Konjunktur Zweifel an schneller Wirkung von Rettungspaket

Die Bundesrepublik hat das größte Konjunkturpaket ihrer Geschichte - doch nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Bofinger lässt seine Wirkung auf sich warten. Hilfreich sei aber das Instrument Kurzarbeit. Trotz aller Bemühungen halten Experten Massenentlassungen jedoch für unvermeidbar.


Berlin - Die Maßnahmen des jetzt verabschiedeten zweiten Konjunkturpakets greifen nach Ansicht des Wirtschaftsweisen Peter Bofinger mit Verspätung. "Ein Schönheitsfehler ist, dass die Wirkung sich vor allem erst im zweiten Halbjahr entfalten wird. Im ersten Halbjahr gibt es keinen starken Impuls", sagte er der "Passauer Neuen Presse". Die Ausgabe von Konsumgutscheinen im ersten Quartal dagegen hätte einen Nachfrageimpuls ausgelöst. "Das wäre die optimale Lösung gewesen."

Arbeit an einem Kaufhaus in Frankfurt am Main: Konsumgutscheine als Lösung
AP

Arbeit an einem Kaufhaus in Frankfurt am Main: Konsumgutscheine als Lösung

Der Wirtschaftsweise lobte gleichwohl die "breite Mischung" des Pakets - "vom Investitionsprogramm bis zu Steuerentlastungen". Er begrüßte auch die Maßnahme, die Kurzarbeit auf bis zu 18 Monate zu verlängern. Sie sei "eine Voraussetzung dafür, einen scharfen Einbruch auf dem Arbeitsmarkt zu verhindern. Ich halte sie für eine der wichtigsten Maßnahmen im ganzen Paket", betonte er. Falls die Krise andauert, müsse man versuchen, sie mit längerer Kurzarbeit zu überbrücken.

Am Freitag hatte auch der Bundesrat dem größten Konjunkturpaket zugestimmt, das es bisher in der Bundesrepublik gab. Es sei die deutsche Antwort auf die schwierige wirtschaftliche Situation, die durch die internationale Finanzmarktkrise hervorgerufen worden sei, unterstrich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer am Samstag im Internet veröffentlichten Videobotschaft. Es gehe vor allen Dingen um die Erhaltung der Arbeitsplätze, und es geht darum, in die Zukunft zu investieren. "Gleichzeitig arbeiten wir aber daran, dass sich eine solche Krise nicht wiederholt."

Die G-20-Gruppe der wichtigsten Wirtschaftsnationen arbeite "mit Hochdruck" an der Umsetzung des im vergangenen November vereinbarten Aktionsplans, sagte die Kanzlerin. Für diesen Sonntag hat Merkel die EU-Mitglieder der Gruppe zu einem Vorbereitungstreffen für den nächsten Gipfel am 2. April in London nach Berlin eingeladen.

Bundesagentur rechnet mit Zunahme von Kurzarbeit

Wegen der Konjunkturkrise wollen immer mehr Industriekonzerne Kurzarbeit einführen oder bestehende Programme ausweiten, ergab eine Umfrage der Wirtschaftszeitung "Euro am Sonntag" unter den 30 Dax-Konzernen. Die Konzerne hielten sich bislang an ihre Zusage, nach Möglichkeit auf Entlassungen zu verzichten. Nach Ansicht von Ökonomen könnte die Wirtschaftskrise noch im Sommer auf den Arbeitsmarkt durchschlagen.

Im neuen SPIEGEL 9/2009:

Darf der Staat Opel retten?
Titelbild: DPA
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) rechnet auch für Februar und März mit einer Flut von Erstanträgen auf Kurzarbeit. "Der Trend aus dem Januar dürfte sich im Februar und März fortsetzen", sagte eine BA-Sprecherin. Insgesamt gehe man für das erste Quartal von rund 700.000 bis 800.000 Erstanträgen auf Kurzarbeit aus.

Ökonomen rechnen dennoch damit, dass die Wirtschaftskrise sich noch im Sommer voll auf die Arbeitslosenstatistik auswirkt. Jetzt setzten viele Firmen noch auf Kurzarbeit, aber ab Sommer rechne das Münchner Ifo-Institut mit "einem sprunghaften Anstieg der Arbeitslosigkeit", sagte Ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen der Online-Ausgabe der "Bild"-Zeitung. Vorerst wächst die Zahl der Anträge auf Kurzarbeit rapide an. Aber auf Dauer werde auch die Kurzarbeit für viele Firmen zu teuer. "Die Zahl der Arbeitslosen könnte im Jahresverlauf um bis zu 700.000 steigen", sagte Carstensen.

Auch der Chef des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, äußerte die Befürchtung, dass im Jahresverlauf die Kurzarbeit von Entlassungen abgelöst werde. Die Chefvolkswirte von Allianz und Deutscher Bank, Michael Heise und Norbert Walter, erwarten der Zeitung "Euro am Sonntag" zufolge im laufenden Jahr den Verlust von 600.000 Arbeitsplätzen.

In der Metall- und Elektroindustrie rechnet nach den Worten von Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser jedes zweite Unternehmen damit, in diesem Jahr Arbeitsplätze streichen zu müssen. Nach zweieinhalb Jahren Beschäftigungsaufbau habe die Branche im November und Dezember erstmals wieder Jobs verloren, insgesamt 13.000, sagte Kannegiesser der "Welt am Sonntag". Dies werde sich leider fortsetzen, "trotz aller Bemühungen, Beschäftigung zu sichern". Wenn die jetzige Talfahrt so weitergehe, kündigte Kannegiesser an, "wird man mit Kurzarbeit nicht weiter als bis zum Herbst kommen".

kaz/dpa/ddp



Forum - Das Konjunkturprogramm – Geldverschwendung oder Rettungsaktion?
insgesamt 773 Beiträge
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chirin 17.01.2009
1. Das Konjunkturprogramm - Geldverschwendung oder Rettungsaktion?
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Ganz klar, Geldverschwendung! Insbesondere das alberne Angebot der Verschrottungsprämie. Die Schrottfirma verkauft diese Fahrzeuge nach Afrika,Ägypten oder Ostblock und das natürlich für Gewinn, aber die Verseuchung des Luftraumes macht ja vor Deutschland nicht halt. Außerdem bemängel ich eine Kontrolle, ob auch Autos aus deutscher Fabrikation gekauft werden, nicht das die Chinesen noch reicher werden und Deutschland die Werke schließen muß. Das ist mal wieder von völlig geistlosen Politikern ausgeheckt worden. Wenn schon Hilfe, dann Gutscheine auf deutsche Produkte, damit deutsche Unternehmen wieder in die Puschen kommen und dadurch keine Entlassungen von in Deutschland wohnenden Arbeitnehmern erfolgen kann. Überdies, ich fahre einen tipp/topp DB - Jahrgang 1985. Der fährt und fährt und fährt. Ich müßte verrückt sein, das gute Stück gegen eine der heutigen Klamotten einzutauschen.
Michael Giertz, 17.01.2009
2.
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Wie gesagt, all diese Konjunkturpakete würden weit mehr Einfluss haben und den Menschen helfen, würde man diese zur Reduzierung der Schulden der Bundesbürger verwenden, statt sie nahezu bedingungslos den Banken nachzuwerfen. Im Prinzip funktionieren Konjunkturpakete nicht, weil die Wirtschaft nunmal eine Mischung aus Chaoskonzept und Kopfsache ist: solange die Entscheider bei den Banken das Gefühl haben, es geht immernoch abwärts, kann sich daran nichts ändern. Höchstens eins: den Aufkauf der faulen Wertpapiere. Da bin ich aber völlig dagegen, mit dem Mist dürfen die Banken selber auskommen. Und wenn's dem Ackermann seinen Stuhl kostet und die Deutsche Bank pleite geht - mir soll's recht sein.
Huuhbär, 17.01.2009
3.
Zitat von sysopDie Maßnahmen der Bundesregierung zur Finanz- und Wirtschaftskrise sind umstritten, ebenso wie der Kapitaleinsatz. Das neue Konjunkturprogramm: Reine Geldverschwendung oder eine notwendige Rettungsaktion?
Ja. Dieses müssen alle in unmittelfristiger Zeit selbst auslöffeln. Was die egoistischen politische-wirtschaftliche Prominenz dazu behauptet, ist schlicht falsch. Wer ein Paket schnürt, dass 2500 Euro für ein altes Auto und 100 Euro für ein Kind verspricht. Dem kann man nur entgegen halten, dass dieses Missverhältnis tief blicken lässt. Diese Blase wird ebenfalls immer größer und platzt eines Tages. Was benötigt wird ist eine weltweite Systemumstellung in dem Finanzbereich, sonst wird den Völkern und Volkswirtschaften noch mehr Schaden zugefügt.
Huuhbär, 17.01.2009
4.
Ach ja, noch was. Die Kompromisse des Konjunkturpaketes werden weder die Binnenkonjunktur ankurbeln noch die Wirtschaftskrise abfedern. Erreicht ist lediglich momentan, dass die Regierungsparteien sich je zur Hälfte durchgesetzt haben. Ist für die jeweilige Regierung nach der Wahl einfacher den jeweiligen Hebel in ihr parteipolitisches Konzept umzulegen. Die überwiegende Mehrheit wird von dem KPII in der Realität so gut wie nicht profitieren, dafür in dem ganzen Prozess zerrieben. Für besser hielt ich es, den Menschen zu helfen, die durch die Krise unverschuldet in Not geraten werden – den Menschen wohl gemerkt -, nicht den Unternehmen, von denen nicht wenige verschulet und wissentlich in diese Schieflage gekommen sind (wie sich immer mehr abzeichnet – um es dezent auszudrücken: durch das falsch eingeschätzte Risiko). Das ganze ist doch nur noch ein Witz, aber die politische-wirtschaftliche Kaste der gesellschaftlichen Brandstiftern wird wohl wieder durchkommen und gewählt werden, während gesunde Unternehmen und Unternehmenskonzepte in der Zwischenzeit den Bach runter gehen.
MarkusW77 17.01.2009
5. Geldverschwendung!!
Weiß eigentlich irgendjemand, woher der Staat diese Milliarden jetzt nimmt? Bzw. auch die Zinszahlungen der schon vorhandenen Schulden gehen doch an die Banken, die als Gläubiger unserem Staat Geld geliehen haben. Und jetzt, wo alle Banken betroffen sind, also Geld brauchen....von wem leiht sich jetzt eigentlich der Staat das Geld??
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