Hamburg - Im Juni ist der Handelsbilanzüberschuss von revidierten 13,0 Milliarden im Mai auf 13,3 Milliarden Euro gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute mit. Auch wenn das eine stolze Zahl ist - im Juni 2005 lag das Plus noch deutlich höher, nämlich bei 16,7 Milliarden Euro.
Zudem legten im Juni dieses Jahres die Importe stärker zu als die Ausfuhren: Die Exporte stiegen nur um 7,0 Prozent auf einen Warenwert von 73,5 Milliarden Euro - das geringste Wachstum seit November -, die Einfuhren nahmen dagegen um 15,8 Prozent auf 60,2 Milliarden Euro zu. Grund dafür sind laut Ökonomen die Rekordpreise für Erdöl und Erdgas, die den Wert der Importe verteuern. Zudem werden immer mehr Vorprodukte im billigen osteuropäischen Ausland gefertigt und dann zur Endmontage nach Deutschland gebracht.
Nach Meinung von Experten trug der Außenhandel des Exportweltmeisters Deutschland zwar erneut wesentlich zum Wirtschaftswachstum bei. Doch Analysten zufolge dürfte der Ausfuhrboom deutlich an Schwung verlieren. "Den Exporten geht die Luft aus, seit Anfang 2006 bleiben die Zahlen auf der Stelle", sagt Analyst Andreas Rees von der HVB und verweist darauf, dass die Zahlen saison- und inflationsbereinigt keinen Grund zu Optimismus gäben. "Die besten Zeiten haben wir längst gesehen, und zwar im Jahr 2005 bis Anfang 2006", sagt er SPIEGEL ONLINE.
Ähnlich äußert sich Matthias Rubisch von der Commerzbank. "Es ist noch ein Schub von außen da, aber die Dynamik hat sich seit Jahresbeginn abgeschwächt", sagt er SPIEGEL ONLINE. Rubisch spricht jedoch von einer "Normalisierung nach dem Boom". "Eine solche Dynamik, wie wir sie 2005 erlebt haben, wird es wohl nicht mehr geben." Der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) spricht etwas zurückhaltender von einer "leichten Verschnaufpause", mit der "ein starkes erstes Halbjahr für den Export" ende.
Als Gründe nennen die Ökonomen den starken Euro sowie eine schwächer werdende Weltwirtschaft. "Vor allem die US-Wirtschaft schwächelt, die USA hatten im ersten Quartal ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von sechs Prozent, im zweiten Quartal nur noch 2,5 Prozent", sagt Rees. Entsprechend sinke auch die Nachfrage aus den USA nach deutschen Produkten. Zwar würden die Exporte in die USA nur etwa zehn Prozent aller deutschen Ausfuhren ausmachen, doch würde dort ein Viertel des weltweiten Wachstums erzeugt. "Wenn die Wirtschaft in den USA abschwächt, hat das starke Auswirkungen auf die Situation in Deutschland", erklärt Rees und spricht von "Drittmarkteffekten" - auch andere Staaten würden weniger aus Deutschland bestellen, wenn sie selbst weniger in die USA verkaufen könnten.
Stärkere Binnennachfrage als Rettung
Einig sind sich die Experten darin, dass die deutsche Wirtschaft künftig stärker aus eigener Kraft, also durch eine größere Nachfrage im Inland wachsen müsse. Rees erklärt, zum einem müssten Unternehmen mehr investieren und Arbeitsplätze schaffen, zum anderen sei "Otto Normalverbraucher" gefragt, der mehr konsumieren müsse. Die bisherige Zunahme der Binnennachfrage sei eher ein Vorzieheffekt zur Mehrwertsteuererhöhung.
Aber Rees warnt vor einem Einmischen der Politik: "Mir wäre es lieb, wenn die Politik sich für diese Sache nicht verantwortlich fühlt", sagt der Experte. Die Bundesregierung habe häufig darauf verwiesen, dass die wirtschaftliche Lage Anfang 2007 so gut sein werde, dass die Mehrwertsteuererhöhung zu verkraften sei. "Nun kommt es wohl ganz anders und wir werden Anfang 2007 einen Tiefpunkt erleben", erklärt Rees. "Zumal die US-Wirtschaft weiter an Saft und Kraft verliert."
Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) warnt davor, jetzt von einem Abschwung zu reden. Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die Exporte im zweiten Quartal ein Drittel oder sogar knapp die Hälfte des Wirtschaftswachstums von schätzungsweise 0,7 ausmachten. Neben den Exporten hätten im Frühjahr vor allem Investitionen und Nachholeffekte am Bau nach dem kalten Winter die Wirtschaft angeschoben.
Trotz der Debatte um die schwächer werdende Exportwirtschaft hat Deutschland Ökonomen zufolge auch in diesem Jahr gute Chancen auf den Titel des Exportweltmeisters. Der BGA erwartet den Titel zum vierten Mal in Folge.
Zum Exportwachstum im Halbjahresrückblick trugen alle Regionen der Welt bei. Die wichtigsten Abnehmer für deutsche Waren, die EU-Länder, kauften 12,4 Prozent mehr Produkte "made in Germany" - im Wert von 47,5 Milliarden Euro.
kaz/dpa/AP
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