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22. November 2006, 19:21 Uhr

Korruptionsaffäre

Bande soll Siemens um 200 Millionen Euro betrogen haben

Die Siemens-Affäre um schwarze Kassen und Korruption entwickelt sich zur ernsthaften Krise für den Konzern. Die Ermittler gehen inzwischen davon aus, dass Manager des Konzerns eine Bande gebildet und das Unternehmen um 200 Millionen betrogen haben. Sechs Manager sitzen im Gefängnis.

München - Der Siemens-Konzern ist nach Ermittlungen der Staatsanwaltschaft München offenbar von einer "Bande" von Managern um 200 Millionen Euro betrogen worden. Gestern wurden zwei weitere Mitarbeiter aus der Finanzabteilung des Konzerns verhaftet, teilte der Leitende Oberstaatsanwalt Christian Schmidt-Sommerfeld mit. Sie waren in der internen Revision und im Rechnungswesen der Siemens-Kommunikationssparte (Com) tätig.

Siemens-Verwaltung (in Erlangen): Aufträge mit Millionensummen erkauft?
AP

Siemens-Verwaltung (in Erlangen): Aufträge mit Millionensummen erkauft?

Damit seien jetzt sechs Beschuldigte im Untersuchungsgefängnis. Sie hätten sich "zu einer Bande zusammengeschlossen", um Konzerngelder mit Hilfe von schwarzen Kassen im Ausland zu veruntreuen, erklärte der Staatsanwalt. Berichten zufolge setzten die Siemens-Mitarbeiter das veruntreute Geld ein, um an lukrative Aufträge im Ausland zu gelangen. So soll unter anderem für ein Sicherheitssystem für die Olympischen Spiele 2004 in Athen gezahlt worden sein.

Einer der Beschuldigten ist der frühere Chef der Telefonsparte in Griechenland, von dem sich Siemens im April geräuschlos getrennt habe, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. Ein Siemens-Sprecher bestätigte das Ausscheiden des Managers, machte aber mit Hinweis auf das laufende Verfahren keine weiteren Angaben. "Wir werden uns zu gegebenem Zeitpunkt äußern", sagte ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE. Der Mann war entlassen worden, nachdem Siemens von Ermittlungen in der Schweiz erfahren hatte.

Überweisung nach Nigeria, Zahlung nach Syrien

Nach Informationen der "Süddeutschen Zeitung" sind allein 70 Millionen Euro über drei Konten bei der Raiffeisenbank Tirol in Innsbruck geflossen. Vor dort sei das Geld in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre in zahlreiche Länder weitergeleitet worden. Fast fünf Millionen Euro seien ausweislich von Kontoauszügen, die Ermittlern bekannt seien, für hochrangige Persönlichkeiten in Nigeria bestimmt gewesen. Eine kleinere Summe sei den Unterlagen zufolge nach Syrien gegangen.

Eine Einmalzahlung in Höhe von fünf Millionen Euro sei an die Investmentgesellschaft Goldman Sachs gerichtet gewesen, berichtet die "SZ". Ein Teil des Geldes, das über Innsbruck geflossen ist, habe ein langjähriger Siemens-Mitarbeiter laut eigener Aussage gegenüber Ermittlern als Mittelsmann in bar von München über die Grenze gebracht und bei der Bank eingezahlt.

Weitere 100 Millionen Euro flossen über Konten in Salzburg, die bei einer Razzia in der vergangenen Woche enttarnt wurden. 35 bis 40 Millionen Euro wurden über die Schweiz verschoben.

Auch bestehe der Verdacht, Siemens habe sich in den neunziger Jahren den Einstieg in den italienischen Telekommunikationsmarkt mit einer Schmiergeldzahlung in Höhe von fünf Millionen Euro erkauft.

"Keine konkrete Erkenntnis über Verbleib des Geldes"

Waren die Ermittler zunächst von über 20 Millionen Euro Schaden ausgegangen, ermittelten sie inzwischen einen Schaden von rund 200 Millionen Euro. "Konkrete Erkenntnisse über den Verbleib dieser Gelder liegen nach wie vor nicht vor", erklärte Schmidt-Sommerfeld.

Unter den sechs Verhafteten ist auch ein ehemaliger Finanzvorstand der Com-Sparte. Ein bei der Großrazzia vor einer Woche in Österreich verhafteter Beschuldigter ließ sich heute freiwillig nach Deutschland ausliefern. Acht weitere Beschuldigte sind auf freiem Fuß.

Die Vernehmungen der Verhafteten dauerten an. Bei Durchsuchungen von Büros seien rund 36.000 Ordner mit laufenden Geschäftsunterlagen und Archivmaterial sowie umfangreiche Dateien beschlagnahmt worden. Sie würden jetzt vom Bayerischen Landeskriminalamt ausgewertet. Weitere Informationen werde die Staatsanwaltschaft frühestens am 4. Dezember veröffentlichen. Einem Bericht des "Wall Street Journal" zufolge sind auch Ermittlungen in Italien im Gange.

kaz/Reuters/AFP/AP/dpa

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