Kostbarer Müll Brutaler Kampf ums Altpapier

Die Entscheidung fällt an der Mülltonne: Kommunen und private Anbieter liefern sich deutschlandweit einen Kampf um ausgelesene Zeitschriften und Zeitungen. Der Streit wird vor Gericht ausgefochten oder auf der Straße - denn Pappe und Papier bringen bares Geld.

Von Alexandra Sillgitt


Hamburg - Die Männer sind mit Knüppeln bewaffnet, bauen sich drohend vor ihnen auf, befehlen ihnen, zu verschwinden. Völlig verängstigt und verstört ergreifen sie die Flucht. Später werden sie keine Angaben dazu machen können, wie ihre Angreifer aussahen oder woher sie kamen. Die beiden geistig behinderten Mitarbeiter des St.-Vitus-Werkes in Meppen werden sich nur an die Knüppel erinnern - und an ihre Furcht.

Blaue Tonne: Kostenlose Entsorgung privater Anbieter
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Blaue Tonne: Kostenlose Entsorgung privater Anbieter

Im Emsland verbreitete der Vorfall breites Entsetzen. Nicht nur, weil Behinderte derart brutal angegriffen wurden, sondern auch weil der mögliche Hintergrund der Tat unglaublich scheint. Er könne und wolle nicht ausschließen, dass seine Schützlinge angegriffen wurden, weil sie im Auftrag eines Recyclingunternehmens blaue Tonnen für Altpapier aufstellten, sagt der Leiter des St.-Vitus-Werkes, Bernhard Sackarendt. "An einen behindertenfeindlichen Übergriff glaube ich nicht."

Egal, ob sich der unfassbare Verdacht bestätigt - allein die Vermutung zeigt, wie sehr die Schlacht ums Altpapier im Emsland schon eskaliert ist. Private und gemeinnützige Entsorger streiten sich um den kostbaren Rohstoff, stellen ungefragt ihre blauen Tonnen in die Einfahrt, neben den Zaun, vor die Tür und räumen die Behälter der Konkurrenz kurzerhand aus dem Weg.

Altpapier als rare Ressource

Auslöser der Auseinandersetzung ist ein Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg vom Januar, der den Markt für gewerbliche Altpapierentsorger öffnete. Allein sechs Unternehmen und Vereine kämpfen seitdem in der Gegend um Straßenzüge und ganze Stadtteile. Sie markieren ihr Revier mit Tonnen, die ihr Logo zieren. Kostenlos stellen sie die Behälter den Bürgern zur Verfügung und übernehmen die Entsorgung - ebenfalls gebührenfrei. "Das Geschäft mit Altpapier ist für sie derart erträglich, dass sie sich diesen Luxus leisten können", sagt Rainer Cosson, Geschäftsführer des Bundesverbands deutscher Entsorgungswirtschaft (BDE).

Kein Wunder, schließlich ist Altpapier in Deutschland mittlerweile eine rare Ressource: 2007 wurde mehr Altpapier als je zuvor eingesetzt, der Verbrauch lag bei 15,75 Millionen Tonnen - eine halbe Million mehr als im Vorjahr. Dagegen ist die eingesammelte Menge kaum gestiegen. Die Folge: Im vergangenen Jahr musste Deutschland erstmals mehr Altpapier importieren als exportieren.

Chinas Hunger nach Altpapier

Der wachsende Bedarf heimischer Papierfabriken an dem begehrten Wertstoff liegt nicht zuletzt daran, dass die Produktion von Recyclingpapier nur halb so viel Energie benötigt wie die von herkömmlichem Papier. "Asien, insbesondere China und Indien, giert ebenfalls nach dem sekundären Rohstoff", sagt Cosson. Und nachdem Pappe und Papier jahrzehntelang ihr Dasein als ungewollter Abfall fristeten, will nun jeder Altpapier zum Nulltarif, denn damit erwirtschaften die Abfallbetriebe neben Altmetall den meisten Gewinn. Eine Tonne bringt auf dem Ressourcenmarkt derzeit bis zu 100 Euro.

20 Tonnen sammelt der Entsorgungsservice Emsland täglich. Seit Februar hat er mehr als 30.000 blaue Tonnen im Landkreis aufgestellt. "Wir möchten jedes Kilo Altpapier erfassen, das anfällt", sagt Geschäftsführer Reinhold Schmidt. Dass er dabei der Konkurrenz ins Gehege komme, sei unumgänglich. "Mir sind einige hundert Fälle bekannt, in denen unsere Tonnen entfernt wurden und plötzlich die der Konkurrenz vor der Tür standen." Die eigenen Behälter lagen umgekippt im Vorgarten oder auf der Straße - und bei den Bürgerämtern gingen die Beschwerden ein, die sich auch gegen den Entsorgungsservice selbst richteten. Denn wer will schon zwei, drei oder vier von den blauen Tonnen vor der Haustür haben? Zumal sich der Bürger selbst darum kümmern muss, dass die nicht bestellten Behälter wieder verschwinden und abgeholt werden.

Weltweiter Papierverbrauch

Land Pro-Kopf-Verbrauch 2005 in kg
USA 301
Deutschland 239
Frankreich 178
Portugal 109
Griechenland 105
Irland 100
Estland 89
Polen 89
China 45
Brasilien 39

Quelle: Verband Deutscher Papierfabriken, 2007

"Der Bürger muss entscheiden, welche blaue Tonne er akzeptieren will", sagt Dirk Kopmeyer, Leiter des Emsländer Abfallwirtschaftsbetriebes. Entscheiden, ob er seinen kostbaren Abfall lieber von dem gemeinnützigen Verein Cape Kids - Hilfe für Afrika oder dem Entsorgungsservice Wesuwe abholen lässt.

Auch der Landkreis wollte vom Altpapierboom profitieren: Bislang hatte er an ausgewählten Punkten Container aufgestellt, wo die Bürger in Bündel verpacktes Altpapier einwerfen konnten. Mit der Entsorgung betraute das Emsland externe Unternehmen, die auch den Erlös einstrichen. Das sollte sich jetzt ändern: Der Landkreis wollte in diesem Jahr ebenfalls blaue Tonnen aufstellen, Altpapier sammeln und gewinnbringend verkaufen. Doch nach dem Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg überschwemmte die private Konkurrenz binnen eines Monats das Emsland mit blauen Tonnen, und der Landkreis zog sich vorzeitig aus dem Rennen zurück. Ihm gehen dadurch eigenen Schätzungen zufolge jährlich rund 20.000 Tonnen Altpapier durch die Lappen - und damit ein Gewinn von 800.000 Euro.

Kommunen wehren sich gegen private Konkurrenz

Andere Landkreise und Kommunen wollten sich die satten Erträge nicht entgehen lassen. Im niedersächsischen Uelzen oder im baden-württembergischen Böblingen versuchten die kommunalen Abfallentsorger, den privaten Anbietern Paroli zu bieten, warben mit Slogans wie "Es kann nur einen geben" in Lüneburg oder klagten sich wie in Karlsruhe quer durch die Instanzen.

Ein Ende des Kampfes ist nicht absehbar. Zumal der weltweite Papierhunger Experten zufolge weiter wachsen wird: von heute 320 Millionen Tonnen auf 440 Millionen Tonnen im Jahr 2015.

Altpapierverbrauch und -aufkommen 2005

Land Verbrauch in 1000 t Aufkommen in 1000 t
weltweit 177.463 184.137
USA 32.857 46.968
China 35.125 18.095
Japan 18.682 22.315
Deutschland 14.413 15.123
Frankreich 5953 6592
Kanada 5898 4852
Italien 5473 5792
Großbritannien 4492 7700
Spanien 4474 4323
Niederlande 2500 2510
Rußland 1250 1385
Österreich 2141 1421

Quelle: Verband Deutscher Papierindustrie, 2007



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