Kreditkrise Politik stellt Rating-Agenturen an den Pranger

Zu spät, zu nachlässig, zu zaghaft: EU-Kommission und US-Politiker machen die großen Rating-Agenturen für die Kreditkrise und den Kurssturz an den Börsen verantwortlich. Sie hätten riskante Fonds geschont, Investoren nicht gewarnt - jetzt drohen Ermittlungen.

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Hamburg - Die Banken hatten schon im vergangenen Jahr vor einer Krise bei US-Krediten an Menschen mit geringer Bonität gewarnt. Die großen Rating-Agenturen zogen mit dieser Bewertung erst in diesem Frühjahr nach. Viel zu spät, sagen Kritiker nun - und werfen den Agenturen vor, ihre Macht missbraucht und zur aktuellen Krise beigetragen zu haben. Rating-Agenturen bewerten die Bonität von Firmen und beeinflussen damit, ob potentielle Investoren diesen Unternehmen Geld zur Verfügung stellen - und zu welchen Konditionen.

Aktienhändler an der New Yorker Börse: Krise in Folge falscher Bewertungen?
AFP

Aktienhändler an der New Yorker Börse: Krise in Folge falscher Bewertungen?

Die Vorgeschichte der aktuellen Krise: Jahrelang fachte die US-Notenbank mit ihrer Niedrigzinspolitik den Häuserboom in den USA an: Banken gaben massenhaft Kredite an Menschen, die sie sich eigentlich nicht leisten konnten, und verkauften die Kredite weiter an Investoren, die diese in ihre Fondsportfolios aufnahmen. Das Risiko lag damit nicht mehr bei den Kreditgebern, sondern am Kapitalmarkt. Die Rating-Agenturen bewerteten die entsprechenden Fonds zu lange zu gut. Sie stuften sie erst dann innerhalb weniger Tage drastisch zurück, als längst klar war, dass viele Kredite nicht zurückgezahlt werden würden. Panikartig zogen Investoren ihr Geld aus den Fonds. Plötzlich war die Krise da - und zog die Börsen weltweit nach unten.

Die EU-Kommission erwägt nun, mit gesetzlichen Regelungen für die Arbeit von Rating-Agenturen auf die Kreditkrise zu reagieren. Man werde untersuchen, ob die Agenturen tatsächlich zu spät vor den Problemen im US-Markt für sogenannte Subprimes (siehe Kasten) gewarnt hätten, sagte ein hochrangiger Vertreter der Kommission heute. Dass die Rating-Agenturen im vergangenen Jahr nicht reagiert hätten, obwohl es reichlich Warnsignale von Vertretern der Bankenbranche in den USA gegeben habe, sei auffällig. Eine Entscheidung über neue Gesetze wird im kommenden Jahr erwartet.

Wie diese gesetzlichen Regelungen aussehen sollen, ist allerdings noch rätselhaft. Sie wären zudem einen Systembruch: Bisher konkurrieren die Rating-Agenturen mit ihren Veröffentlichungen um Glaubwürdigkeit - auf einem freien Markt der Meinungen und Bewertungen. Fraglich ist auch, ob ein staatlich reguliertes Rating zutreffendere Aussagen zur Folge hätte, denn die Informationen, auf die zurückgegriffen würde, wären dieselben wie bisher.

Die Rating-Agenturen haben bereits nach dem Zusammenbruch des Enron-Konzerns reagiert: Agenturen wie die drei größten, Standard & Poor's, Moody's und Fitch, gaben sich einen Verhaltenskodex. Jetzt soll das auf den Prüfstand. Damals war von Interessenkonflikten die Rede, weil die Agenturen von den Firmen bezahlt werden, deren Kreditwürdigkeit sie bewerten sollen.

Jahrelang hatten die Agenturen den Energiekonzern als soliden Schuldner bewertet; noch fünf Tage vor der Enron-Insolvenz bescheinigten Standard & Poor's und Moody's dem Konzern eine gute Bonität.

EU-Binnenmarktkommissar Charlie McCreevy hatte wiederholt deutlich gemacht, dass er zunächst abwarten wolle, wie sich dieser Kodex in der Praxis bewährt. Im Juli traf er nun hochrangige Manager von Standard & Poor's und brachte seine Sorge über die Entwicklung der Kreditkrise und über die späte Reaktion der Rating-Agenturen zum Ausdruck. Im September sollen Vertreter von EU-Behörden über das weitere Vorgehen beraten, heißt es aus McCreevys Umfeld. "Sollten die Rating-Agenturen glauben, dass es für sie keine Konsequenzen geben wird, dann liegen sie falsch", zitiert die "Financial Times" ("FT") einen Vertreter der EU-Kommission. "Der Subprime-Markt wäre ohne die guten Ratings, die manche Agenturen vergeben haben, nicht so stark gewachsen."

Auch das Bundesfinanzministerium denkt über eine Überprüfung der Arbeit von Rating-Agenturen nach. Noch sei es aber zu früh, um zu beurteilen, ob gesetzliche Regelungen nötig seien.

Subprime

Als Subprime werden Schuldner mit niedriger Bonität bezeichnet, arme Menschen, die sich den Kredit, den sie aufnehmen, eigentlich nicht leisten können. Dieser Sektor des Kreditmarktes entwickelte sich seit Anfang Juni 2003 in den USA, nachdem der damalige US-Notenbank-Chef Alan Greenspan den Leitzins auf ein Prozent abgesenkt hatte. Dadurch nahmen plötzlich viele Menschen Kredite für Hypotheken auf - ohne zu bedenken, dass sie diese später, bei höheren Zinsen, wieder zurückzahlen müssten. Derzeit sind weltweit noch Ramschhypotheken im Wert von 1,8 Billionen Dollar im Umlauf.

Der "FT" zufolge will auch die US-Politik die Rolle der Rating-Agenturen genauer untersuchen. Im kommenden Monat werde es Anhörungen geben, die die Leistungen der Agenturen erörtern sollen, schreibt die Zeitung unter Berufung auf den demokratischen Politiker Barney Frank. Demnach hätten die Agenturen in der derzeitigen Krise "keine gute Arbeit geleistet".

Laut "FT" haben die Rating-Agenturen ihre Methoden der Bewertung - die sie als Betriebsgeheimnis hüten - als Reaktion auf die Kreditkrise geändert. Eine Abwertung erfolge aber nur, wenn genügend Hinweise sie rechtfertigten; eine Abwertung aufgrund von Spekulationen gebe es nicht.

Die Agenturen wehren sich unisono gegen den Vorwurf, sie hätten die Krise mitzuverantworten, mit Verweis auf das Recht auf freie Meinungsäußerung. Und genau das sei es, was die Bewertungen seien: reine Meinungsäußerungen, nichts anderes.

Mit Material von Reuters



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