Konzernabsturz Arcandor kämpft ums Überleben

Es ist wohl die letzte Chance für Arcandor: Mit einer Notoperation, bei der Edelkaufhäuser wie das KaDeWe abgetrennt werden, will Konzernchef Eick retten, was kaum noch zu retten ist. Zu schwer wiegen die Fehler des Vorgängers, zu hart trifft die Krise das behäbige Traditionsunternehmen.

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Hamburg - Ganz zum Schluss seiner Präsentation macht Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick wohl auch dem letzten Beobachter deutlich, wie dramatisch es um den Konzern steht. Fast eine Stunde hatte der Unternehmenslenker über die bedrohliche Lage bei Arcandor Chart zeigen gesprochen: Die Fehler der Vergangenheit, das neue Geschäftskonzept und die Sanierungsmaßnahmen.

Arbeiter am Arcandor-Logo: "Das Überleben sichern"
DPA

Arbeiter am Arcandor-Logo: "Das Überleben sichern"

Doch nun wirft Eick den Chart mit einer Liste auf die Leinwand. Sie benennt die Akteure, die helfen müssen, damit der Traditionskonzern nicht in wenigen Monaten untergeht. Es ist eine Liste, die wenig Hoffnung macht, dass Arcandor es durch die schwere Krise schafft.

Die Aktionäre sollen Kapital nachschießen. Die Mitarbeiter sollen weitere Zugeständnisse machen. Die Kreditversicherer sollen den Lieferanten helfen. Die Lieferanten sollen ihre Konditionen überdenken. Die Banken sollen ihre Kreditlinien verlängern. Die Besitzer der Kaufhausimmobilien sollen die Mieten senken. Und die Bundesregierung möge ihre schützende Hand über Arcandor halten.

Ein Unternehmen schreit um Hilfe und es ist fraglich, ob das SOS erhört wird. Der 70.000-Mitarbeiterkonzern, zu dem auch die Reisesparte Thomas Cook und der Versandhandelsbereich Primondo (ehemals Quelle) gehören, wankt bedrohlich. "Arcandor versucht mit Notmaßnahmen sein blankes Überleben zu sichern", sagt ein Handelsexperte.

"Allein mit den Banken wird es nicht gehen"

Im Sommer läuft eine Kreditlinie von 650 Millionen Euro aus, für die nächsten Jahre braucht Arcandor (Jahresumsatz: 20 Milliarden Euro) weitere 900 Millionen Euro. Gleichzeitig schreibt das Unternehmen beständig Verluste und verliert stetig an Liquidität.

Doch wer mag einem Unternehmen helfen, das bereits in Zeiten des Aufschwungs als Krisenfall galt? Arcandor hat sein Schicksal schon länger nicht mehr selbst in der Hand. Selten hat das ein Unternehmen so offen zugegeben: "Allein mit den Banken wird es nicht gehen", sagt der Vorstandschef Eick.

Verzweifelt versucht der Manager das Ruder herumzureißen, indem er den Konzern auf sein Kerngeschäft reduziert und unter anderem die Luxuskaufhäuser und Teile von Primondo in eine Gesellschaft mit dem Namen Atrys ausgliedert. Einen späteren Verkauf von KaDeWe, Alsterhaus und anderen Toplagen schließt Eick nicht aus, in Fachkreisen gilt die Trennung als ausgemachte Sache.

Die übrigen Karstadt-Dependancen, teilweise ausgestattet mit dem architektonischen Biedercharme der achtziger Jahre, sollen nun ausgerechnet die mittlere Käuferschicht ansprechen - eine Zielgruppe, die die Warenhäuser seit mehr als zwei Jahrzehnten beständig an Fachmärkte und Einkaufszentren verliert.

Verkauf von Tafelsilber

"Das Premiumsegment war das ausgelobte Erfolgskonzept von Arcandor", sagt der Münchner Unternehmensberater Joachim Stumpf von der BBE Handelsberatung. "Dass sich der Konzern ausgerechnet davon trennen will, ist ein Zeichen, dass die Zeit für Innovationen bei Arcandor nicht mehr da ist. Stattdessen wird das letzte Tafelsilber verkauft."

Der Konzern scheint nicht mehr gewillt, sich das erforderliche Management für seine Spitzenfilialen zu leisten. Die Synergien mit dem Rest des Warenhausgeschäfts sind gering. Eine Trennung brächte zudem immerhin etwas Geld in die Kasse und einen klaren Schnitt zwischen Massengeschäft und Luxussegment, der weiteren Zielen zuträglich sein könnte.



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Seite 1
Askan 20.04.2009
1.
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
Es hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
Senfkorn, 20.04.2009
2.
Zitat von AskanEs hat sich überlebt. Beispiele sind die großen Warenhäuser wie Karstadt und Hertie sowie zahlreiche mittelständischen Kaufhäuser, die sich immer mehr aus den Stadtzentren entfernen. Wer sich heute die Citys ansieht wie z.B. Heilbronn oder Karlsruhe, immerhin Städte mit Zentralitätsfunktion, den packt das kalte Grausen. Auch kleinere Sädte haben Probleme, z.B. Coburg, wo eine Entscheidung über die Schließung des Kaufhofes ansteht und ein namhaftes Kaufhaus seine Schließung zum Ende des Jahres angekündigt hat. Darüber hinaus haben auch andere Kaufhäuser Probleme, Woolworth, Sinn und Leffers, Wehmeyer, Poland, etcetc. Die Metro wäre froh, sie könnte Kaufhof abgeben. Die Kaufhalle gibt es schon lange nicht mehr. Es sind inzwischen zuviele Beispiele, um mit dem Fehlverhalten einzelner Unternehmen zu argumentieren. Die Städte müssen umdenken. Große Kaufhaustempel werden auf Dauer verschwinden, das Einkaufsverhalten der Kunden hat sich geändert in Richtung Discounter, grüne Wiese mit bequemen Parkmöglichkeiten und Internet. Der Fachhandel wird in den Cities durch die fehlende Anziehungskraft der Kaufhäuser ebenfalls massiv leiden und aufgeben. Die Städte werden nach den Handelsunternehmen in den Cities die nächsten Verlierer sein. Wo sind die Ansätze für die Neuorientierung der Innenstädte?
Also ich sehe in den Städten, nachdem die Kaufhäuser ausgestorben sind, nur noch Modeläden für junge Frauen, Schuhläden und Handyläden. Vielleicht ein oder zwei Schreibwarengeschäfte und die obligatorische Buchhändlerkette Thalia. Braucht man Haushaltswaren oder Kleidung für Leute über 40, die nicht mehr im junge Leute Look rumlaufen wollen, kann man lange suchen. Kein Wunder dass alle zum Discounter rennen wenn der Haushaltswaren im Angebot hat, es gibt ja sonst nirgends mehr etwas.
ArbeitsloserMathematiker 20.04.2009
3. Nostalige
Karstadt war für mich immer so etwas wie ein "Konsumanker". Außerdem versinnbildlicht Karstadt mit seinem "80er-Jahre Charme" auch die gute alte (Schmidt)-Kohlsche-BRD. Und ja: Ich fand West-Berlin mit Mauer wesentlich interessanter als heute.
Geziefer 20.04.2009
4. Von den Quelle-Shops ist keine Rede
Zitat von sysopArcandor trifft die Wirtschaftskrise mit voller Wucht, das Management hat dem Konzern einmal mehr ein Umbauprogramm verordnet. Vor allem bei den Warenhäusern von Karstadt brennt es. Doch ist da überhaupt noch etwas zu retten? Oder hat sich das gute alte Kaufhaus überlebt?
In dem Gejammer um den Abgang der Luxus-Kaufhallen, deren Waren für Kleinverdiener unerschwinglich sind, geht offenbar völlig unter, dass ca. 1.500 Quelle-Shops dicht gemacht werden sollen. Wer diese kleinen Lädchen auf dem Lande kennt, weiß, dass man dort in den Katalog schauen und gleich bestellen konnte, ein paar Tage später kam die Ware, vom Bügeleisen bis zur Waschmaschine, bezahlt werden konnten die Raten bar im Quelle-Shop. Zugleich ein dörflicher oder kleinstädtischer Treffpunkt zum miteinander reden, werden hunderte von Frauen, die auf das Einkommen aus den Quelle-Lädchen angewiesen sind, ihren Job verlieren. Offenbar kein öffentliches Thema. Stattdessen wird darüber gejammert, dass die "arme" Oberschicht ihren Kaviar nicht mehr im KDW einkaufen könnte.
...ergo sum, 20.04.2009
5. na, da treten mir aber die Tränen in die Augen ....
Anscheinend haben zuviele dieser Kaufhäuser gedacht, sie könnten den Kundenzulauf ausschließlich über den Preis regeln. Das Problem allerdings ist /war z.B. für mich und viele Andere, das sogar dort minderwertige Ware zu einem lächerlich hohen Preis angeboten wurde, - also im Preis /Leistungsverhältnis. Jämmerliche Stoffzusammensetzungen, idiotische Farben /Farbzusammenstellungen, verblödete Schnitte, hundsmiserable Verarbeitung von Nähten, Schließleisten ect. und, um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, in völlig unübersichtlichen und nicht nachvollziehbaren "Raum"- = Warenaufteilungen (klar, renne mir die Hacken ab mehrmals quer durch´s halbe Kaufhaus um anstelle einer Jacke dann doch einen Blazer zu suchen, zudem fast nie zu sichtende Angestellte, die (hat man sie dann doch mal erwischt und sich geklammert) nicht nur einen völlig dämlichen Gesichtsausdruck haben, sondern entsprechend diesem auch antworten. Ganz ehrlich, - was soll ich mir die Zeit für DIESE Angebote an Waren UND ohne versierte Mitarbeiter an´s Bein binden, wenn ich es gemütlich, mit Café und Keksen am eigenen Monitor haben kann ? Nach Hause zu schleppen brauch´ich es dann ebenfalls nicht. Die Kaufhäuser haben, anstatt zu versuchen die potentiellen Käufer mit besonderem Service (z.B. anpassende Näharbeiten ect.) an sich zu locken und zu binden, feste geglaubt das es weiterhin ausreicht in großén Flächen irgendwelche Ständer aufzustellen, Kleidung dranzupappen und abzuwarten. Man könnte dazu noch vieles an begangenen Fehlern und verpaßten Chancen und Möglichkeiten aufzählen, allerdings interessieren sich die verantwortlichen Herrschaften nicht dafür. Na gut, dann eben Insolvenz. Wenn es so einfacher und besser ist. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit werden die Bosse sich mit ihren Finanzen jetzt einen geruhsamen Lebensabend vielleicht in der Karibik oder auf der Jacht gönnen. Blöd nur, daß die Mitarbeiter dafür auf das Arbeitsamt und die Steuergelder zurollen, - nicht konfortabel, selbstredend.
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