Kreditkrise Bankensterben bedroht deutsche Wirtschaft

Lehman Brothers, AIG, HBOS: Ein Börsengigant nach dem anderen wird von der Finanzkrise erfasst, die Sicherheitsnetze des Geldkreislaufs reißen. Experten befürchten nun auch für Deutschland große Risiken - doch die Politik versucht zu beschwichtigen.

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Hamburg - Peer Steinbrück beschwichtigt. Deutschland sei gegen die Schockwellen aus den USA gut gewappnet, sagte der Finanzminister am Mittwoch im Bundestag. Entwarnung gibt der SPD-Mann allerdings nicht: "Wir wissen, dass es durch die schwere Bankenkrise zu einem konjunkturellen Abschwung kommen wird."

Frankfurter Skyline: Jeder, der gezockt hat, ist jetzt in Gefahr.
DDP

Frankfurter Skyline: Jeder, der gezockt hat, ist jetzt in Gefahr.

Seine Politikerkollegen verfolgen dieselbe Taktik. Sie beschwichtigen, geben aber keine Entwarnung. "Hier sitzt wirklich keiner und schlottert mit den Knien", heißt es aus Kreisen der SPD-Bundestagsfraktion. Steffen Kampeter, haushaltspolitischer Sprecher der Unionsfraktion sagt, er sehe "keinen Grund, in Panik zu verfallen". Die Bankenstruktur in Deutschland sei eine ganz andere als in den USA.

Wirtschaftsexperten sehen die Folgen des Lehman-Brothers-Crashs weitaus dramatischer: "Es ist zurzeit die Aufgabe der Politik, Ruhe auszustrahlen", sagt Dirk Schiereck, Finanzprofessor an der TU Darmstadt. "Das finde ich auch nicht verwerflich." Fakt sei aber, dass durch die platzende Spekulationsblase viele deutsche Banken "unvorhersehbaren Risiken" ausgesetzt sind.

Jeder, der gezockt hat, ist jetzt in Gefahr.

"Unvorhersehbare Risiken"

Und das Zocken ist längst nicht mehr Domäne der angelsächsischen Investmentbanken. Auch deutsche Landesbanken tätigen zusehends Risikogeschäfte. Und selbst die staatliche KfW - von Haus aus eine Förderbank - bietet unter dem Dach ihrer Ipex-Bank das gesamte Spektrum der Geschäfte einer internationalen Handelsbank an. Sie finanziert Projekte und Akquisitionen. Sie unterscheidet sich kaum von anderen Geschäftsbanken.

Hans-Peter Burghof, Bankenprofessor an der Universität Hohenheim, sieht das kritisch: Staats- und Landesbanken seien "oft nicht nah genug am Markt dran. Sie merken zu spät, wenn es brenzlig wird". Es sei schon deshalb wahrscheinlich, dass manche Landesbanken ihre Engagements bei US-Krisenkonzernen nicht rechtzeitig verkauft haben. Aktuelle Schätzungen bestätigen das (siehe Kasten).

Was passiert, wenn staatliche Banken das große Rad drehen, zeigt sich zudem gerade am Millionendesaster der KfW: Am Montag, wenige Stunden vor dem Total-Crash, der das aktuelle Finanzbeben ausgelöst hat, überwies die staatliche Bank Lehman Brothers einen Kredit über geschätzte 300 Millionen Euro.

KfW-Verwaltungsratsmitglied Jürgen Koppelin erwartet denn auch weitere Belastungen für die Staatsbank. "Ich fürchte, dass es nicht bei den 300 Millionen bleiben wird", sagte der FDP-Politiker dem "Tagesspiegel". Ohnehin werde die KfW 2008 einen Verlust ausweisen. Ob dieser über Steuergelder ausgeglichen werden müsse oder durch spätere Gewinne abgedeckt werden könne, sei noch offen.

"Da sind Dilettanten am Werk", sagt FDP-Haushaltspolitiker Hermann Otto Solms. Und Dilettanten darf man seiner Meinung nach keine riskanten Zockergeschäfte anvertrauen: "Die KfW muss in Zukunft das Geschäft als Förderbank und das private Bankgeschäft trennen", fordert Solms. "Sie sollte sich noch heute von der Ipex-Bank trennen."

Immerhin: Die Verluste durch etwaige Lehman-Brothers-Engagements dürften sich bei KfW und Landesbanken in Grenzen halten. "Es ist davon auszugehen, dass sie sich die für riskantere Geschäfte ein internes Limit setzen", vermutet Burghof.

Drohende Dominoeffekte

Das Problem: Dieses relativ geringe Risiko potenziert sich durch weitere Umbrüche an den Finanzmärkten. Nach der Lehman-Brothers-Pleite sind weitere Banken vom Konkurs bedroht. Morgan Stanley rauscht trotz vergleichsweise guter Quartalszahlen der Aktienkurs ab. Merril Lynch flüchtet unter das Dach der Bank of America. Goldman Sachs vermeldete am Dienstag einen Gewinneinbruch von 70 Prozent. Die Halifax Bank of Scotland (HBOS) könnte wegen Liquiditätsproblemen bald von ihrem Konkurrenten Lloyds übernommen werden.

Deutsche Banken drohen durch ihre Engagements also weitere Verluste - und niemand weiß genau, wie viele Einbußen sie noch verkraften können.

"Viel Luft dürfte in den Bilanzen nicht mehr sein", sagt Burghof. "Es ist anzunehmen, dass in den Bilanzen deutscher Banken viele Posten stecken, die höher bewertet sind als es die Marktsituation rechtfertigen würde." In der Bilanzierung ist das an sich eine gängige Praxis: Die Banken verschaffen sich so Zeit, andere Verluste zu verdauen. Nach und nach passen sie zu hoch bewertete Papiere dann wieder an deren reale Werte an - oder sie warten, dass die Papiere selbst wieder an Wert gewinnen.

Doch das Verschieben von Abschreibungen hat Tücken: "Es geht nur gut, wenn sich die Lage an den Märkten tatsächlich verbessert. Geschieht dies nicht, fliegen den Banken ihre gestreckten Bilanzen früher oder später um die Ohren", sagt Burghof.

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