Konjunkturflaute Wirtschaftsstimmung verdüstert sich stärker als erwartet

Die Deutschen warten auf gute Nachrichten von der Konjunktur, doch es gibt nur immer neue Negativmeldungen. Jetzt ist das Ifo-Wirtschaftsklima unerwartet stark abgekühlt, auf den tiefsten Stand seit 1982. Ökonomen streiten darüber, ob das Schlimmste nun überwunden ist.


München/Düsseldorf - Der Ifo-Geschäftsklimaindex sank von 85,8 Punkten im November auf 82,6 Punkte - das teilte Ifo-Institut in München mit. Einen ähnlich niedrigen Wert hatte der Geschäftsklimaindex in der zweiten Ölkrise Ende 1982 angenommen. Es ist bereits der siebte Rückgang in Folge.

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Der Einbruch fiel stärker als erwartet aus. Zwar hatten Beobachter damit gerechnet, dass sich die Stimmung angesichts der düsteren Aussichten für 2009 zum Jahresausklang weiter eintrübt. Von der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX befragte Experten hatten jedoch lediglich einen Rückgang auf 84 Punkte erwartet.

Im Dezember verschlechterten sich vor allem die Urteile der Unternehmen zur derzeitigen Geschäftslage (siehe Tabelle). Aber auch die Zukunftserwartungen trübten sich ein. "Der Abschwung hat vor allem die Hersteller von Export- und Investitionsgütern erfasst, bislang weniger den Einzelhandel und das Baugewerbe", erklärte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

Ifo-Geschäftsklima im Dezember

Dezember 2008 November 2008
Geschäftsklima 82,6 85,8
Geschäftsbeurteilung 88,8 94,9
Geschäftserwartung 76,8 77,6

Das Ifo-Institut bittet monatlich rund 7000 Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes, des Bauhauptgewerbes, des Großhandels und des Einzelhandels, ihre gegenwärtige Geschäftslage zu beurteilen und ihre Erwartungen für die nächsten sechs Monate mitzuteilen. Das Geschäftsklima ist ein Mittelwert aus Geschäftslage und Erwartungen.

Ökonomen reagierten unterschiedlich auf die Ifo-Zahlen. Die abermals kräftige Eintrübung des Geschäftsklimas ist laut DekaBank vor allem auf eine "Eskalation" der Wirtschaftskrise im Dezember zurückzuführen. "Nach den Wintermonaten sollte aber das Schlimmste in der deutschen Wirtschaft überwunden sein, was sich dann in einer wieder leicht positiveren Erwartungshaltung niederschlagen sollte", sagte DekaBank-Experte Andreas Scheuerle.

Ökonomen der Helaba gaben sich skeptischer. "Die deutschen Konjunkturperspektiven bleiben getrübt und insofern stellen die neuen Daten keine Überraschung dar. Das BIP-Wachstum in Deutschland wird sich weiter abschwächen und ein Ende der Rezession ist bislang nicht erkennbar", sagte Helaba-Ökonom Ralf Umlauf.

Die Postbank sieht sogar einen leichten Hoffnungsschimmer in den Daten. Vor allem die deutliche Verengung der Differenz zwischen der Lagebeurteilung und der Erwartungskomponente mache Hoffnung, dass sich die Wirtschaftslage ab dem Sommer zumindest stabilisiere, heißt es in einer Studie vom Donnerstag. So sei eine sinkende Differenz zwischen den beiden Komponenten häufig das erste Anzeichen, dass die Konjunktur auf Sicht von zwei bis drei Quartalen nach oben dreht. Gleichwohl seien die Zahlen in der aktuellen Situation und aufgrund des sehr niedrigen Niveaus des Geschäftsklimas mit Vorsicht zu interpretieren.

Die Börse reagierte zunächst erleichtert auf die Zahlen. Der Dax legte verbuchte Kurszuwächse. Die Daten sind zwar Händlern zufolge leicht unter den Erwartungen geblieben. Einige Marktteilnehmer hätten jedoch noch schwächere Daten erwartet und zeigten sich nun erleichtert, erklärten Börsianer die Erholung.

Der Ifo-Index, für den das Institut monatlich rund 7000 Unternehmen nach ihren Einschätzungen zur derzeitigen Lage und ihren Zukunftsaussichten befragt, gilt als wichtigster Frühindikator der deutschen Wirtschaft. Sinn hatte zuletzt einen Konjunktureinbruch für das kommende Jahr prognostiziert. Nach einem Wachstum des Bruttoinlandsproduktes von immerhin noch 1,5 Prozent in diesem Jahr sei 2009 in Deutschland ein Minus von 2,2 Prozent zu erwarten.

Ifo erwartet mehr Arbeitslose

Außerdem erwartet Sinn angesichts der Wirtschaftskrise 500.000 zusätzliche Arbeitslose im kommenden Jahr. "Wir rechnen insgesamt mit etwa einer halben Million zusätzlicher Arbeitsloser bis zum Dezember 2009. Erst 2010 dürfte die Arbeitslosigkeit die Vier-Millionen-Marke überschreiten", sagte der Ifo-Chef der "Rheinischen Post".

Dagegen sieht die Bundesagentur für Arbeit (BA) nach den Worten ihres Vorstandsmitglieds Heinrich Alt bislang keine Anzeichen für einen drastischen Stellenabbau infolge der Finanz- und Wirtschaftskrise. Trotz des bereits sichtbaren Anstiegs der Kurzarbeit beruhige es, "dass derzeit offenbar keine großen Entlassungswellen anstehen", sagte Alt der "Berliner Zeitung".

"Es scheint, dass die Betriebe zumindest ihre Kernbelegschaft halten wollen, bis die Krise vorbei ist", so Alt. Zur Entspannung der Situation trage auch bei, dass "durch die demografische Entwicklung 130.000 Menschen weniger im kommenden Jahr auf den Arbeitsmarkt drängen".

suc/dpa/AFP/dpa-AFX/Reuters

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