Konkurrenz für E.on & Co.: Experten feiern Deutschlands neue Energie-Macht

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Spektakulärer Deal in der Energiebranche: Eine Gruppe von Stadtwerken kauft E.on für 2,9 Milliarden Euro die Thüga ab. Zusammen haben die Versorger Millionen Kunden - und wollen sich zur neuen Energiegroßmacht aufschwingen. Experten attestieren den Investoren gute Chancen, die Branche aufzumischen.

Düsseldorf - Der Riesendeal ist perfekt: E.on verkauft seine Versorgergruppe Thüga an ein Konsortium aus rund 50 Stadtwerken. Der Aufsichtsrat hat den Deal am Mittwochmittag endgültig abgesegnet. E.on bekommt für den Thüga-Verkauf 2,9 Milliarden Euro. Kurz zuvor konnte der Konzern obendrein einen überraschend hohen Halbjahresgewinn ausweisen.

E.on feiert nun den Verkauf, der Teil einer groß angelegten Verschlankungsoffensive ist, in deren Rahmen der Energieriese bis 2010 Unternehmensbereiche im Wert von zehn Milliarden Euro abstoßen will. Und viele andere Parteien feiern mit.

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Thorsten Radensleben, Verhandlungsführer des Thüga-Konsortiums und Chef des Energieversorgers Badenova, etwa bejubelt die neue Freiheit. "Mit dem Kauf der Thüga ist uns ein für die deutsche Energiewirtschaft wegweisender Coup gelungen", werbetextet er.

Constantin Alsheimer, Chef des Unternehmens Mainova, das ebenfalls einer der vielen Thüga-Käufer ist, wertet den Deal gar als Initialzündung einer Energierevolution. Die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Player gegenüber den Energie-Oligarchen E.on, Vattenfall, RWE und EnBW werde gestärkt. Der kommunale Einfluss auf die Energie- und Wassernetze wachse.

Doch was bedeutet der Thüga-Deal tatsächlich? Wie mächtig ist der neue Player? Und was verbirgt sich genau hinter dem verschachtelten, unübersichtlichen Gebilde aus Investoren und kommunalen Versorgern, das sich zu Deutschlands fünfter Energiemacht aufschwingen will?

Unübersichtliche Gemengelage

Die Thüga versorgte nach eigenen Angaben im vergangenen Jahr 3,5 Millionen Stromkunden und 2,9 Millionen Gaskunden. Sie machte 2008 einen Umsatz von 16,4 Milliarden Euro, und rechnet man etwa ihren Stromverkauf zusammen, zählt die Gruppe mit 38,4 Milliarden Kilowattstunden zu den mächtigsten deutschen Anbietern.

Das sind Größenordnungen, die auch die bisher dominierenden vier Energieriesen ernst nehmen müssen - dennoch ist die Thüga zumindest im Moment kein aus einem Stück gegossener Titan, sondern eher ein Splittermosaik aus mehr als 50 Anteilseignern unterschiedlicher Couleur, die über mehr als 90 kommunale Versorger ganz unterschiedlicher Ausrichtung verfügen. Die Spannweite der Investoren reicht von der N-Ergie Aktiengesellschaft bis zu Graswurzel-Aktivisten der Gruppe Energie in Bürgerhand, die im Internet Millionen sammeln, um sich ein Stück Macht über den Energiemarkt zurückzukaufen.

Ursprünglich wollten die Investoren sogar fast hundert Versorger übernehmen, doch mehrere E.on-Minderheitsbeteiligungen, etwa in Berlin, Duisburg oder Karlsruhe, wurden kurzfristig noch aus dem Gewirr herausgefriemelt. Sie werden jetzt erst umständlich an die Gastochter E.on Ruhrgas übertragen und anschließend separat verkauft.

Wie aus dem Interessen-Wirrwarr der Investoren jedenfalls ein ernstzunehmendes großes Ganzes werden soll, ist noch nicht geklärt. Thüga-Chef Ewald Woste gab dazu kürzlich eine etwas wolkige Erklärung: Er garantierte den Versorger ihre "Eigenständigkeit" - und verlangte gleichzeitig "Konsensfähigkeit", um "Prozesse zu standardisieren und zu harmonisieren".

Energie-Oligarchen unter Innovationsdruck

Es gibt, gelinde gesagt, eine Menge strategischen Klärungsbedarf bei der Thüga. Experten begrüßen die Herauslösung aus dem E.on-Konzern dennoch - in dem von Energie-Oligopolisten geprägten deutschen Markt gilt vielen schon die schiere Existenz eines neuen großen Players als Erfolg.

"Die neue Eigentümerstruktur der Thüga bietet große Chancen", sagt etwa Holger Krawinkel, Energieexperte vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. "Kommunale Stadtwerke haben das Problem, dass sie, anders als etwa die Sparkassen, nicht als einheitliche bundesweite Marke auftreten." Künftig nun sei die Thüga unabhängig von den Weisungen des E.on-Konzerns. Sie könnte sich dadurch zu einer einheitlichen Dachmarke entwickeln und bei Vertrieb und Verkauf entsprechende Skaleneffekte nutzen.

Thüga-Logo: Deutschlands fünfte Energiemacht?

Thüga-Logo: Deutschlands fünfte Energiemacht?

Gleichzeitig profitierten die einzelnen kommunalen Versorger in ihrer jeweiligen Region von ihrer Nähe zur Stammkundschaft. "Der Ansatz der Kommunalversorger ist oft stärker auf die regionalen Kundenwünsche ausgerichtet", sagt Josef Auer, Energieexperte von Deutsche Bank Research. "Ein Vorteil gegenüber Konzernen wie E.on oder Vattenfall, die aufgrund ihrer internationalen Konzernstrukturen den Fokus oft auf ausländische Projekte legen."

Auer attestiert einer Versorgergruppe von der Größe der Thüga zudem das Potential, den Innovationsdruck im Markt zu erhöhen. "Vor allem durch erneuerbare Energien können sich Versorger in ihrer Region gegenüber großen Konzernen profilieren", sagt er. Stadtwerke dürften verstärkt Ökostrom und -Gasangebote nutzen, um sich Alleinstellungsmerkmale aufzubauen.

Und dazu sind noch nicht mal Dumpingpreise nötig. "Im Bereich spezieller Tarife für rein erneuerbare Energien besteht eine große Zahlungsbereitschaft bei den Kunden", sagt Sebastian Schrörer, Energieexperte beim Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

Innovationsdruck erzeugt die neue Regionalversorger-Front zudem im Servicebereich. "Kleinere Einheiten sind sehr viel flexibler und schneller in puncto Service", sagt DB-Research-Experte Auer. Gerade mit Produkten wie schlauen Stromzählern, die minutengenaue Angaben des Verbrauchs und weiter reichende Kontrolle elektronischer Geräte ermöglichen, könnten die Stadtwerke punkten und den etablierten Energieelefanten davonziehen. "Die Kunden warten in diesem Bereich schon ungeduldig auf die neuen und besseren Angebote", sagt Auer.

Mögliche Umwälzungen in der Produktion

Dass durch eine freie Thüga in Kürze die Strom- und Gaspreise purzeln, glaubt dagegen keiner der Branchenkenner. "Mehr Wettbewerb entsteht vor allem durch eine signifikante Ausweitung der Energiemenge bei gleichbleibender Nachfrage", sagt Auer. "Erst wenn die Strommenge deutlich steigt, sinken die Preise."

Die Veränderungen auf dem Versorgermarkt seien also nur einer von vielen Faktoren, die sich auf den Wettbewerb auswirkten. Stärkere Effekte hätten strukturelle Veränderungen in der Energieproduktion und beim Import. "Erst wenn die neuen Anteilseigner die Thüga vom Energiehändler zum -produzenten ausbauen, könnte signifikant mehr Wettbewerb entstehen", sagt HWWI-Experte Schröer.

Doch auch in dieser Hinsicht zeigt sich die Thüga durchaus ambitioniert. Konzernchef Woste ermutigte die Versorger erst kürzlich dazu, sich "neue Wachstumsfelder" zu erschließen, um die sinkenden Erträge aus dem Vertriebsgeschäft auszugleichen.

Doch selbst wenn sich die Thüga mittelfristig zum Energieproduzenten aufschwingt, heißt das nicht unbedingt, dass der Preisdruck auf dem deutschen Markt steigt. "Schließlich", sagt Aribert Peters vom Bundesverband der Energieverbraucher, "ist nicht gesagt, dass sich die Thüga dann signifikant besser benimmt als irgendein anderer Energie-Oligarch."

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Forum - Was tun gegen zu hohe Energiepreise?
insgesamt 354 Beiträge
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1.
Klo 04.08.2009
Zitat von sysopZu wenig Anbieter, hohe Barrieren und einseitige Förderung: Laut Monopolkommission gibt es auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt immer noch keinen funktionierenden Wettbewerb. Wie kann man zu hohe Energiepreise verhindern?
Wechseln zu Ökostromanbietern. Meine Stromrechnung ist seither um fast 1/3 gefallen. Das Klo.
2.
Teoem 04.08.2009
Zitat von sysopZu wenig Anbieter, hohe Barrieren und einseitige Förderung: Laut Monopolkommission gibt es auf dem deutschen Strom- und Gasmarkt immer noch keinen funktionierenden Wettbewerb. Wie kann man zu hohe Energiepreise verhindern?
na was für eine überraschung. da unsere politiker eher an hohen gewinnen der stromproduzenten interessiert sind, wird sich an den preisen nichts ändern, es sei denn sie werden erhöht.
3. Nichts neues.
Garibaldi 04.08.2009
Da braucht man keine Monopolkommission um diese Mißstand zu erkennen. Jeder weiss es, jeder zahlt. Ärgerlich nur dass diese offensichtliche Korruption der Politik ohne Folgen bleibt.
4. die liebe energie und deren lobbyisten
mstylz 04.08.2009
das würde ich auch gerne wissen.aber die argumente dagegen sind ja so "ironiemodus online " stichhaltig und nachvollziehbar "ironiemodus offline". auf diversen onlineangebotsseiten zu stöbern bringt jetzt auch für den gemeinen verbraucher zwar schon ein wenig aber der durchbruch schaut anders aus...bzw. würde.
5. Lobby
Hovac 04.08.2009
Alle wissen es, nichts passiert. Warum auch, ist bei Pharmaherstellern, unnd vielem anderem ja auch nicht anders.
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