Korruption "Bei neun von zehn Unternehmen werden Sie fündig"

Die Fälle Volkswagen und Infineon sind nach Überzeugung von Kriminologen längst keine Ausnahmen mehr. Längst habe Korruption weite Teile der Wirtschaft erfasst, sagt die renommierte Bielefelder Kriminologie-Professorin Britta Bannenberg. Deutschland drohe im Korruptionssumpf zu versinken.


Infineon-Manager Andreas von Zitzewitz: Kontrollsysteme haben versagt
DDP

Infineon-Manager Andreas von Zitzewitz: Kontrollsysteme haben versagt

Bielefeld - "Bei neun von zehn Unternehmen werden Sie fündig, in mehr oder weniger großem Umfang", sagte die Wissenschaftlerin heute der Deutschen Presse-Agentur. Bestehende Kontrollmechanismen könnten gegen die Netzwerke von Scheinfirmen und verdeckte Geldwäsche-Aktivitäten von Manager-Ehefrauen und Geliebten nichts mehr ausrichten. "Die Strukturen haben sich verselbstständigt."

Bannenberg ist gemeinsam mit dem Anti-Korruptions-Staatsanwalt Wolfgang Schaupensteiner Autorin des Buches "Korruption in Deutschland: Porträt einer Wachstumsbranche". Schaupensteiner hatte den volkswirtschaftlichen Schaden durch Korruption in Deutschland auf 350 Milliarden Euro pro Jahr beziffert.

Bei den Tätern handele es sich längst nicht mehr um einzelne gierige Personen. "Es sind die Leistungsträger", sagte Bannenberg. "Sie bilden sich ein, sich über Recht und Gesetz hinwegsetzen zu können." Die Bereitschaft der Unternehmen, gegen bereits fest etablierte Systematiken von Schmiergeldzahlungen und persönlicher Vorteilsnahme anzugehen, sei äußerst gering ausgeprägt.

Zwar würden ertappte Manager öffentlichkeitswirksam vor die Tür gesetzt. Dann zahle jedoch die Firma Anwaltskosten und Kautionen für sie. "Ehefrauen und Kinder werden mit Schweigegeld ruhig gestellt", sagte die Professorin. Häufig mache ein- und derselbe Manager wenig später in einer Tochtergesellschaft des Konzerns erneut Karriere. Opfer seien oft Unwissende, die gar nicht mitbekommen, warum etwa Aufträge an ihrer Firma vorbeigehen.

Bannenberg forderte dazu auf, die Kontrollen gegen Korruption in den Unternehmen wirksam zu verstärken. "Wir brauchen keine Kontrollen, die ihren Namen nicht verdienen." Das Risiko, entdeckt zu werden, müsse erhöht werden. Gleichzeitig müsse in der Gesellschaft eine neue Wertediskussion geführt werden. "Derzeit ist eine gewisse Abstumpfung zu beobachten", sagte Bannenberg.

Immerhin aber sei Deutschland im internationalen Vergleich noch nicht am Ende der Vergleichsskala angelangt: "Erschossene Staatsanwälte gibt es bei uns noch nicht", sagte die Professorin.



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