Krankenhaus-Reform Schmerzhafte Einschnitte

Einem Drittel aller deutschen Kliniken droht das Aus, glaubt die Unternehmensberatung McKinsey. Besonders kommunale Häuser stehen unter Druck, ihre Effizienz zu steigern. Klinik-Manager sollen die Reformen vorantreiben - ein Ortstermin bei einem Krankenhaus-Chef neuer Schule.

Aus Neumarkt berichtet Tim Höfinghoff


Neumarkt in der Oberpfalz - Langsam wandert der Katheterdraht durch die Vene. Ein Bildschirm liefert das Röntgenbild dazu. Der Kardiologe schiebt den Draht in der Ader des Patienten weiter bis ins Herz. "Die Gefäße sind verkalkt, da sind zwei hochgradig enge Stellen", sagt Chefarzt Peter Grewe. Kein Wunder, dass der 60-Jährige Mann auf dem OP-Tisch über Beschwerden klagte. Grewe blickt zum Monitor. "Das müssen wir auf jeden Fall dehnen."

Herzkatheterlabor (Archivfoto): Lockmittel von Kliniken neuen Typs
DPA

Herzkatheterlabor (Archivfoto): Lockmittel von Kliniken neuen Typs

Verkalkte Herzkranzgefäße per Katheter zu untersuchen – das gehört im Klinikum Neumarkt in der Oberpfalz noch nicht lange zum Standard. Die Röntgenanlage dafür gibt es erst seit 14 Monaten. "Das ist die einzige Anlage im gesamten Landkreis", sagt Grewe. Würde das Klinikum solche Untersuchungen nicht anbieten, müssten Patienten bis nach Regensburg, Ingolstadt oder Nürnberg-Erlangen fahren.

Die Reise wäre für viele Patienten wohl zu verkraften. Doch der Manager des Klinikums freut sich, dass solche Eingriffe nun auch in seinem Haus möglich sind: "Regensburg und Nürnberg, das sind Konkurrenten", sagt Peter Weymayr. Neue Angebote wie die Katheter-Untersuchung sollen zusätzliche Patienten anlocken und die Existenz des Krankenhauses sichern.

130.000 Menschen leben in Neumarkt. Das kommunale Klinikum ist ein mittelgroßes Krankenhaus zur Schwerpunktversorgung: Bis auf Spezialfälle - wie in der Herz- und Neurochirurgie - steht alles zur Behandlung bereit. 435 Betten gibt es und 900 Mitarbeiter, die sich im vergangenen Jahr um 17.000 stationäre Patienten kümmerten.

"Da ist noch einiges rauszuholen"

Die Probleme hier sind typisch für den Rest der Republik: Krankenhäuser müssen ihre Kosten drastisch senken, um bestehen zu können. Nach einer Studie der Unternehmensberatung McKinsey droht einem Drittel der 2000 Kliniken das Aus. Nur wer sich spezialisiert oder kooperiert, habe eine Chance. "Besonders die Situation von kommunalen Kliniken ist schwierig", sagt Krankenhausexperte Stefan Vierig von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young.

Kosten senken im Gesundheitswesen – aber richtig
Im deutschen Gesundheitswesen steckt viel Verschwendung, Sparen tut Not – das ist unbestritten. Allzu oft werden aber gestiegene Kosten auf die Patienten abgewälzt, weil das die einfachste Lösung ist. Für wirkliche Reformen, die mehr Effizienz schaffen, aber Interessengruppen vergrätzen oder mit Traditionen brechen, fehlt oft der Mut.

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Jahrzehntelang haben vor allem Politiker in den Krankenhäusern den Ton angegeben. Modernes Management stand nur selten auf dem Programm: "Grundsätzlich wirtschaften kommunale Häuser nicht schlechter", sagt Vierig, "doch als Teil einer Kommune wurden sie eher verwaltet." Die Folge: Viele Häuser schreiben rote Zahlen. Und: "Was die Abläufe in den Kliniken angeht, ist noch einiges an Effizienzsteigerungen rauszuholen."

Seit 2004 gibt es zudem die sogenannten Fallpauschalen. Krankenhäuser können nicht mehr nach Behandlungstagen abrechnen, sondern Krankenkassen zahlen für Hüft-OP, Katheteruntersuchung oder Herzinfarkt lediglich einen Festbetrag. Das zwingt zu Effizienz. Kommt ein Krankenhaus mit dem Geld nicht aus, muss es die Kosten senken. Viele Kommunen haben ihre Krankenhäuser schon verkauft. Oft haben private Klinikbetreiber wie Rhön, Fresenius und Helios zugeschlagen. Sie haben den Ruf, marode Krankenhäuser schnell zu sanieren.

Landrat darf weiterhin mitreden

Auch in Neumarkt hatte Helios angeboten, das Klinikum zu übernehmen. Doch der Landkreis als Träger des Krankenhauses heuerte vor drei Jahren eine Beratungsfirma an - inklusive Klinik-Manager Weymayr. "Die Privaten waren hier nicht gewollt", sagt Landrat Albert Löhner (CSU). Die Befürchtung der Politiker: Ein privater Anbieter könnte zu radikal vorgehen, viele Stellen streichen und seine Entscheidungen lediglich nach betriebswirtschaftlichen Gründen treffen.

Klinik-Manager Weymayr: "Erst Dreiviertel des Weges erreicht"
SPIEGEL ONLINE

Klinik-Manager Weymayr: "Erst Dreiviertel des Weges erreicht"

So hat im Klinikum auch Landrat Löhner als Vorsitzender des Verwaltungsrates immer noch ein gewichtiges Wort mitzureden. Doch dem Klinik-Manager will er genug "Handlungsspielräume lassen". Aus dem Landratsamt könne schließlich niemand ein Krankenhaus gut führen, dafür habe man sich Profis gesucht: "Um bestehen zu können, muss man wirtschaftlich arbeiten und die Effizienz erhöhen." Weymayr drückt sich beim Thema Politik vorsichtig aus: Den Spagat zwischen den Wünschen des Klinik-Verwaltungsrats mit 14 Kreisräten, der Management-Firma und dem Krankenhaus-Personal nennt er "reizvoll". Und: "Dieser Balanceakt kann schwierig sein."

Dabei "arbeiten wir auch nicht anders als die Privaten", sagt Weymayr. Zwar würden private Klinikchefs "oft mehr rauspressen", weil sie flugs Tarifverträge kündigten. Doch auch in Neumarkt mussten die Kosten runter. Im Labor sparte das Krankenhaus dank neuer Verträge 500.000 Euro ein. "Sparen allein reicht aber nicht", sagt Weymayr. Deshalb investierte er drei Millionen Euro: Seitdem gibt es den neuen Katheter-OP-Platz sowie neue Fachärzte in der Kardiologie und Neurologie. Außerdem ist die Radiologie seit dem vergangenen September komplett digitalisiert. "Besonders die neue Radiologie ist ein Quantensprung für das Krankenhaus gewesen", sagt Weymayr. Und durch den neuen Katheter-Behandlungsplatz "hatten wir im vergangenen Jahr 1000 zusätzliche Untersuchungen".

Gesundheitsministerin drängt auf Einsparungen

In den Budgetverhandlungen mit den Krankenkassen versucht Weymayr für die Mehrarbeit nun zusätzlich Geld locker zu machen. Das wird schwierig. Denn auch Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) drängt darauf, weiter zu sparen. "Ich weiß nicht, ob ich die schwarze Null erreichen werde", sagt Weymayr. Zudem streiken die Ärzte immer noch für ein höheres Gehalt und die Energiepreise klettern weiter. "Wir haben erst Dreiviertel des Weges erreicht", sagt der 39-Jährige. Es sei eben stets ein "Weg der Kompromisse".

Dabei lobt selbst der Personalratsvorsitzende die Reformen: "Es wäre nicht so weitergegangen wie bisher", sagt Richard Feihl von der Gewerkschaft Ver.di. Die Veränderungen "waren aber auch schmerzhaft". So beklagt der Gewerkschafter, dass "in der Pflege Stellen reduziert wurden". Obwohl mehr Patienten auch zusätzliche Arbeit bedeuten: "Der Leistungsdruck für das Personal steigt", sagt Feihl.

Doch Entscheidungen, wie die Gründung einer neuen Servicegesellschaft für Küche, Wäsche und Lager, findet auch bei Feihl viel Zustimmung. Die Mitarbeiter seien nun flexibler einzusetzen und konnten sogar neue Märkte erschließen: So liefert die Krankenhaus-Küche inzwischen auch Essen für die Schulen in Neumarkt und sichert damit Arbeitsplätze in der Krankenhaus-Küche.



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