Kreditkrise Soros sieht US-Wirtschaft am Abgrund

Mega-Investor George Soros hält die Finanzkrise für die schlimmste seit den dreißiger Jahren. Zwar widerspricht US-Notenbankchef Bernanke, doch die jüngsten Ereignisse bestätigen den legendären Spekulanten: Auch die fünftgrößte US-Bank Wachovia braucht eine Milliardenspritze.

Von , New York


New York - Sie hassen oder lieben ihn. Die einen nennen ihn einen "wirtschaftlichen Kriegsverbrecher", einen "Blutsauger" und eine "Bedrohung für die Demokratie". Die anderen rühmen ihn als einen Meisterinvestor und großzügigen Philanthropen, als "Mega-Spender" und "bescheidenen Milliardär".

Milliardär Soros: "Schlimmste Krise zu meinen Lebzeiten"
REUTERS

Milliardär Soros: "Schlimmste Krise zu meinen Lebzeiten"

So oder so: George Soros lässt sich nicht den Mund verbieten. Der streitbar-vorlaute Spekulant, der 1992 massiv gegen das britische Pfund wettete, damit rund eine Milliarde Dollar verdiente und über Nacht zur globalen Investment-Legende wurde, hat aus seinen Ansichten nie einen Hehl gemacht. Weder politisch (entschieden linksliberal) noch ökonomisch (entschieden gegen den Strom).

Es sind diese kontroversen Ansichten, mit denen sich Soros auch jetzt, nach längerer Stille, plötzlich wieder ins Rampenlicht drängt. Und zwar, indem er gegen die offizielle Sprachregelung anstänkert, die US-Konjunktur werde das Schlimmste schon bald hinter sich haben. Soros' Attacken richten sich namentlich gegen Notenbankchef Ben Bernanke, der für "die zweite Hälfte dieses Jahres und nächstes Jahr" wieder neues Wachstum prognostiziert.

Soros widerspricht vehement. "Ich sehe dies als die schlimmste Krise zu meinen Lebzeiten", sagt der gebürtige Ungar, der seit 1956 in den USA lebt. "Früher sind wir aus so etwas relativ leicht herausgekommen. Diesmal glaube ich, dass wir das Ende des Weges erreicht haben."

Der 77-Jährige verbreitet diese finanzielle Armageddon-Warnung seit voriger Woche unermüdlich, in Interviews, Essays, Kolumnen - und nun auch in seinem neuesten Buch, das am Wochenende als eBook online erschien und im Mai in den regulären Handel kommt. "The New Paradigm for Financial Markets - The Credit Crisis of 2008 and What It Means" ("Das neue Paradigma für Finanzmärkte - Die Kreditkrise von 2008 und was sie bedeutet") heißt es, und es beginnt mit der düsteren Feststellung: "Wir stecken in der schwersten Finanzkrise seit den dreißiger Jahren."

Milliardenhilfe für Wachovia

Wie prägnant dieses Postulat ist, zeigte sich erneut an diesem Montag, als die nächste US-Großbank mit in den Strudel geriet: Wachovia, die fünftgrößte Bank des Landes, vermeldete Quartalsabschreibungen von zwei Milliarden Dollar. Der Grund, so Vorstandschef Ken Thompson: "Beispiellose wirtschaftliche Bedingungen."

Thompson bestätigte, dass Wachovia sich außerdem über Aktienverkäufe eine Kapitalspritze in Höhe von sieben Milliarden Dollar beschaffen werde. Im Gegenzug, so berichtete das "Wall Street Journal", sollen Fremdinvestoren - darunter wohl auch Private-Equity-Firmen - Wachovia-Anteile zum reduzierten Sonderpreis von je 23 bis 24 Dollar erhalten. Einen ähnlichen Deal hatte die Bank Washington Mutual vorige Woche festgeklopft.

Abschreibungen und Verluste ausgewählter Banken in Milliarden Dollar*

Unternehmen Abschreibungen Kreditverluste Gesamt
UBS 38 / 38
Merrill Lynch 25,1 / 25,1
Citigroup 21,4 2,5 23,9
Morgan Stanley 12,6 / 12,6
HSBC 3 9,4 12,4
IKB 9,1 / 9,1
Washington Mutual 0,3 8,4 8,7
Bank of America 7,3 0,9 8,2
Deutsche Bank 7,5 / 7,5
Credit Agricole 6,6 / 6,6
Credit Suisse 6,4 / 6,4
JPMorgan Chase 2,9 2,1 5
Wachovia 2,9 2 4,9
Canadian Imperial (CIBC) 4,1 / 4,1
Société Générale 3,9 / 3,9

Quelle: Bloomberg
*Stand: 10.04.2008

Ironischerweise werden die Wachovia-Turbulenzen ausgerechnet zu dem Zeitpunkt publik, da Soros die PR-Kampagne für sein neues Buch mit einem langen Exklusivporträt in der "New York Times" flankieren lässt. Darin spricht er erneut von einer finanziellen "Superblase", die seit einem Vierteljahrhundert schon gäre und dieser Tage unweigerlich platzen werde.

Zugleich beklagt sich Soros allerdings auch mit leicht bitterem Unterton, dass seine Prognosen nicht so ernst genommen würden, wie sie es verdienten: "Es ist schwierig für, sagen wir, Akademiker, zu akzeptieren, dass ein Hedgefondsmanager tatsächlich was über die Wirtschaft zu sagen hat", erklärt er. "Es ist für mich schwer gewesen, das zu überwinden."

Die Überschrift des Artikels lässt keinen Zweifel, was zumindest die "New York Times" von seinen jüngsten Unkenrufen hält: "Das Gesicht eines Propheten".

Der Superboom gerät außer Kontrolle

Soros stützt seine düsteren Ansichten auf seine alte "Theorie der Reflexivität", die die Verhaltensregeln für Finanzmärkte auf den Kopf stellt. Erstmals vor 20 Jahren in seinem Buch "Die Alchemie der Finanzen" dargelegt, widerspricht diese These der Annahme, dass Finanzmärkte ihre eigenen Exzesse automatisch korrigierten und stets ein Gleichgewicht anstrebten. Das Gegenteil ist richtig, postuliert Soros: Die Psychologie der Akteure führe stattdessen zu mehr "Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit".

Und jedes Mal, wenn dies geschehe, so Soros weiter, intervenierten die Finanzbehörden, indem sie Liquidität ins System pumpten und die Wirtschaft anderweitig ankurbelten. Dieser "Superboom" sei nun aber außer Kontrolle geraten, da viele der neuen Kreditvehikel so kompliziert seien, dass weder der Staat noch die Banken das Risiko mehr richtig berechnen könnten. Erschwerend komme die weltweite Dollarflucht hinzu. "Dies", sagt Soros, "ist eine von Menschen gemachte Krise."

Die angekündigte Bankenreform der US-Regierung, die der Notenbank mehr Macht geben soll, um künftige Kreditkrisen zu vermeiden, hält Soros für unzureichend. "Sie verfehlt im Wesentlichen das Ziel", sagte er dem TV-Wirtschaftssender CNBC. "Wir brauchen neues Denken, nicht das bloße Umkrempeln der Aufsichtsautoritäten."

Zwei Jahrzehnte lang, schimpft Soros, sei er von Kritikern verlacht worden. Doch nicht mehr länger - die aktuelle Konjunkturflaute gebe ihm endlich Recht: "Jetzt ist es an der Zeit."

Auch für Soros selbst geht es um viel. Das Magazin "Forbes" schätzte sein Privatvermögen für 2007 auf 8,8 Milliarden Dollar und setzte ihn damit auf Platz 77 der 400 reichsten Amerikaner. Ein Großteil dieses Geldes ist in seinem Quantum Endowment Fund angelegt, der derzeit rund 17 Milliarden Dollar umfasst. Voriges Jahr erwirtschaftete der Fonds eine Rendite von 32 Prozent - wesentlich mehr als durchschnittliche Hedgefonds mit 10,4 Prozent.

Dies, so berichtet die "New York Times", sei auch eine Folge seiner weisen Voraussicht gewesen. So habe Soros im Sommer 2007 an einem Lunch mit 20 prominenten Finanziers teilgenommen. Soros sei einer von nur zwei Anwesenden gewesen, die eine US-Rezession prophezeit hätten. Auch habe er die Investmentstrategie seiner Fonds geändert, indem er schon damals auf einen Abschwung setzte - daher stammen die stattlichen Jahresgewinne.

Soros' größte Coups waren jedoch seine massiven Währungsspekulationen mit dem britischen Pfund (1992) und dem thailändischen Baht (1996). Die Geschäfte verschafften ihm viele Feinde. Ob es ihn störe, dass er Menschen wirtschaftliche Schmerzen bereitet habe, fragt ihn die "New York Times". "Ja", antwortet Soros, "in der Tat, das tut es."

Immerhin versucht er mit seinem Vermögen viel Gutes zu tun: Mehr als sechs Milliarden Dollar hat Soros bisher nach einer Schätzung von "Time" für wohltätige Zwecke gespendet. Im Jahr 2004 steckte er außerdem rund 27 Millionen Dollar in den Versuch, die Wiederwahl von US-Präsident George W. Bush zu verhindern, indem er linksliberale Interessengruppen wie MoveOn.org finanzierte. Dieses Jahr hat er sich an die Seite des demokratischen Kandidaten Barack Obama gestellt, bleibt jedoch im Hintergrund.

Stattdessen präsentiert sich Soros nun als Konjunkturorakel. "Es kann gut sein, dass ich erneut widerlegt werde", sagt er der "NYT" unter Hinweis auf zwei seiner früheren Rezessionsvoraussagen, die sich dann nicht bestätigten. "Dann habe ich eben dreimal falschen Alarm geschlagen."



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