Krankenakten-Affäre Lidl entlässt Deutschland-Chef

Der Discounter Lidl hat sich von Deutschland-Chef Frank-Michael Mros getrennt. Damit reagiert der Konzern auf den Fund von internen Papieren, in denen Krankheiten von Mitarbeitern dokumentiert wurden.


Neckarsulm - Der Lebensmitteldiscounter Lidl entlässt als Reaktion auf die erneute Datenschutz-Affäre seinen Deutschland-Chef Frank-Michael Mros, 45, mit sofortiger Wirkung. Damit ziehe das Unternehmen die Konsequenzen aus den jüngsten Vorwürfen, teilte eine Sprecherin am Montag in Neckarsulm mit. Nachfolger werde Jürgen Kisseberth, 59, seit über zwei Jahrzehnten in unterschiedlichen leitenden Funktionen im Unternehmen tätig.

Lidl ist nur wenige Monate nach Bußgeldzahlungen in Millionenhöhe wegen der Bespitzelung von Mitarbeitern erneut ins Visier von Datenschützern geraten. SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE hatten aufgedeckt, dass das Unternehmen Krankheiten von Mitarbeitern systematisch in firmeninternen Unterlagen festgehalten hat.

Der Konzern hatte daraufhin eingeräumt, Informationen über die Krankheiten von Mitarbeitern erfasst zu haben. Diese persönlichen Daten sind nach Darstellung von Lidl genutzt worden, um die Mitarbeiter ihrem Gesundheitszustand entsprechend einzusetzen. "Dabei wurden Informationen erfasst, die persönliche Belange berücksichtigten", gestand der Konzern ein. Dies sei "nicht datenschutzkonform" gewesen.

Kritik an der Praxis kam unter anderem vom Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar. Der Grund einer Erkrankung gehe den Arbeitgeber grundsätzlich nichts an.

Lidl erklärte, die Arbeit mit den Listen sei im Zuge der Umsetzung des neuen Datenschutzkonzepts zum Jahresende 2008 eingestellt worden. Der Konzern überprüfe seit dem vergangenen April alle Geschäftsprozesse gewissenhaft und überarbeite sie gegebenenfalls, versicherte der Lidl-Berater und ehemalige Bundesdatenschutzbeauftragte, Joachim Jacob.

Ob es bei der Dokumentation von Krankheiten der Mitarbeiter flächendeckende Anweisungen für jede der mehr als 30 Lidl-Regionalgesellschaften gegeben habe, konnte Jacob nicht sagen. Seine Prüfung werde noch "bis Mai oder Juni" dauern. "Wir sind noch nicht am Ende der Fahnenstange angekommen", sagte er.

Von den geheimen Krankenakten habe er im November erfahren, sagte Jacob. "Bis Anfang Dezember hätten eigentlich alle Unterlagen zerschreddert werden müssen." Er sei "schon angefressen, dass durch diese neuerliche Sache das Ganze jetzt wieder einen Knacks bekommt".

Im Frühjahr 2008 war bekanntgeworden, dass Lidl mit Hilfe von Detekteien unter anderem das Privatleben von Angestellten hatte ausforschen lassen. Der Discounter musste deswegen knapp 1,5 Millionen Euro Strafe zahlen.

Die baden-württembergische Datenschutzaufsichtsbehörde hat jetzt eine Überprüfung des Unternehmens eingeleitet. Damit wolle die Behörde insbesondere feststellen, ob und inwieweit auch andere als die bislang genannte regionale Lidl-Vertriebsgesellschaft Krankheitsdaten von Mitarbeitern erhoben und genutzt haben, teilte das Innenministerium am Montag in Stuttgart mit.

Die Konzernzentrale in Neckarsulm müsse den Datenschützern dazu einen "umfangreichen Fragenkatalog" beantworten. Da sich der Firmensitz von Lidl im schwäbischen Neckarsulm, Landkreis Heilbronn, befindet, ist der Landesbeauftragte für den Datenschutz in Baden-Württemberg, Günter Schedler, als bundesweiter Koordinator zuständig für den Skandal. Ob erneut Bußgelder drohten, konnte die Behörde noch nicht sagen.

kaz/ddp/Reuters



Forum - Neuer Lidl Skandal- wie steht es um das Image des Unternehmens?
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Seite 1
catman, 04.04.2009
1. wird immer besser
Moin, für mich bedeutet so ein Vorgehen; Nicht mehr dort kaufen - ganz einfach! Wenn sich jeder - der sich über dieses Vorgehen aufregt - dran hält, wird es sicherlich abgestellt. Wo leben wir eigentlich; Jedes Unternehmeb und jede Firma kann machen, was sie wollen. Aber die meisten regen sich auf, und keiner tut was dagegen, was mir allerdings auch zeigt, das es der Bevölkerrung ganz gut geht. lg Harry
Fensterladen 04.04.2009
2. was soll daran bitte "bedenklich" sein?
Zitat von sysopDer Discounter Lidl hat die Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten - obwohl das arbeitsrechtlich bedenklich ist. Das zeigt: Auch ein Jahr nach dem Spitzelskandal kämpft der Billiganbieter mit seiner Firmenkultur. Wie steht es um das Image des Unternehmens? Diskutieren Sie mit.
Ich bin sicher, dass in JEDER grösseren Firma (bei KLEINEREN hat s der PErsonalchef vermutlich eh im Gedächtnis) solche Krankheitsaufzeichnungen geführt werden! Schliesslich wirkt sich das ja auf das Arbeiten/Einschränkungen des Angestellten aus. Warum sollte denn sowas nicht aufgezeichnet werden? Man kanns auch übertreiben und allmählich wirds echt LÄCHERLICH ...der Datenschutz für Angestellte ist an ganz ANDEREN Stellen in Betrieben "gefährdet" als bei Dingen, die eh jeder schon WEISS (oder glaubt jemand, nur weil die Krankheiten nicht irgendwo in iene Liste geschrieben werden, VERGISST sie der Vorgesetzte oder Personalchef? LOL...
Breen 04.04.2009
3.
Wofür Lidl (berechtigterweise) am Pranger steht, ist in vielen anderen Unternehmen in diesem Land gang und gäbe. Das Gewinsel der Writschaft, es fehlten die Fachkräfte, gewinnt einen unfreiwillig komischen Beigeschmack. Wer tut sich den bitteschön freiwillig solche Arbeitsbedingungen an? Man kann hier, den Versagern aus Politik und Wirtschaft (=Eliten) sei Dank, weder leben noch arbeiten. Auf ein baldiges und endgültiges Nimmerwiedersehen, Bundesrepublik!
bammy 04.04.2009
4.
Zitat von sysopDer Discounter Lidl hat die Krankheiten von Mitarbeitern in firmeninternen Unterlagen festgehalten - obwohl das arbeitsrechtlich bedenklich ist. Das zeigt: Auch ein Jahr nach dem Spitzelskandal kämpft der Billiganbieter mit seiner Firmenkultur. Wie steht es um das Image des Unternehmens? Diskutieren Sie mit.
Wo haben Die die Daten her? Ohne Einverständnis des Betroffenen geht gar nichts. Es sei denn, er hat es selber angegeben.
carlosowas, 04.04.2009
5. Überwachung anderer
Es ist halt so, wie ich das schon seit Jahren immer wieder hier schreibe: Die einfachste Tätigkeit und dazu noch unheimlich interessant ist, andere zu überwachen. Das war schon immer und überall so. Und deshalb drängen so viele in diese Berufe. Vorschriften, Gesetze usw. erlassen und dafür sorgen, dass diese eingehalten wird. Überlegen Sie mal, ob Sie in Ihrem eigenen Beruf nicht wenigstens teilweise auch mit Überwachung im weitesten Sinne beschäftigt sind. Wir können uns das auch leisten, weil wir so viele Automaten und Maschinen haben, die für uns die wirklich notwendige Arbeit ohne zu murren machen.
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