Konjunkturflaute Bernanke hält US-Rezession für möglich

Ben Bernanke nimmt zum ersten Mal das gefürchtete R-Wort in den Mund: "Eine US-Rezession ist möglich", erklärte der Chef der US-Notenbank vor dem Kongress. Trotzdem versucht er, Hoffnung zu machen. In der zweiten Jahreshälfte gehe es wieder aufwärts.


Washington - Im Redemanuskript vermied Ben Bernanke das gefürchtete Wort noch wohlweislich - bei seinem Auftritt vor dem Kongress sagte der Fed-Chef es dann aber doch: "Eine Rezession ist möglich" - sicher sei sie aber noch nicht, fügte er hinzu. Das dürfte die Bevölkerung kaum trösten. Wenn der Chef der Notenbank das R-Wort in den Mund nimmt, ist die Lage ernst. Schließlich können seine Aussagen die Märkte zum Beben bringen.

Fed-Chef Bernanke: Vor dem Kongress verteidigte er auch die Rettungsaktion für die Investmentbank Bear Staerns
AFP

Fed-Chef Bernanke: Vor dem Kongress verteidigte er auch die Rettungsaktion für die Investmentbank Bear Staerns

Und auch wenn der Alptraum Rezession - also zwei aufeinanderfolgende Quartale mit Minus-Wachstum - nicht wahr wird: Es läuft ziemlich schlecht für die US-Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt werde, "wenn überhaupt", in den ersten sechs Monaten 2008 kaum wachsen und eben möglicherweise sogar schrumpfen, sagte Bernanke. Es sei offensichtlich, "dass die US-Wirtschaft eine sehr schwieriger Periode erlebt."

Für die zweite Jahreshälfte und für 2009 erwartet Bernanke aber wieder ein höheres Wirtschaftswachstum. Das Steuererleichterungspaket, das die US-Regierung angestoßen hat, sowie die massiven Zinssenkungen der Fed werden die Volkswirtschaft wieder auf Trab bringen, so hofft er. Allerdings ist laut Bernanke noch ungewiss, was die Fed als nächstes tun wird. Inzwischen hat die Notenbank die Leitzinsen um drei Prozentpunkte auf 2,25 Prozent abgesenkt - und viele Ökonomen erwarten, dass bei der nächsten Sitzung Ende April noch ein weiterer Zinsschritt folgt.

Vor Bernanke haben schon viele führende Wirtschaftswissenschaftler erklärt, die US-Wirtschaft sei ihren Berechnungen zufolge in den ersten drei Monaten des Jahres geschrumpft. Die offiziellen Zahlen der Regierung für das erste Quartal kommen erst Ende dieses Monats. Viele Indikatoren weisen aber darauf hin, dass die pessimistischen Ökonomen recht behalten werden - so etwa die deprimierenden Arbeitslosenzahlen der vergangenen Monate. Im Februar waren noch 18.000 Jobs abgebaut worden.

Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet in seiner jüngsten Prognose, dass die größte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession rutscht. Die IWF-Experten rechnen demnach damit, dass sie mindestens zwei Monate schrumpfen und im Gesamtjahr nur noch um 0,5 Prozent zulegen wird. US-Finanzminister Henry Paulson hält die Vorhersage allerdings für zu pessimistisch. Er nannte die Prognose bei einem China-Besuch überzogen.

Einen Hoffnungsschimmer für die US-Wirtschaft bietet eine Erhebung der privaten Arbeitsagentur ADP, wonach die Zahl der neuen Jobs in der Privatwirtschaft im März um 8000 zugenommen hat. Die Zahlen überraschten Experten, die im Schnitt mit einem Minus von 48.000 Jobs gerechnet hatten. Die ADP-Umfrage wird von Fachleuten mit Spannung verfolgt, weil sie stets kurz vor den offiziellen Arbeitsmarktdaten veröffentlicht wird. Für den am Freitag anstehenden März-Arbeitsmarktbericht sind die Experten pessimistisch. Sie erwarten im Durchschnitt, dass außerhalb der Landwirtschaft 60.000 Stellen weggefallen sind.

Bernanke verteidigte bei der Anhörung auch das Vorgehen im Fall der Investmentbank Bear Stearns. Unter den aktuellen Umständen hätte eine Insolvenz chaotische Folgen gehabt. Die Auswirkungen wären stark und schwer unter Kontrolle zu bringen gewesen. Die Fed hatte den Kauf von Bear Stearns durch die Investmentbank JP Morgan durch eine Risikoübernahme abgesichert. Man habe zuvor keine Hinweise auf einen Kollaps gehabt. Die Fed ruft die Investmentbanken dazu auf, mehr Eigenkapital zu bilden.

ase/AP/Reuters



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