Kontroverse Sparmaßnahme Commerzbank kündigt Betriebsrenten ihrer Mitarbeiter

Obwohl die Commerzbank die schlimmsten Zeiten überstanden hat, spart sie nun zu Lasten ihrer Mitarbeiter. Mindestens 22.000 Angestellten wurden die Betriebsrenten gekündigt. Gewerkschafter sprechen von einem Skandal.


Düstere Zeiten am Main: Die viertgrößte deutsche Privatbank steuert künftig nichts mehr zur Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter bei
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Frankfurt am Main - Die Kündigung ist vom Vorstand Ende des vergangenen Jahres ausgesprochen worden und wird auf Grund der langen Kündigungsfrist zum 31. Dezember 2004 wirksam. Das bestätigte ein Sprecher der Bank am Abend auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Grund für die Entscheidung sei die nach wie vor angespannte wirtschaftliche Lage der Bank.

Nach Darstellung des Sprechers gelten die Kündigungen für rund 22.000 Mitarbeiter der Commerzbank AG Chart zeigen. Insgesamt habe der Bankkonzern mit verschiedenen Ablegern wie der Comdirect 26.000 Mitarbeiter. In Gewerkschaftskreisen war dagegen von bis zu 27.000 Betroffenen der Kündigung die Rede. Sie soll der Bank pro Jahr Einsparungen in zweistelliger Millionenhöhe bringen.

Bisher eingezahlte Leistungen verfallen nicht und werden bei Rentenantritt ausgezahlt. Allerdings wird die Bank auf die Rentenkonten ihrer Mitarbeiter ab 2005 nichts mehr einzahlen. Wer ab dann in die AG eintritt, erwirbt gar keinen Anspruch mehr auf eine Betriebsrente.

Ver.di droht Widerstand an

Der Sprecher sagte, die Bank befürchte keine negativen Auswirkungen auf die Mitarbeitermoral. Auf Grund ihres "guten Standings" werde es ihr weiter leicht fallen, motivierte Beschäftigte zu gewinnen. Im Übrigen folge die Bank einem allgemeinen Trend in der Finanzbranche.

Indes ist die Commerzbank die erste der Frankfurter Großbanken, die diesen Schritt wagt. Möglich ist, dass sie damit ihre Attraktivität für ausländische Investoren steigern möchte. Seit mehreren Wochen wird verstärkt spekuliert, dass amerikanische oder britische Banken am Kauf eines deutschen Institutes interessiert sein könnten.

Arbeitnehmervertreter zeigten sich empört von der Kündigung. Uwe Foullong, Bankenexperte der Gewerkschaft Ver.di und Commerzbank-Aufsichtsrat, sprach laut Agenturmeldungen von einem skandalösen Schritt. Er kündigte rechtlichen Widerstand an.

Konzern-Betriebsratschef Uwe Tschäge sagte der "Welt", der Betriebsrat wolle eine Sondersitzung einberufen und weitere Schritte beraten. Die Kündigung der Betriebsvereinbarung sei nur möglich, wenn die Commerzbank eine wirtschaftliche Notlage erkläre. Aus Sicht der Commerzbank ist diese auf Grund von Wertberichtigungen in Milliardenhöhe im dritten Quartal gegeben. Der Commerzbank-Sprecher sagte, aus Sicht des Vorstandes sei die Kündigung juristisch nicht angreifbar. Er gehe davon aus, dass sie wie geplant in Kraft treten werde.

Betriebsrat: Thema nie diskutiert

Tschäge sagte der "Welt", der Schritt habe unter den Mitarbeitern für erhebliche Unruhe gesorgt. Er selbst sei erst am 30. Dezember in Kenntnis gesetzt worden, vorher sei das Thema weder im Konzernbetriebsrat noch im Aufsichtsrat angesprochen worden. Tschäge rechnete der Zeitung vor, dass den Mitarbeitern erhebliche Leistungen entgehen. Ein heute 40-jähriger Beschäftigter, der seit 20 Jahren bei der Bank arbeitet und im Alter von 65 Jahren in Rente geht, werde nur noch 200 und nicht wie bislang 400 Euro Pensionszuschuss erhalten.

Vor rund einem Jahr hatte die Commerzbank die Pensionsansprüche ihrer Spitzenmanager gegen eine mögliche Insolvenz des Institutes abgesichert. Zu diesem Zweck gründete die Bank den Commerzbank Pensions-Trust e.V. Potenzielle Nutznießer waren in Deutschland 160 Topmanager, deren Ansprüche aus der Firmen-Altersversorgung sich auf mehr als 7140 Euro monatlich belaufen.

Die Commerzbank hat sich 2003 von der historischen Krise des Vorjahres erholt. In den ersten neun Monaten 2003 belief sich das operative Ergebnis auf 467 Millionen Euro, drei Mal mehr als im Vorjahreszeitraum. Im Spätsommer hatte Vorstandschef Klaus-Peter Müller gesagt: "Die schwierigste Zeit liegt hinter uns."

Matthias Streitz



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