, weil es keine angemessene Beratung gegeben habe. Die Verhandlungen seien in einer "arroganten" Art und Weise geführt worden, die Leute seien regelrecht gezwungen worden, den Vertrag zu unterzeichnen. Die Forderung der Dörfler: Das Unternehmen solle sich wieder zurückziehen.

Außer Kontrolle geraten

Seit Februar 2005 aber hat das Unternehmen bereits Holzfällerstraßen tief in den Wald geschlagen. Auch mit dem Fällen und dem Abtransport der Bäume wurde begonnen. Von den versprochenen Schulen und Apotheken hingegen haben die Dorfbewohner noch nichts gesehen. "Wir haben sie gebeten, uns wenigstens Holz für unsere Särge zu geben, aber sie haben selbst das abgelehnt", sagt einer der Bewohner.

Der Lamoko-Vertrag ist nur einer von vielen, die europäische Firmen mit Dorfältesten im Kongo geschlossen haben. Der Umweltschutzorganisation Greenpeace zufolge ist die Vereinbarung in Lamoko sogar noch verhältnismäßig mild. Andere Verträge sehen als Bezahlung für die Holzfällerlizenz lediglich Zucker, Salz und Werkzeuge vor - laut "Guardian" oft im Wert von gerade einmal 100 Dollar.

Greenpeace hat solche Verträge in mühevoller Kleinarbeit zusammengestellt. Insgesamt zwei Jahre lang schrieben Mitarbeiter der Organisation an einem Bericht, der nun vorgestellt wurde. Kernaussage: Der industrielle Holzschlag, der auch von der Weltbank unterstützt wird, ist außer Kontrolle geraten. "Die Jungen müssen feststellen, dass die Alten die langfristigen Interessen ihrer Gemeinde nicht berücksichtigt haben", heißt es in dem Bericht.

Lohn von 75 Cent am Tag

"Wenn die Bäume weg sind, haben wir nichts mehr", sagt ein Mann, der in der Nähe von Kisangani lebt. "Wir wären zu ewiger Armut verdammt. Der Wald ist unsere einzige Hoffnung." Wie die meisten Menschen in der Gegend möchte der Mann seinen Namen nicht nennen - aus Furcht vor den korrupten Behörden, die oft genug von den Holzfällern geschmiert werden.

"Die Firmen sind eigentlich verpflichtet, ihre Mitarbeiter vor Ort zu suchen. Aber sie bringen immer ihre eigenen Leute mit", sagt ein anderer. Für die Einheimischen blieben oft nur unqualifizierte Jobs zu einem Mindestlohn von weniger als 75 Cent am Tag.

Schätzungen zufolge sind in der Demokratischen Republik Kongo 20 ausländische Forstunternehmen tätig. In jüngster Zeit bemühen sich vor allem chinesische Unternehmen um Holzlizenzen. Um die schlimmsten Folgen zu vermeiden, hat die Weltbank 2002 ein Moratorium verfasst.

Industriestaaten in der Pflicht

Die meisten großen Holzfirmen wie Danzer, Trans-M, TB, NST, Olan und Sicobois halten sich sogar daran - zumindest auf dem Papier. Ob die Verträge dann aber auch wirklich eingehalten werden, ist oft eine andere Frage. "Die meisten Unternehmen profitieren davon, dass die Weltbank sich nicht um die Durchsetzung des Moratoriums in der Demokratischen Republik Kongo kümmert", sagt Stephan van Praet von Greenpeace.

Das Schicksal des kongolesischen Regenwalds hänge nun vom Handeln der Weltbank ab. In der Pflicht seien auch alle Industriestaaten: Sie müssten den industriellen Holzeinschlag generell ablehnen, auf eine gerechte Landnutzung im Kongo hinwirken und die Regierung zur Bekämpfung der Korruption drängen.

wal



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