Konjunkturprobleme US-Notenbank senkt Leitzins auf ein Prozent

Die Abkühlung des Wirtschaftswachstums ist dramatisch - und die US-Notenbank greift ein: Die Fed senkt den Leitzins deutlich um einen halben Prozentpunkt auf ein Prozent. Das ist der tiefste Stand seit vier Jahren. Die Wall Street reagierte lustlos.


New York - An einer Wirtschaftskrise zweifelt keiner mehr, auch wenn US-Notenbankchef Ben Bernanke das Wort Rezession bisher vermieden hat: Als Reaktion auf die zuletzt deutliche Konjunkturabkühlung hat die Fed ihren Zinssatz erneut um einen halben Prozentpunkt auf jetzt ein Prozent herabgesetzt - und damit auf den tiefsten Stand seit vier Jahren.

US-Notenbank-Chef Bernanke: Erneut konzertierte Zinssenkung im Gespräch
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US-Notenbank-Chef Bernanke: Erneut konzertierte Zinssenkung im Gespräch

Die Fed begründete ihren Schritt damit, dass sich die Konjunktur in den USA "beträchtlich verlangsamt" habe. Dafür sei vor allem ein Rückgang bei den Konsumausgaben verantwortlich, hieß es in einer schriftlichen Erklärung. In den vergangenen Monaten habe sich die Industrieproduktion abgeschwächt, auch die Unternehmensinvestitionen seien rückläufig. Die "Intensivierung der Turbulenzen auf den Finanzmärkten" werde wahrscheinlich dazu führen, dass die Ausgaben von Haushalten und Unternehmen weiter sinken werden, prophezeiten die Fed-Experten.

Die US-Notenbank hatte bereits am 8. Oktober gemeinsam mit anderen wichtigen Notenbanken wie der Europäischen Zentralbank (EZB) und der Bank of England den Leitzins um 0,50 Prozentpunkte gesenkt. Auch die EZB entscheidet am Donnerstag nächster Woche erneut über die Leitzinsen, Bankchef Trichet hatte mit ungewöhnlich deutlichen Worten eine weitere Zinssenkung angekündigt. China und Norwegen haben bereits mit einer Lockerung ihrer Geldpolitik vorgelegt.

Die US-Börsen ließ die deutliche Zinssenkung allerdings zunächst kalt: Nach rekordverdächtigen Zuschlägen - am Vortag hatte der Leitindex Dow Jones knapp elf Prozent gewonnen - legten die Kurse am Mittwoch eine Verschnaufpause ein.

Der Dow-Jones-Index fiel zum Handelsschluss um 0,82 Prozent auf 8990,96 Punkte. Der S&P-500-Index verlor um 1,11 Prozent auf 930,08 Punkte. Der Nasdaq Chart zeigengewann dagegen um 0,47 Prozent auf 1657,21 Punkte.

Die Rentenmärkte zeigten sich weitgehend unverändert. Der Euro notierte nach der US-Zinssenkung deutlich stärker bei 1,2938 Dollar nach 1,2699 Dollar am Vortag.

Erneut gemeinsame Zinssenkung im Gespräch

Tatsächlich ist auch eine erneute gemeinsame Zinssenkung der Notenbanken nach den Worten des griechischen Notenbankchefs und EZB-Ratsmitglieds George Provopoulos nicht ausgeschlossen. Eine weitere konzertierte Aktion sei möglich, aber nicht zwingend, sagte er in einem Interview mit der Nachrichtenagentur Dow Jones. Die Unsicherheit an den Finanzmärkten habe zuletzt deutlich zugenommen. Um den Jahreswechsel rechne er jedoch mit einer Wende zum Besseren.

China hat am Mittwoch zum dritten Mal in sechs Wochen die Zinsen gesenkt, um seine Wirtschaft anzukurbeln. Der Schritt erfolgte vor dem Hintergrund der erwarteten Zinssenkungen in den USA sowie in Europa. Die Zentralbank in Peking verringerte den Leitzins um 0,27 Prozentpunkte auf 6,66 Prozent, während der Zins für einjährige Einlagen um 0,27 Punkte auf 3,60 Prozent gesenkt wurde, wie die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

"Es spiegelt die echte Sorge der Regierung über eine Abkühlung der Wirtschaft und andere heimische Probleme wider, während sich die in den USA begonnene weltweite Kreditkrise vertieft", sagte der Experte Tang Min von der chinesischen Stiftung für Entwicklungsforschung. Nach früheren Angaben der nationalen Statistikbehörde legte das Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal im Jahresvergleich um neun Prozent zu, nach 10,1 und 10,6 Prozent im zweiten und ersten Quartal. Für die ersten neun Monate ergibt sich damit ein Wachstum von 9,9 Prozent. Im Gesamtjahr 2007 waren es 11,9 Prozent.

sam/Reuters/dpa/AFP



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