Konjunktur: Bundesbank erwartet Wachstumseinbruch wie in den siebziger Jahren

Deutschland gerät in den Abwärtssog der globalen Krise. Die Wirtschaft wird 2009 um 0,8 Prozent schrumpfen, schätzt jetzt die Bundesbank - Werte wie zuletzt während der Ölkrise Mitte der siebziger Jahre. Und selbst ein schärferer Einbruch gilt den Experten als "keineswegs abwegig".

Frankfurt am Main - Die Aussichten sind düster: Für 2009 erwartet die Bundesbank einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 0,8 Prozent, teilte das Institut am Freitag in Frankfurt mit. Damit kappten die Experten ihre Juni-Prognose von plus 1,4 Prozent deutlich. Die konjunkturellen Aussichten hätten sich seit Herbst markant verschlechtert, lautet die Begründung. Im Winterhalbjahr 2008/09 sei mit einem "erheblichen Rückgang" der realwirtschaftlichen Aktivität zu rechnen, hieß es.

Einzelhandel: Erst 2010 ist wieder Belebung zu erwarten
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Der prognostizierte Rückgang der Wirtschaftsleistung hat fast eine historische Dimension: Am stärksten war das Bruttoinlandsprodukt in der Bundesrepublik bislang im Jahr 1975 als Folge der Ölkrise mit einem Minus von 0,9 Prozent geschrumpft.

Deutschlands Wirtschaftswachstum seit 1962
DER SPIEGEL

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Erst im Zuge der erwarteten weltwirtschaftlichen Belebung im Jahr 2010 dürfte die deutsche Wirtschaft wieder an Schwung gewinnen. Die Unsicherheit sei mit Blick auf die Weltkonjunktur derzeit aber "extrem hoch". Ein schärferer Einbruch sei in einem Risikoszenario "keineswegs abwegig".

Mit der Prognose liegt die Bundesbank auf einer Linie mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF). Der hatte für 2009 einen Rückgang des BIP in Deutschland um 0,8 Prozent prognostiziert. Die Bundesregierung hatte ihre Erwartungen Mitte Oktober nach unten korrigiert und rechnet noch mit einem leichten Anstieg um 0,2 Prozent. Zuvor lag die Vorhersage noch bei einem Plus von 1,2 Prozent.

Auch für das laufende Jahr senkte die Bundesbank ihre Wachstumsprognose von bisher 2,3 Prozent auf 1,6 Prozent deutlich. 2010 sei ein Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent zu erwarten. Dabei sei unterstellt, dass sich aufgrund der umfangreichen Maßnahmenpakete die Lage an den Finanzmärkten allmählich entspanne und die globale Konjunktur im Jahr 2010 wieder stärker anziehe.

Auch die Deutsche Bank legte eine pessimistische Prognose für 2009 vor: Im kommenden Jahr könne das Bruttoinlandsprodukt um bis zu vier Prozent schrumpfen, sagte der Chefvolkswirt der Bank, Norbert Walter, der "Bild"-Zeitung. Die Wahrscheinlichkeit dafür betrage "rund ein Drittel", sagte der Ökonom. Sollte sich die Prognose bewahrheiten, wäre dies die größte Krise seit Bestehen der Bundesrepublik. Als mögliche Ursachen für einen solchen Einbruch nannte Walter unter anderem eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation in Russland und im Nahen Osten.

Im besten Fall sei 2009 mit einem Schrumpfen des Inlandsprodukts um ein Prozent zu rechnen, sagte Walter. Der Chefökonom forderte die Bundesregierung auf, die Mehrwertsteuer "sofort für ein Jahr" auf 16 Prozent senken, um den Inlandskonsum zu stärken. Sonst sei der Absturz "nicht mehr zu verhindern". Die Furcht vor einer langen schmerzhaften Rezession erfasst zusehends die Bundesbürger.

Viele Deutsche sehen schwarz für die Konjunktur im Land und sorgen sich um ihre Zukunft. Fast drei Viertel (73 Prozent) sind laut dem am Donnerstag veröffentlichten "ARD-Deutschlandtrend" der Ansicht, dass "der schlimmste Teil der Krise uns noch bevorsteht". Dies sind zehn Punkte mehr als vor einem Monat.

cvk/AFP/Reuters/dpa-AFX

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