Konjunktur: Der Exportweltmeister kommt aus der Puste

Deutschland hat im ersten Halbjahr Waren und Dienstleistungen im Wert von 432 Milliarden Euro exportiert - 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Doch Analysten warnen: Die besten Zeiten habe die deutsche Exportwirtschaft längst hinter sich.

Hamburg - Im Juni ist der Handelsbilanzüberschuss von revidierten 13,0 Milliarden im Mai auf 13,3 Milliarden Euro gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt in Wiesbaden heute mit. Auch wenn das eine stolze Zahl ist - im Juni 2005 lag das Plus noch deutlich höher, nämlich bei 16,7 Milliarden Euro.

Exportware im Container: Auswirkungen der schwachen US-Wirtschaft auf deutsche Ausfuhren
DPA

Exportware im Container: Auswirkungen der schwachen US-Wirtschaft auf deutsche Ausfuhren

Zudem legten im Juni dieses Jahres die Importe stärker zu als die Ausfuhren: Die Exporte stiegen nur um 7,0 Prozent auf einen Warenwert von 73,5 Milliarden Euro - das geringste Wachstum seit November -, die Einfuhren nahmen dagegen um 15,8 Prozent auf 60,2 Milliarden Euro zu. Grund dafür sind laut Ökonomen die Rekordpreise für Erdöl und Erdgas, die den Wert der Importe verteuern. Zudem werden immer mehr Vorprodukte im billigen osteuropäischen Ausland gefertigt und dann zur Endmontage nach Deutschland gebracht.

Nach Meinung von Experten trug der Außenhandel des Exportweltmeisters Deutschland zwar erneut wesentlich zum Wirtschaftswachstum bei. Doch Analysten zufolge dürfte der Ausfuhrboom deutlich an Schwung verlieren. "Den Exporten geht die Luft aus, seit Anfang 2006 bleiben die Zahlen auf der Stelle", sagt Analyst Andreas Rees von der HVB und verweist darauf, dass die Zahlen saison- und inflationsbereinigt keinen Grund zu Optimismus gäben. "Die besten Zeiten haben wir längst gesehen, und zwar im Jahr 2005 bis Anfang 2006", sagt er SPIEGEL ONLINE.

Ähnlich äußert sich Matthias Rubisch von der Commerzbank. "Es ist noch ein Schub von außen da, aber die Dynamik hat sich seit Jahresbeginn abgeschwächt", sagt er SPIEGEL ONLINE. Rubisch spricht jedoch von einer "Normalisierung nach dem Boom". "Eine solche Dynamik, wie wir sie 2005 erlebt haben, wird es wohl nicht mehr geben." Der Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels (BGA) spricht etwas zurückhaltender von einer "leichten Verschnaufpause", mit der "ein starkes erstes Halbjahr für den Export" ende.

Als Gründe nennen die Ökonomen den starken Euro sowie eine schwächer werdende Weltwirtschaft. "Vor allem die US-Wirtschaft schwächelt, die USA hatten im ersten Quartal ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von sechs Prozent, im zweiten Quartal nur noch 2,5 Prozent", sagt Rees. Entsprechend sinke auch die Nachfrage aus den USA nach deutschen Produkten. Zwar würden die Exporte in die USA nur etwa zehn Prozent aller deutschen Ausfuhren ausmachen, doch würde dort ein Viertel des weltweiten Wachstums erzeugt. "Wenn die Wirtschaft in den USA abschwächt, hat das starke Auswirkungen auf die Situation in Deutschland", erklärt Rees und spricht von "Drittmarkteffekten" - auch andere Staaten würden weniger aus Deutschland bestellen, wenn sie selbst weniger in die USA verkaufen könnten.

Stärkere Binnennachfrage als Rettung

Einig sind sich die Experten darin, dass die deutsche Wirtschaft künftig stärker aus eigener Kraft, also durch eine größere Nachfrage im Inland wachsen müsse. Rees erklärt, zum einem müssten Unternehmen mehr investieren und Arbeitsplätze schaffen, zum anderen sei "Otto Normalverbraucher" gefragt, der mehr konsumieren müsse. Die bisherige Zunahme der Binnennachfrage sei eher ein Vorzieheffekt zur Mehrwertsteuererhöhung.

Aber Rees warnt vor einem Einmischen der Politik: "Mir wäre es lieb, wenn die Politik sich für diese Sache nicht verantwortlich fühlt", sagt der Experte. Die Bundesregierung habe häufig darauf verwiesen, dass die wirtschaftliche Lage Anfang 2007 so gut sein werde, dass die Mehrwertsteuererhöhung zu verkraften sei. "Nun kommt es wohl ganz anders und wir werden Anfang 2007 einen Tiefpunkt erleben", erklärt Rees. "Zumal die US-Wirtschaft weiter an Saft und Kraft verliert."

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin (DIW) warnt davor, jetzt von einem Abschwung zu reden. Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass die Exporte im zweiten Quartal ein Drittel oder sogar knapp die Hälfte des Wirtschaftswachstums von schätzungsweise 0,7 ausmachten. Neben den Exporten hätten im Frühjahr vor allem Investitionen und Nachholeffekte am Bau nach dem kalten Winter die Wirtschaft angeschoben.

Trotz der Debatte um die schwächer werdende Exportwirtschaft hat Deutschland Ökonomen zufolge auch in diesem Jahr gute Chancen auf den Titel des Exportweltmeisters. Der BGA erwartet den Titel zum vierten Mal in Folge.

Zum Exportwachstum im Halbjahresrückblick trugen alle Regionen der Welt bei. Die wichtigsten Abnehmer für deutsche Waren, die EU-Länder, kauften 12,4 Prozent mehr Produkte "made in Germany" - im Wert von 47,5 Milliarden Euro.

kaz/dpa/AP

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Forum - Konjunkturflaute - Deutschland dauerhaft im Wirtschaftstief?
insgesamt 998 Beiträge
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1.
Steffen Kahnt 11.08.2005
Auswandern !
2.
Bernd Klehn 11.08.2005
Kein Wunder, dieses ist zwangsläufig das Ergebnis, wenn 400 Milliarden jährlich als Arbeitsstrafabgabe von den untern und mittelen Einkommen eintrieben werden, anstatt sie wettbewerbsneutral als Binnenmarktabgabe (=Mehrwertsteuer, trifft ausländische und inländische Produkte gleichermaßen und fällt bein Export nicht an) zu erheben.
3.
Krischi 11.08.2005
Zitat von sysopWas sollten wir gegen das schlechte und wirtschaftsfeindliche Image tun?
Frau Kuenast von den Grünen fragen - die hat doch immer tolle Ideen und ist eine anerkannte "Wirtschaftsexpertin"!
4. Wie denn?! Mit dem halben Geld?!
Randolf Butzbach 11.08.2005
Wo soll denn die Binnennachfrage herkommen? Jeder weiß es (auch die Leute vom Statistischen Bundesamt, wenn man sie privat fragt), aber keiner spricht öffentlich darüber: Mit der Einführung des Euro haben zahlreiche Dienstleister und Händler im günstigsten Fall die Preise 1:1 umgerechnet. Teilweise sind Aufschläge von 300% zu beobachten. Dies betrifft insbesondere die Grundbedürfnisse wie Lebensmittel, Auto, Friseur, etc. Faktisch kommt das somit einer Einkommenshalbierung gleich: Wenn ich aber (faktisch) nur noch halb soviel Geld zum Ausgeben habe -- womit soll ich dann den Konsum und damit die Kojunktur und Binnennachfrage ankurbeln? Da nützt es auch nichts, dass die Digitalkameras jetzt nur noch die Hälfte gegenüber von vor drei Jahren kosten (wie das Statistisch Bundesamt mit einberechnet) -- ich kaufe nur so selten eine Digitalkamera. Und wenn, dann kommt die auch noch aus Mangel an deutschen Alternativen aus Fernost -- bringt der Deutschen Wirtschaft also auch nichts.
5.
DFault 11.08.2005
Wirtschaftsfeindlich?! Ich glaube noch nie zuvor ging es der heimischen Wirtschaft besser. Eine kleine Drohung an die Politik (z.B. Standortschließungen) ist ausreichend um gewisse Steuervorteile zu erlangen (siehe Gewerbesteuer). Aus gleichem Grund verzichten Arbeiter und Angestelle auf Lohnerhöhungen und sind mit Arbeitsplatzgarantien zufrieden. Und das obwohl immer dickere Gewinne eingefahren werden. Ich behaupte unserer Wirtschaft geht es nicht schlecht. Ein großer Teil der schlechten Stimmung ist m.E. von der Wirtschaft so gewollt (gar fociert?). Die schlechte Binnennachfrage kann man -und da gebe ich meinem Vorredner recht- nur durch massive Steuererleichterungen ankurbeln. Habe ich mehr Geld in der Tasche, kann ich auch mehr ausgeben. Oder frei nach dem Motto: Greif' mal einem nackten Mann in die Tasch'! Die MwSt zu erhöhen ist nur dann der richtige Weg, wenn gleichzeitig die "Arbeitsstrafabgaben" zurückgefahren werden. Es ist richtig, dass eine MwSterhöhung aus- und inländische Produkte gleichermaßen trifft, viel wichtiger ist jedoch, dass es arme und reiche Bürger gleichermaßen trifft. Es entstünde also keine Benachteiligung/Bevorzugung. Vielleicht sollte man Frau Künast wirklich fragen...immerhin scheint rot-grün ansatzweise ein Konzept zu haben. Wie ich hörte, möchte die Union im Wahlkampf stärker auf die Fehler und Versäumnisse der rot-grünen Regierung eingehen. Na klar, das lenkt dann ja auch von der eigenen Konzeptlosigkeit ab und man braucht keine verbindlichen Aussagen treffen.
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