Korruptionsskandal Cromme prangert frühere Siemens-Chefs an

800 Millionen Euro Strafe - trotzdem Erleichterung bei Siemens. Aufsichtsratschef Cromme nennt die Geldbuße für den Korruptionskandal im SPIEGEL-Gespräch milde und attackiert die Ex-Spitzenmanager von Pierer und Kleinfeld: Von beiden hätte er sich "sehr viel mehr Offenheit gewünscht".


Siemens-Aufsichtsratschef Cromme: "SEC hat Folterinstrumente nicht genutzt"
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Siemens-Aufsichtsratschef Cromme: "SEC hat Folterinstrumente nicht genutzt"

Hamburg - Er ist zufrieden - obwohl der Konzern Millionen zahlen muss: Siemens-Aufsichtsratschef Gerhard Cromme zeigt sich mit dem nun in den USA erzielten Vergleich in der seit zwei Jahren schwelenden Korruptionsaffäre zufrieden. Angesichts der 800-Millionen-Dollar-Buße sei der Konzern "vergleichsweise milde davongekommen. Da können wir drei Kreuze machen", sagte er in einem Gespräch mit dem SPIEGEL.

"Wenn die Amerikaner alle Folterinstrumente genutzt hätten, die das US-Rechtssystem ihnen zur Verfügung stellt, hätte Siemens in eine existentiell bedrohliche Krise geraten können", sagte Cromme. Er sieht in der Schmiergeldaffäre nun "die wichtigsten Fälle und Ermittlungen" als "abgehakt" an. Es gebe zwar noch Ermittlungen in anderen Ländern, "aber etwaige Strafen werden dort allenfalls eine viel geringere Dimension haben".

Die amerikanische Börsenaufsicht SEC hatte am Montag entschieden, dass der Technologiekonzern gut eine Milliarde Euro Strafe zahlen muss, um die Schmiergeldaffäre ad acta zu legen - den Großteil davon - besagte 800 Millionen Dollar - in den USA. Siemens Chart zeigen ist seit 2001 an der New Yorker Börse notiert und unterliegt damit der amerikanischen Wertpapieraufsicht, die hart gegen Schmiergeldsünder vorgeht.

"Es ging immer auch um Moral"

Siemens-Mitarbeiter hatten in der Vergangenheit weltweit Zahlungen für Beraterverträge angewiesen, ohne dass entsprechende Gegenleistungen erbracht wurden. Bei der Höhe der zweifelhaften Zahlungen kommen die Behörden zu unterschiedlichen Erkenntnissen: Die SEC spricht von insgesamt 1,4 Milliarden US-Dollar, die von 2001 bis 2007 geflossen sein sollen, das Justizministerium nennt insgesamt 805 Millionen US-Dollar.

Cromme sagte im Gespräch mit dem SPIEGEL aber auch: "Es ging immer auch um Moral – oder gerade deren Mangel." Seine Kritik richtet sich vor allem gegen die früheren Vorstandschefs Heinrich von Pierer und Klaus Kleinfeld: Von beiden hätte er sich "sehr viel mehr Offenheit gewünscht". Cromme und sein Aufsichtsrat seien "überzeugt, dass der frühere Vorstand sich Fehlverhalten zu Schulden hat kommen lassen, für das wir ihn zivilrechtlich belangen müssen".

Cromme wolle "keinem das letzte Hemd rauben. Nein, uns geht es um einen eher symbolischen Beitrag in allerdings nennenswerter Höhe". Wenn jemand wie von Pierer sich nicht einsichtig zeige, "müssen wir gegebenenfalls klagen". Bei Siemens habe über Jahrzehnte in puncto Korruption ein "Netzwerk" existiert, "ein Paralleluniversum, von früheren Vorständen gedeckt, geduldet oder gar initiiert". Der Aufsichtsrat sei von diesen Alt-Vorständen "unvollständig, irreführend und teilweise sogar falsch informiert worden". Bei Siemens habe sich "extern wie intern eine Art gemeinsamer Bestechungsindustrie entwickelt, die letztlich vor allem den Eindruck produzieren sollte, Schmiergelder seien notwendig".

Für die operative Zukunft des Konzerns wollte Cromme gegenüber dem SPIEGEL keine Prognose wagen: "Einen so plötzlichen und totalen Filmriss wie zurzeit habe ich in meiner ganzen Berufszeit nie erlebt. Diese weltweite Dramatik ist mir neu, und nicht nur mir." 2009 rechnet Cromme deshalb "auf der ganzen Welt mit Heulen und Zähneknirschen".

sam



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