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Konjunkturkrise: "Obama darf nicht mit alten Rezepten reagieren"

Die Konjunktur lahmt, Unternehmen sparen, die Aussichten sind trübe: Der Wirtschaft droht eine schwere Krise. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt der Kieler Ökonom Dennis Snower, wie die Regierungen gegensteuern müssen und warum Obama die Autoindustrie nicht retten darf.

SPIEGEL ONLINE: Herr Snower, Ökonomen und Politiker überschlagen sich mit Blick auf die aktuelle Rezession mit historischen Vergleichen. Einige sprechen von der schwersten Krise seit den frühen achtziger Jahren, andere verweisen auf die Große Depression. Wie schlimm ist es wirklich?

Snower: Es sieht mehr nach der schlimmsten Krise seit den dreißiger Jahren aus. In den Achtzigern hatten wir keinen Kollaps des internationalen Bankensystems. Aber das Finanzsystem ist für die Wirtschaft existentiell wichtig. Deshalb ist die jetzige Krise so schlimm.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat versagt?

Snower: Banken, Fonds und Versicherungen wurden nicht anständig reguliert. Und wenn nicht gut reguliert wird, versagt die Marktwirtschaft immer. Hätten wir zum Beispiel kein Gesetz gegen Diebstahl, würde niemand kaufen. Denn es wäre viel billiger zu stehlen. Die Marktwirtschaft würde sofort versagen. Ähnliche Mechanismen gelten auch für die Finanzmärkte, wie wir jetzt schmerzhaft feststellen. Das zeigt nur, dass Marktwirtschaft eine ziemlich empfindliche Pflanze ist. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen, nur dann kann sie sich entfalten.

SPIEGEL ONLINE: Dann hat also die Politik versagt?

Snower: Ja. Die Aufgabe der Politik ist es, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass sich die Marktwirtschaft entfalten kann. Das ist in den vergangenen Jahren nicht geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Dennoch rufen jetzt alle nach dem Staat. Warum soll sich die Lage bessern, wenn die Politik das Ruder übernimmt?

Snower: Bisher hatten besonders einflussreiche Akteure in der Finanzwelt kein Interesse an einer Regulierung. Doch jetzt haben sie die Krise vor Augen. Das motiviert. Sogar die Interessengruppen verstehen, wie wichtig es jetzt wäre, mehr zu regulieren. Das hoffe ich zumindest.

SPIEGEL ONLINE: Aktuell wird viel über Konjunkturpakete diskutiert. Deutschland bekommt dabei keine guten Noten, die Bundesregierung soll nachlegen. Agiert die Große Koalition zu zaghaft bei der Unterstützung der Wirtschaft?

Snower: Die Bundesregierung hat es derzeit schwer: Sie muss die Wirtschaft beleben, ohne die Staatsschulden ins Uferlose steigen zu lassen. Diese Balance gilt es zu halten. Allerdings hat die Regierung in der Vergangenheit nicht genug gespart. Jetzt wird es umso schwerer, die kritische Größe bei einem Konjunkturprogramm zu erreichen. Das zeigt für die Zukunft, dass wir in guten Zeiten mehr sparen müssen, um in schlechten Zeiten die nötigen Reserven zu haben. Dann können wir es uns erlauben, mutiger zu sein und die Wirtschaft sofort zu stimulieren.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das Rettungsprogramm jetzt aussehen?

Snower: Längerfristig ist es wichtig, viel mehr Geld für Bildung und Weiterbildung auszugeben. Kurzfristig müssen wir die Wirtschaft stimulieren. Eine antizyklische Mehrwertsteuer wäre vorteilhaft. Je stärker die Rezession ist, desto niedriger wird die Mehrwertsteuer. Wenn es einen Aufschwung gibt, steigt die Mehrwertsteuer wieder. Dann würde jeder wissen, dass die Abgabensenkung temporär ist. Das ist ein Weg.

SPIEGEL ONLINE: In einer Rezession stecken wir schon, jetzt ist auch die Rede von einer Deflation. Wie realistisch ist die Gefahr einer Preissturzspirale wie in Japan während der neunziger Jahre?

Snower: Diese Gefahr ist vorhanden. Ich bezweifle aber, dass es so schnell zur Deflation kommt. Die Geldpolitik hat sich sehr bemüht gegenzusteuern, um viel Liquidität zu schaffen. Damit kann man die Abwärtsspirale bei den Preisen wahrscheinlich bändigen. Grundsätzlich ausschließen möchte ich eine Deflation nicht. Wir müssen wachsam sein.

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