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Konjunktur: Ökonomen sehen Ende des Abschwungs

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Export, Industrie, Börse: Die Zeichen für ein Ende des Absturzes mehren sich, die Bodenbildung der Krisenkurve scheint erreicht. Aber heißt das wirklich, dass sich die Konjunktur erholt? Ökonomen fürchten eine lange L-Rezession - ein Dümpeln der Wirtschaft auf niedrigem Niveau.

Hamburg - Der Mai hat für die Wirtschaft passabel begonnen. Eine Branche nach der anderen legte ihre Zahlen vor, erst der Maschinenbau, dann die Industrie, schließlich die Exporteure. Die Kernaussage war immer die gleiche: Wirklich gut geht es den Unternehmen nicht, aber der freie Fall scheint gestoppt. Ökonomen hoffen nun auf eine Bodenbildung der Krisenkurve - also ein Ende des Abschwungs. "Das Schlimmste liegt hinter uns", sagt Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Stahlarbeiter in Duisburg: Am Jobmarkt steht das Schlimmste noch bevor
DDP

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Aufwärts geht es mit der Konjunktur noch lange nicht. Bisher hat sich der Abwärtstrend lediglich verlangsamt. Aber es gibt Grund zur Hoffnung. Denn gleich mehrere Nachrichten ließen in den vergangenen Tagen aufhorchen:

  • Die Erzeugung im produzierenden Gewerbe hat sich im März stabilisiert: Im Vergleich zum Vormonat ist sie nicht weiter gesunken. Im Februar hatte die Branche noch ein Minus von 3,4 Prozent gemeldet.
  • Die Exporteure verzeichnen ein leichtes Plus. Nachdem die Ausfuhren monatelang geschwächelt hatten, legten sie im März im Vergleich zum Vormonat zu.
  • Der deutsche Mittelstand ist wieder optimistischer. Laut KfW-Barometer beurteilten die Unternehmen ihre Lage im April etwas besser - zum ersten Mal seit elf Monaten.
  • Die Industrie meldet erstmals seit einem halben Jahr wieder mehr Auftragseingänge. Im März erhielten die Unternehmen 3,3 Prozent mehr Bestellungen als im Februar.
  • In den USA beantragen weniger Personen Arbeitslosenhilfe. In der vergangenen Woche lag die Zahl bei 601.000 - in der Vorwoche waren es noch 635.000 gewesen.
  • Auch die Stimmung unter den US-Konsumenten hebt sich. Das Verbrauchervertrauen ist im April deutlich gestiegen, die Einzelhandelsumsätze bleiben trotz hoher Arbeitslosigkeit stabil.
  • Der Immobilienmarkt in den USA scheint die Talsohle erreicht zu haben. Nach einer monatelangen Flaute nimmt die Zahl der Hausverkäufe zu.
  • In China zieht die Konjunktur wieder an, zumindest nach Schätzung von unabhängigen Experten. Demnach war das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal 2008 um lediglich ein bis zwei Prozent gewachsen - im ersten Quartal 2009 dagegen wuchs es um beachtliche fünf Prozent.
  • Die lädierte Wirtschaft in Indien gewinnt an Fahrt. Seit Jahresbeginn investierten ausländische Anleger 1,9 Milliarden Dollar an der Börse - im vergangenen Jahr hatten sie noch 13 Milliarden Dollar abgezogen.
  • Auch der Chef der US-Notenbank verbreitet Zuversicht: Ben Bernanke sagte Anfang der Woche, er erwarte noch vor Ende des Jahres einen leichten Konjunkturaufschwung.
  • An der Börse entwickeln sich die Aktienkurse äußerst freundlich. Dax Chart zeigen und Dow Jones Chart zeigen legten in den vergangenen Wochen gut 30 Prozent zu, der deutsche Leitindex nähert sich bereits der 5000-Punkte-Marke.

Vor allem der letzte Punkt gibt Anlass zu Optimismus. Denn in der Regel nimmt die Börse Entwicklungen vorweg, die der Realwirtschaft erst noch bevorstehen. Das bedeutet: Nach dem Kursfeuerwerk an den Aktienmärkten könnten auch die Umsätze der Unternehmen steigen.

"An allen Ecken und Enden sieht man jetzt, dass die Weltwirtschaft nicht weiter abstürzt", sagt Dirk Schumacher, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, in der "Financial Times Deutschland". Und Holger Schmieding, Europa-Chefvolkswirt der Bank of America, ergänzt: "Es ist gut möglich, dass es nach dem Absturz zur Jahreswende positive Überraschungen gibt." Allerdings zitiert die Zeitung ebenso viele Konzernchefs, die Anzeichen für eine Erholung sehen, wie solche, die an eine lange Rezession glauben.

Umsätze nach Branchen *
Januar Februar März April
verarbeitendes Gewerbe Inland -20,3 -22,9 -8,7 -
verarbeitendes Gewerbe Ausland -27,7 -30,3 -18,3 -
Einzelhandel (nominal) -1,8 -5,8 -1,8 -
Großhandel (nominal) -16,0 -17,0 -5,1 -
Gastgewerbe -3,5 -6,6 - -
Maschinenbau (Auftragseingang real) -42 -49 -35 -
Autobranche (Produktion) -34,7 -43,9 -20 -34
* Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent
Quelle: Statistisches Bundesamt, VDMA, VDA

Fest steht: Ein veritabler Aufschwung ist nicht in Sicht. Allenfalls verlangsamt sich der Abschwung. Beispiel Maschinenbau: Im März schwächte sich die Talfahrt der Branche leicht ab. Im Vergleich zum Vorjahresmonat sanken die Auftragseingänge "nur" um 35 Prozent. Dies ist nicht ganz so dramatisch wie im Februar, als die Bestellungen um 49 Prozent eingebrochen waren. Es ist aber immer noch ein herbes Minus.

Das Gleiche gilt für das produzierende Gewerbe. Hier hat sich die Entwicklung im Vergleich zum Vormonat ebenfalls stabilisiert - gegenüber dem Vorjahresmonat beträgt das Minus aber immer noch dicke 20,4 Prozent. Ebenso ist es in der deutschen Exportwirtschaft: Die Umsätze im März legten nur im Vergleich zum Vormonat zu. Gegenüber dem Vorjahreszeitraum fallen die Zahlen katastrophal aus (siehe Tabelle).

Export - Veränderung in Prozent
geg. Vorjahresmonat geg. Vormonat
Mrz 08 0,0 -0,4
Apr 08 14,1 0,5
Mai 08 2,4 -2,2
Jun 08 8,1 3,3
Jul 08 7,0 -1,4
Aug 08 -2,5 -0,3
Sep 08 6,8 0,8
Okt 08 1,1 -0,6
Nov 08 -12,2 -10,8
Dez 08 -7,9 -4,0
Jan 09 -23,2 -7,4
Feb 09 -23,5 -1,3
Mrz 09 -15,8 0,7
Quelle: Statistisches Bundesamt

"Von einem Aufschwung kann man bei weitem nicht sprechen", erklärt Dreger vom DIW. "Aber wir könnten uns in der Nähe des Bodens befinden." Diese Ansicht teilt auch der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Die Talfahrt ist gestoppt, aber wir sind aus dem Tal noch nicht heraus", sagt Verbandsexperte Axel Nitschke.

Ökonomen sprechen von einer sogenannten L-Rezession. Erst geht es steil bergab - und dann dümpelt die Konjunktur vor sich hin. Anders als bei einer U- oder V-Rezession ist kein Wachstum in Sicht. "Den Absturz haben wir wohl hinter uns", sagt Dreger. "Aber jetzt bleiben wir auf diesem Niveau."

Immerhin: Im Vergleich zu den vergangenen Monaten ist das schon eine Verbesserung. Nach Berechnungen des DIW ist das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal gegenüber dem Vorquartal um rund drei Prozent geschrumpft. Für das zweite Quartal rechnen die Forscher mit einem Minus von 0,9 Prozent. Und im dritten Quartal dürfte die Konjunktur die Nulllinie erreichen. "Wir erwarten eine gewisse Beruhigung", erläutert Dreger.

Wirklich ausgestanden ist die Krise damit nicht. Zu viele Fragen bleiben offen: Was passiert, wenn sich bei den Banken neue Milliardenlöcher auftun? Wie reagieren die Märkte, wenn die Konjunkturprogramme auslaufen? Bricht beispielsweise der Autoabsatz ein, wenn der Staat die Abwrackprämie nicht mehr zahlt? Und was ist, wenn die Unternehmen trotz Niedrigzinsen nicht investieren? Droht der Volkswirtschaft gar eine Deflation, also eine Abwärtsspirale aus fallenden Preisen und Löhnen?

Letzte Hoffnung: die Weltwirtschaft

Der Internationale Währungsfonds bleibt deshalb pessimistisch. Die Organisation erwartet, dass die Rezession in Deutschland auch 2010 anhält. Die führenden Forschungsinstitute und die Bundesregierung sind kaum zuversichtlicher. Sie rechnen erst Ende des Jahres mit einer Erholung, im kommenden Jahr könnte die Wirtschaft dann minimal wachsen.

Die größte Sorge bereitet Volkswirten jedoch der Arbeitsmarkt. Hier steht das Schlimmste noch bevor. Bisher können sich die Betriebe mit Kurzarbeit über Wasser halten. Doch wenn die Produktion auf ihrem niedrigen Niveau verharrt, werden die Firmen Mitarbeiter entlassen. "Die Unternehmen versuchen, ihre Beschäftigten zu halten. Aber irgendwann geht das nicht mehr", sagt ein Sprecher des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI). Auch DIW-Experte Dreger warnt: "Die Arbeitslosigkeit wird im zweiten Halbjahr zunehmen." Die Bundesbürger sehen das ähnlich. Laut einer GfK-Umfrage fürchten immer mehr Deutsche um ihren Job.

Einzige Rettung: Die Konjunktur müsste doch noch in Schwung kommen. Die Chance besteht, wenn die Weltwirtschaft wider Erwarten anzieht - dann wären die deutschen Exporteure gut im Geschäft. Vor allem der Maschinenbau könnte seine Produktion rasch hochfahren, sagt Ökonom Dreger. "Die Branche ist dank ihrer mittelständischen Struktur flexibel." International gefragt seien insbesondere Energietechnik und energiesparende Technologien. "Da kann Deutschland richtig auftrumpfen."

Produktion in Deutschland 2009 *
Januar Februar
produzierendes Gewerbe -21,4 -23,2
verarbeitendes Gewerbe -23,1 -25,0
Investitionsgüter -28,3 -30,3
Gebrauchsgüter -22,5 -25,0
Verbrauchsgüter -6,4 -7,4
Energie -1,2 -4,7
Baugewerbe -27,9 -23,0
* Veränderung gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent
Quelle: Statistisches Bundesamt

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