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Kreditklemme: Europas Steuerzahler müssen Milliarden für Bankenkrise zahlen

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Europa gerät in den Sog der Finanzkrise: Mit Milliardenpaketen verhindern Deutschland, Großbritannien und die Benelux-Staaten den Kollaps weiterer Banken. Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger ruft nach einer Not-Zinssenkung. Der Haushaltsausschuss in Berlin beruft eine Krisensitzung ein.

Hamburg - Hypo Real Estate, Fortis, Bradford & Bingley: Die Finanzkrise erwischt in immer schnellerem Takt auch europäische Konzerne. Zu Wochenbeginn stehen in der Alten Welt gleich drei Geldhäuser am Abgrund. Auf den Finanzmärkten droht eine Kreditklemme.

Logos europäischer Krisenbanken: Die Krise beschleunigt sich - und greift auf Europa über
AFP

Logos europäischer Krisenbanken: Die Krise beschleunigt sich - und greift auf Europa über

Um das europäische Finanzsystem vor dem Kollaps zu bewahren, müssen Regierungen quer durch Europa gegensteuern - in London, Deutschland, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden startete der Staat zu Wochenbeginn spektakuläre Rettungsaktionen:

  • Die britische Regierung verstaatlicht die Hypothekenbank B&B in weiten Teilen. Im Gegenzug übernimmt sie faule Kredite im Umfang von umgerechnet rund 63 Milliarden Euro.
  • Die Regierungen von Belgien, Luxemburg und den Niederlanden kaufen für elf Milliarden Euro große Teile des taumelnden Finanzkonzerns Fortis.
  • In Deutschland bürgt die Regierung für ein riesiges Kreditpaket, mit dem ein Bankenkonsortium die Münchner Hypo Real Estate vor dem Kollaps bewahren will.

Die neuen Hiobsbotschaften schlagen auch auf die politische Rhetorik durch. "Die Auswirkungen der Finanzkrise auf Deutschland sind weit größer als zunächst angenommen", sagt Dagmar Wöhrl, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, SPIEGEL ONLINE.

Ausgerechnet eine CSU-Politikerin findet deutlichere Worte für die Krise als beispielsweise Peer Steinbrück (SPD) - das liegt wohl auch daran, dass der größte Brandherd der Finanzkrise mit der Münchner Hypo Real Estate derzeit in Bayern liegt.

Milliardenschwere Staatsbürgschaft für die HRE

Aber eben nicht nur daran. Auch den Haushaltsausschuss des Bundestags beschäftigt das Thema Finanzkrise. Am Dienstagnachmittag trifft er sich zu einer Sondersitzung. Wie SPIEGEL ONLINE aus mit der Sache vertrauten Kreisen erfuhr, werden an dieser unter anderem Steinbrück, Bundesbankpräsident Axel Weber und Jochen Sanio teilnehmen, der Präsident der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Wichtigster Tagesordnungspunkt der wahrscheinlich geheimen Sitzung ist die Staatsbürgschaft der Hypo Real Estate. Insidern zufolge sind zur Rettung der Bank bis zu 35 Milliarden Euro notwendig. Die Staatsgarantie besteht nach Angaben des Finanzministeriums aus zwei Teilen. Für den ersten Teil von 14 Milliarden Euro übernähmen die Banken 60 Prozent der Garantie und der Staat 40 Prozent. Für den zweiten Teil von 21 Milliarden Euro trete der Staat allein ein.

Im Klartext heißt das: Zur Refinanzierung der Münchner Hypo Real Estate wird die Kreditwürdigkeit des Staats eingesetzt. Ohne die Garantie, dass der Staat für die Kredite bürgt, bekämen die Retter der Hypo Real Estate das Geld gar nicht mehr zusammen. Und: Sollte die Hypo Real Estate das Geld letztlich nicht zurückzahlen können, muss der Steuerzahler den Schaden übernehmen.

Weitere deutsche Banken gefährdet

Der Beinahe-Bankrott der Hypo Real könnte zudem kein Einzelfall bleiben. "Wir dürfen die Krise nicht herbeireden", sagt Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, SPIEGEL ONLINE. "Schaut man sich aber die derzeitigen Mechanismen an, dann beschleunigt sich die Krise derzeit noch und zeigt zusehends auch in Europa und in Deutschland Auswirkungen." Auch sein Kollege Thomas Hartmann-Wendels, Bankenexperte an der Universität Köln, spricht von einer "Vielzahl von Faktoren", die die Krise in Europa vorantreiben.

  • Europäische und deutsche Privatbanken müssen durch den Handel mit Risikopapieren milliardenschwere Abschreibungen hinnehmen.
  • Sie haben zudem bankrott gegangenen US-Banken wie Lehman Brothers Kredite gewährt - und bleiben nun voraussichtlich auf den Schulden sitzen.
  • Durch die Zusammenbrüche zahlreicher Institute ist an den Finanzmärkten eine Atmosphäre des Misstrauens entstanden. Banken leihen sich untereinander immer weniger Geld, die Zinsen für Kredite steigen.
  • Dadurch funktioniert bei vielen Banken die Refinanzierung über den Kapitalmarkt nicht mehr - was unter anderem auch zur Beinahe-Pleite der Münchner Hypo Real geführt hat.
  • Durch den Abwärtsstrudel an den europäischen Aktienmärkten verlieren zusehends auch andere Wert- und Schuldenpapiere an Wert. Anleger überschwemmen die Märkte mit solchen Papieren, wodurch ein Überangebot besteht, was dazu führt, dass die Preise noch weiter sinken. Dadurch aber müssen alle Banken, die die Papiere ebenfalls im Portfolio haben, weitere Abschreibungen hinnehmen.

Nach Einschätzung von Burghof und Hartmann-Wendels stellen diese Faktoren für den europäischen Markt ein erhebliches Risikopotential dar.

Wie sicher ist die Commerzbank?

In Deutschland gibt es mindestens zwei Banken, deren Geschäftsmodell dem der HRE ähneln: die Essen Hypo und die Euro Hypo. Beide sind Tochtergesellschaften der Commerzbank. Sollten sie ins Schlingern geraten, wäre auch die deutsche Privatbank betroffen, die gerade die Allianz-Tochter Dresdner Bank für 9,8 Milliarden Euro übernommen hat. Die Pleite des Finanzgiganten Fortis hat gezeigt, dass auch Universalbanken wie die Commerzbank durch die Auswirkungen der Kreditkrise in arge Probleme geraten können.

Allerdings dürfte die Kapitaldecke der Commerzbank dicker sein als die der Hypo Real Estate. Denn das Institut finanziert sich weit weniger über den Kapitalmarkt. Nach eigenen Angaben verfügt die Commerzbank allein im Inland über Privatkundeneinlagen von 38,2 Milliarden Euro - die Dresdner Bank kommt auf Kundeneinlagen im Wert von 20 Milliarden Euro. Am Kapitalmarkt finanziert sich die Commerzbank vor allem über langfristige Pfandbriefe. Ein Commerzbank-Sprecher sagte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters: "Wir haben den Refinanzierungsbedarf im Konzern für 2008 bereits gedeckt."

Wirtschaftsweiser fordert Leitzinssenkung

Auch Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sieht in der Finanzkrise eine Belastung der europäischen Finanzmärkte. Um der Kreditkrise global entgegenzuwirken, fordert er drei konkrete Maßnahmen (siehe Toolbox).

Auch die Europäische Zentralbank ruft er zum Handeln auf. "Die EZB muss dafür sorgen, dass die Banken sich Geld zu deutlich niedrigeren Zinsen leihen können", sagt Bofinger SPIEGEL ONLINE. Das Problem sei, dass die EZB Geld im Versteigerungsverfahren verleihe, wodurch der tatsächlich zu zahlende Zinssatz weit über dem Leitzinssatz liege.

"Der Leitzins liegt bei 4,25 Prozent, Banken zahlen aber derzeit bei der EZB tatsächlich 4,78 Prozent Zinsen für Kredite mit einer Laufzeit von einer Woche", sagt Bofinger. "Wenn sich Banken am Markt Liquidität für drei Monaten beschaffen wollen, liegt der Zins derzeit sogar über fünf Prozent - das ist der höchste Zinssatz, seitdem es den Euro gibt."

Angesichts der angespannten Situation solle die EZB im Hauptrefinanzierungsgeschäft für eine Woche Geld per Festzinstender zur Verfügung stellen, sprich zum Leitzinssatz von 4,25 Prozent. Damit würde ein wichtiger Beitrag zu einer besseren Ertragssituation der Banken in einem sehr schwierigen Umfeld geleistet. Noch besser wäre es die Leitzinsen und die tatsächlich zu zahlenden Zinsen auf 3,75 Prozent zu senken.

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) trifft sich am Donnerstag turnusmäßig in Frankfurt, um über die weitere Geldpolitik für die Euro-Zone zu entscheiden. Experten rechnen trotz angespannter Lage nicht mit einer Zinssenkung.

Um die Auswirkungen der Kreditkrise auf Europa zu begrenzen, rät Bofinger zudem, ein ähnliches Hilfspaket zu schnüren wie in den USA. "Es ist meiner Meinung nach besser, dass auch in Europa der Staat faule Kredite übernimmt als dass weitere Banken zusammenbrechen, was den Steuerzahler dann noch mehr kosten kann", sagt Bofinger.

Bankenexperte Burghof rät in diesem Punkt zur Zurückhaltung. "Europäische Banken sollten zunächst versuchen, ihre Ansprüche über das US-Paket abzuwickeln." Allerdings sei es nicht abwegig, dass viele europäische Banken auf ihren faulen Krediten sitzen bleiben, da sie ihre Ansprüche in den USA nicht durchsetzen können. Wenn die Krise sich weiter zuspitze, sei ein europäisches Rettungspaket vermutlich unvermeidlich. "Und dann", so Burghof, "hätte Europa den maximalen Schaden."

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