Korruption Milliardenschäden im Gesundheitssystem

Der deutsche Gesundheitssektor hat ein Korruptionsproblem. Durch Betrug verschwinden nach Schätzungen der Antikorruptions-Organisation Transparency International jährlich 20 Milliarden Euro in dunklen Kanälen.


Mediziner: "Drei bis zehn Prozent des Gesundheitsbudgets gehen verloren"
DPA

Mediziner: "Drei bis zehn Prozent des Gesundheitsbudgets gehen verloren"

Berlin - "Wir können davon ausgehen, dass drei bis zehn Prozent des Gesundheitsbudgets verloren gehen", sagte Transparency-International-Vorstand Anke Martiny am Freitag bei der Vorstellung eines Berichts über Korruption im Gesundheitswesen. Den Gesamtmarkt beziffert die Organisation auf 200 Milliarden Euro.

Deutschland sei auf Grund des dezentral organisierten Gesundheitssystems besonders anfällig für Betrügereien, sagte Martiny. In London solle eine europäische Institution für den Kampf gegen Korruption im Gesundheitswesen gegründet werden.

Viele Ermittlungen im Gesundheitswesen

Transparency International verweist zudem auf das Bundeskriminalamt. Laut einem Bericht der Behörde vom August stellten das Gesundheitswesen und die Baubranche im Jahr 2003 mit jeweils etwa 19 Prozent den größten Teil von Tatverdächtigen bei Korruptionsermittlungen.

Von der Politik fordert Transparency International, stärker gegen den Missbrauch von Leistungen vorzugehen. Das Bundesgesundheitsministerium äußerte sich zuversichtlich, die Korruption im Gesundheitswesen in den Griff zu bekommen. "Meines Wissens kommt man da gut voran", sagte Ministeriumssprecher Klaus Vater. Die meisten der Beschäftigten im Gesundheitswesen erledige ihre Arbeit korrekt, auch wenn es schwarze Schafe gebe.

Grundlage des Berichts sind Studien aus den USA, die nach Ansicht von Transparency auf europäische Länder übertragbar sind. Die Betrügereien kommen nach Einschätzung der Organisation auf allen Ebenen vor - bei Ärzten und Kassen ebenso wie in der Industrie und bei Patienten.

"Der Bericht strotzt vor Fehlern"

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) reagierten empört. "Der heute vorgelegte Bericht über Korruption im Gesundheitswesen strotzt vor Fehlern", erklärte der KBV-Vorsitzende Manfred Richter-Reichhelm. Transparency habe geschätzte Zahlen aus den USA auf Europa übertragen. "Statt konkret zu werden, werden wieder einmal alle in einen Topf geworfen und verunglimpft. Das ist keine Aufklärung, sondern Effekthascherei."

Auch die wegen ihres Marketing-Verhaltens besonders hart kritisierte pharmazeutische Industrie wies die Vorwürfe zurück. Transparency-Experte Peter Schönhofer hatte Pharmafirmen als "strukturell korruptionsanfälligen Bereich" bezeichnet. Um neue Arzneien auf den Markt zu bringen, würden zunehmend Studien gefälscht, sagte Schönhofer, der auch Herausgeber des industriekritischen "Arzneimittel-Telegramms" ist. Auch erfänden die Hersteller behandlungsbedürftige Krankheiten, die tatsächlich nur normale Alterserscheinungen seien.

Die Industrie wehrte sich gegen den Vorwurf. Der Branchenverband BPI erklärte, man halte die Ärzte für mündig genug, ihr Verschreibungsverhalten allein von medizinischen Notwendigkeiten abhängig zu machen. Auch habe man bereits vor Jahren Positionen zur strafrechtlichen Bewertung der Zusammenarbeit zwischen Industrie und medizinischen Einrichtungen entwickelt. Die von Transparency International geforderten stärkeren Sanktionsmöglichkeiten seien überflüssig.



© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.