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Korruption in Rom: Ein Angebot, das man nicht ablehnen kann

Von , Rom

Misswirtschaft in Rom: Durch und durch korrupt Fotos
REUTERS

Wohnungen zum Nulltarif. Auf Kosten der Stadt für mehr als 20.000 Euro essen. Oder kommunale Aufträge an die Mafia-Kumpel weitergeben: Rom ist heißer Favorit für Europas Hauptstadt der Misswirtschaft.

Wohnungen in Großstädten sind kaum noch bezahlbar, überall in der Welt.

Überall? Nein, in einer wunderschönen Stadt im Land, wo die Zitronen blühen, gibt es Wohnungen zum Nulltarif. Im Mieterparadies Rom.

Nach einem Report, der etwa die Hälfte aller Mietobjekte in kommunalem Besitz erfasst, zahlen für 85 Prozent dieser Wohnungen die Bewohner gar keine Miete. Teilweise seit Jahrzehnten. Die wenigen, die zahlen, kommen gleichwohl günstig davon. Ihre Wohnkosten liegen dramatisch unter den Marktpreisen, selbst für Top-Lagen. So bekommt die Stadt Rom für eine Wohnung im schicken Borgo Pio, nur hundert Meter vom Petersdom entfernt, 10,29 Euro. Im Monat, versteht sich.

In dem Bericht eines nichtrömischen, von der Regierung beauftragten Sonderkommissars gibt es viele aufregende Beispiele:

  • Ein Rechtsanwalt, Jahresverdienst etwa 700.000 Euro, hat eine Wohnung gleich neben dem Kolosseum, für 200 Euro im Monat.

  • Ein bekanntes Restaurant im Touristen- und Kneipenviertel Trastevere, mit etwa einer Million Umsatz im Jahr, zahlt 380 Euro Miete.

  • Ein Rentner wohnt für 300 Euro am Anfiteatro Flavio. Nur zahlt er seit 22 Jahren gar nichts. Mietrückstand: 78.000 Euro.

Mindestens 43.000 Wohnungen in Rom sind kommunales Eigentum, ganz genau weiß das keiner. Sie bringen jährlich 27 Millionen Euro Einnahmen und kosten 139 Millionen für die Unterhaltung.

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Mit sozialem Engagement der Stadt hat das freilich wenig zu tun. Eher mit Vetternwirtschaft: Die Wohnungen gingen irgendwann an Politiker, höhere städtische Bedienstete, an deren Freunde und an die Freunde von den Freunden. Wenn diese Mieter keinen Bedarf mehr für die Billig-Wohnung hatten, wurden sie von denen weitergereicht oder vererbt - und von den freundlichen Rathausbürokraten vergessen oder vorsätzlich aus den Akten genommen.

Für die freilich, die dummerweise keine Freunde im Rathaus haben, und das ist wohl die Mehrheit der Bürger, sind die Wohnungen auch in Rom kaum noch bezahlbar. Da kosten dürftige 60-Quadratmeter-Buden mindestens 900 Euro, und wer ein Zimmer mehr braucht, ist schnell bei 1500, aber noch lange nicht im "Centro storico", sondern eher weiter draußen.

"Rom - total korrupt"

Der Skandal um die Billig- oder Null-Euro-Mieten in den städtischen Immobilien füllt gerade das jüngste Kapitel des seit Monaten mit immer neuen Details gefüllten Enthüllungsbuchs "Rom - total korrupt". Auf den Seiten davor ging es um Bürgermeister Ignazio Marino. Schon dessen Amtsvorgänger, der rechtsextreme Gianni Alemanno, Ex-Minister in verschiedenen Kabinetten und Koalitionen, hatte sich durch Korruptionsskandale einen Namen gemacht, weil er viele Jobs in den städtischen Betrieben seinen Verwandten und Freunden zugeschoben hatte.

Sein Nachfolger, der parteilose, für die sozialdemokratische Partei kandidierende Hoffnungsträger Marino, hatte bis dahin nur als Chirurg einen Namen. Erst in Rom rutschte er in den dort endemischen städtischen Sumpf und fiel einer jämmerlich-peinlichen Geschichte um gefälschte Bewirtungsbelege zum Opfer. Mit seiner Amts-Kreditkarte hatte er in zwei Jahren etwa 20.000 Euro für private Mittag- und Abendessen beglichen, bei denen er tatsächlich allein, mit Gattin oder Freunden futterte.

Gut vernetzt: Rathaus und Mafia

Ein anderes Enthüllungskapitel wird derzeit im römischen Justizpalast geschrieben. An diesem Mittwoch startet der Prozess gegen die "Mafia Capitale". Dort stehen Mitglieder der lokalen Mafia unter der Anklage, sich gegenseitig reich und die Stadt arm gemacht zu haben, darunter Gianni Alemanno. Stadträte und Behördenchefs, sagt die Staatsanwaltschaft, seien von dieser Mafia mit Zigtausenden von Euro geschmiert worden.

Ob bei der Müllabfuhr, dem öffentlichen Nahverkehr oder der Unterbringung von Immigranten, überall mischte die römische Mafia mit. Deshalb sind Roms Straßen voller Löcher, ist die Stadt voller Müll, funktioniert der Nahverkehr miserabel, das Gesundheitswesen partiell gar nicht. Einige der Verantwortlichen packen gerade vor Gericht aus und berichten aus einer durch und durch korrupten Verwaltung.

Unter den Angeklagten sind Personen aus der Unterwelt, Unternehmer, Beamte und Kommunalpolitiker. Die Verteidiger versuchen nachzuweisen, dass es sich nicht um eine mafiaartige Vereinigung handelte, was für das Strafmaß wesentliche Bedeutung hat.

Die korrupte Verwaltung beschreibt auch ein aktueller Prüfbericht des italienischen Anti-Korruptionsbeauftragten, Raffaele Cantone. Der hat von seiner Dienststelle stichprobenartig zehn Prozent der in den Jahren 2012 bis 2014 von der römischen Verwaltung vergebenen Aufträge untersuchen lassen.

Sein deprimierender Befund:

Es gebe nicht einen Bereich, in dem die "große Kommune Rom nach den Regeln einer ordentlichen Verwaltung" gearbeitet habe. Die Untersuchung habe "eine systematische und allgemein verbreitete Verletzung der Normen" ans Licht gebracht, und zwar in der Ägide beider zuletzt amtierender Bürgermeister, des Rechten wie des Linken. Ein "beträchtlicher Teil" der Bau-, Liefer-, Reparatur- und aller übrigen Aufträge sei ohne Ausschreibungen vergeben worden.

Stattdessen hat die Verwaltung der italienischen Hauptstadt ein ganz eigenes Verfahren favorisiert, das "Verhandlungsverfahren": Man sucht sich einen oder auch ein paar Lieferanten, Bauherren oder Dienstleister aus und verhandelt mit denen die Konditionen. Die Auswahl der Firmen war meistens dieselbe, und die Auftragsvergabe ging meist an dieselben - oft an Firmen, die nicht einmal die gesetzlich vorgeschriebenen Voraussetzungen mitbrachten.

Jetzt treffen sich etliche jener Auftragnehmer und -geber regelmäßig wieder. Im römischen Justizpalast.

Zusammengefasst: Rom hat zunehmend den Titel "Europas Hauptstadt der Misswirtschaft" verdient: Ob bei der Wohnungsvergabe, bei der öffentlichen Verwaltung oder beim Bau - an zig Stellen geht es korrupt zu. Immerhin stehen derzeit Mitglieder der lokalen Mafia, der "Mafia Capitale", unter Anklage.

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insgesamt 27 Beiträge
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1. ja mei
elizar 23.03.2016
So ist das halt, wenn Korruption geduldet wird. Aber was sind schon 6,7 Mio, wenn man dafür ordentlich Märchen erzählt bekommt.
2. und hier in D ...
HALLO HALLO 23.03.2016
ist es zwar nicht so schlimm aber jeder schaut weg, wenn im öffentlichen Dienst gebaut wird und die Preise > 4-fach dem normalen Preis sind, immer die gleichen Architekten zum Zuge kommen und immer die gleiche Firma liefert, auch wenn man schon weiss dass sie weder rechtzeitige noch qualitative Leistung erbringt ....... und so weiter...für Firmen und Betriebe mit Aufträgen für öffentlich Gebäude - Unis etc. Reparatur, Umbauten etc...grandios kann ich nur sagen.
3. die hohen Werte Europas
limubei 23.03.2016
Wer 2 Jahrzehnte Berlusconi wiederwaehlt hat, kann nicht mehr ernstgenommen werden. Italien ist in diesem Sinne ein failed state, so wie Mexico auch. Beherrscht von kriminellen Banden. den Vertretern Italiens und den italienischen Lobbyverbaenden darf man somit keinen mm über den Weg trauen. Aber es wird in Brüssel getan. Täglich. Und Deutschland ist Mafias liebstes Anlageland. Und es ist herzlichst willkommen. Betongold vor allem. Die provinziellen deutschen Behörden übertreffen sich da gegenseitig in gespielter bzw politisch gewollter Ahnungslosigkeit. Herr Oettinger soll ja in Stuttgart bei einem bekannten Mafiosipaten gerne gespeist zu haben. Die hohen "marktkonformen" Werte Europas! Heuchelei pur.
4. Mistverständnis
Halfstep 23.03.2016
"So bekommt die Stadt Rom für eine Wohnung im schicken Borgo Pio, nur 100 Meter vom Petersdom entfernt, 10,29 Euro. Im Monat, versteht sich." Das musste ich zweimalzweimal lesen, bis ich's kapierte: Nicht PRO Quadratmeter, sondern für ALLE Quadratmeter dieser Wohnung :o/
5. und Deutschland?
kv21061929 23.03.2016
in Deutschland betrügt ein Konzern die ganze Welt und die Regierung tut so, als hätte sie damit nichts zu tun. Dieser Konzern bläst in Europa den Russ weiter in die Luft, jetzt aber mit Segen der Regierung und wir dürfen diesen Dreck einatmen. Die Umweltplaketen sind einfach eine volle Vera***e, das hat alles Geld gekostet, das Geld der Autofahrer. Die Deutsche Banken betrügt im großen Stil und die Regierung unter Merkel sieht jahrelang zu, schüttelt den Vorständen die Hände, und ladet diese Verbrecher ins Kanzleramt ein, auf Staatskosten. 6000 anhängige Klagen hat die Deutsche Bank angehäuft, klingt wirklich seriös. In Deutschland ist Korruption und politischer Machtmissbrauch so perfektioniert das fast alles unter einer Decke bleibt und schwer zu beweisen ist. Wieso sind alle ÖPP-Verträge geheim? Bei öffentlichen Auträgen darf nichts geheim sein. Viele unsere Politiker sind entmoralisierte Marionetten der entmoralisierten Konzerne und Wohlhabenen. Auch wenn das keiner wahr will.
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Fläche: 301.336 km²

Bevölkerung: 60,796 Mio.

Hauptstadt: Rom

Staatsoberhaupt:
Sergio Mattarella

Regierungschef: Matteo Renzi

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