Konjunkturprognosen "Im Prinzip Kaffeesatzleserei"

"Es geht um Glaubwürdigkeit": Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung verweigert eine Wachstumsprognose für 2010. Im SPIEGEL-Interview erklärt DIW-Chef Klaus Zimmermann, warum er Vorhersagen für unmöglich hält - und was er von der Konjunkturpolitik der Regierung hält.


SPIEGEL: Mit Prognosen, sagten Sie, verwirren wir das Volk. Für 2010 geben Sie keine Vorhersage mehr ab. Sollten Sie dann Ihr Institut nicht dichtmachen?

Zimmermann: Prognosen sind ja nur ein kleiner Teil unserer Arbeit. Natürlich können Prognosen in einer Zeit der Unsicherheit verwirren, vor allem, wenn man sich dauernd korrigieren muss …

DIW-Chef Zimmermann: "Abwrackprämie bringt null Komma null"
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DIW-Chef Zimmermann: "Abwrackprämie bringt null Komma null"

SPIEGEL: … wie Sie! Im Herbst sahen Sie noch keine Anzeichen für eine Rezession, jetzt glauben Sie, das Bruttoinlandsprodukt schrumpfe um 4,9 Prozent.

Zimmermann: In diesem Irrtum unterscheiden wir uns nicht von anderen Kollegen. Warum wir für 2010 keine Aussagen machen wollen: Wir wissen darüber nichts.

SPIEGEL: Wie viel Mut kostet so ein Eingeständnis?

Zimmermann: Nicht viel, es geht ja um Glaubwürdigkeit. Seismologen können auch kein Beben vorhersagen - und können dennoch gute Wissenschaftler sein.

SPIEGEL: Sie sind von Kollegen für dieses Eingeständnis verspottet worden, es sei ein PR-Gag von Ihnen hieß es.

Zimmermann: Diese Kollegen wollen davon ablenken, dass sie auch nichts Genaues wissen und im Prinzip Kaffeesatzleserei betreiben.

SPIEGEL: Was macht die Prognose jetzt schwerer als in anderen Zeiten?

Zimmermann: Wir haben die schwerste Rezession seit Jahrzehnten, der Welthandel ist im freien Fall. Die Indikatoren verlaufen durcheinander, positive stehen neben negativen. Die Frage ist: Können wir mit Konjunkturpolitik etwas bewegen?

SPIEGEL: Und?

Zimmermann: Wir können es nicht. Was man versuchen kann, hat die Regierung ja versucht. In diesem und im nächsten Jahr werden die öffentlichen Haushalte Defizite von insgesamt 180 Milliarden Euro einfahren. Schon jetzt ist weder klar, woher das Geld für neue Konjunkturprogramme kommen, noch für was es sinnvoll ausgegeben werden soll.

SPIEGEL: Was bringen kurzfristige Beatmungen wie etwa die Abwrackprämie?

Zimmermann: Null Komma null. Das rettet vielleicht Opel ein paar Monate das Überleben, mehr nicht.

SPIEGEL: Selbst bei den großen Fragen nach Inflation oder Deflation sind sich die Prognostiker uneins.

Zimmermann: Zur Deflation wird es erst kommen, wenn die Konsumenten glauben, alles wird noch billiger. Diese Gefahr besteht nicht. Zur Inflation: Unsere Regierung leiht sich das, was sie in die Wirtschaft pumpt, bisher von den Bürgern. Dadurch entsteht noch keine Inflation, weil es nur eine Umschichtung ist. Da die Zentralbanken Großbritanniens und der USA bereits massiv angefangen haben, Staatspapiere und Anleihen von Unternehmen zu kaufen und so mehr Geld schöpfen, ist die Inflationsgefahr dort groß.

SPIEGEL: Ernst Wagemann, ihr Vorgänger und Gründer des Instituts, riet in der Krise 1932 zu einer Reform des Bankwesens und einer Ausweitung der Geldmenge. Klingt heute gar nicht fremd.

Zimmermann: Genau, wenn das Bankensystem wie heute aufhört, systematisch zu arbeiten, müssen die Zentralbanken die Geldversorgung fluten. Wenn es nicht gelingt zu reparieren, muss man Inflation riskieren. Sonst kollabiert die Wirtschaft.

Das Interview führte Nils Klawitter



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