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Wirtschaftliche Folgen der Krim-Krise: "Das würde die Weltordnung durcheinanderbringen"

Russische Soldaten auf der Krim: Druckmittel Öl und Gas Zur Großansicht
AFP

Russische Soldaten auf der Krim: Druckmittel Öl und Gas

Die Angst vor einem Krieg um die Krim hat auch die Investoren erfasst. Im Interview erklärt der Ökonom Dennis Snower, was die Krise in der Ukraine für die Weltwirtschaft so gefährlich macht - und warum die EU dem Land helfen wird.

Zur Person
  • DPA
    Dennis Snower, 63, ist Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft. Der US-Amerikaner wurde in Wien geboren und studierte in Oxford und Princeton. Er forscht unter anderem zu Arbeitslosigkeit und Inflation.
SPIEGEL ONLINE: Die Aktienmärkte in Europa sind ins Minus gerutscht. Warum ist die Sorge um die wirtschaftlichen Auswirkungen des Ukraine-Russland-Konflikts so groß?

Snower: Die wirtschaftliche Bedeutung der Ukraine ist eigentlich sehr gering. Gerade mal ein halbes Prozent der deutschen Exporte geht dorthin. Die Weltwirtschaft ist derzeit aber in einem labilen Zustand. Wenn da eine zusätzliche Unsicherheit hinzukommt, ist das schädlich. Die Investoren werden vorsichtiger, verlangen wieder höhere Risikozuschläge oder stellen Investitionsentscheidungen gleich ganz zurück.

SPIEGEL ONLINE: Auch in Russland drohen durch die Krise wirtschaftliche Verwerfungen. Der Kurs des Rubel ist auf ein neues Rekordtief gefallen. Auf den Aktienmärkten geht es ebenfalls steil nach unten. Was bedeutet eine strauchelnde russische Wirtschaft für den Westen?

Snower: Russland ist ökonomisch eine ganz andere Größenordnung als die Ukraine. Es gehört nicht nur zu den wichtigsten Handelspartnern der Bundesrepublik, sondern ist auch ein wichtiger Lieferant von Erdgas und Erdöl. Russland exportiert mehr Öl als Saudi-Arabien. Wenn diese Lieferungen gekürzt werden, würde das den Ölpreis deutlich nach oben treiben.

SPIEGEL ONLINE: Wird Russland den Öl- oder Gashahn für Westeuropa zudrehen?

Snower: Ich glaube nicht, dass Russland den Öl- und Gashandel als politisches Druckmittel nutzt. Das hat die Regierung in Moskau auch in der Vergangenheit nicht getan, und das ist auch nicht im Interesse des Landes.

SPIEGEL ONLINE: Im Konflikt um die Halbinsel Krim ist das Militär bereits beteiligt, wenn auch noch nicht mit gewaltsamen Mitteln. Was hieße es für die Weltwirtschaft, wenn es zum Krieg käme?

Snower: Ein Krieg um die Krim hätte unüberschaubare außenpolitische Folgen. Die USA haben schon mit einem Eingreifen gedroht. Das würde die Weltordnung durcheinanderbringen und auch die Wirtschaft schwer treffen. Vor allem die psychologischen Effekte sind dabei wichtig. Sie verstärken eine schwierige Lage oft noch. Zuerst werden die Investoren unsicher und halten ihr Geld zusammen, dann sinken die Aktienkurse und die Verbraucher konsumieren weniger. Wenn sich so eine Spirale in Gang setzt, könnte es drastische Auswirkungen haben. Aber das ist derzeit schwer vorhersehbar. So einen Konflikt hat es schließlich noch nie gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Selbst ohne Krieg droht der Ukraine der Staatsbankrott. Investoren haben massenhaft Geld abgezogen, die Banken geraten ins Wanken, die Devisenreserven schmelzen dahin. Wie lange kann das Land noch ohne fremde Hilfe finanziell überleben?

Snower: Ohne Hilfen ist eine Staatsinsolvenz sehr wahrscheinlich. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat nun Experten ins Land geschickt, um die Lage zu prüfen.

SPIEGEL ONLINE: Muss die EU dem Land helfen, um eine Katastrophe an den Finanzmärkten zu vermeiden?

Snower: Die Auswirkungen einer Staatsinsolvenz wären für Westeuropa überschaubar, aber für die Ukraine wären sie katastrophal. Deshalb sieht sich die EU in der Pflicht, mögliche Hilfen des IWF zu flankieren. Gerade weil die Ukraine wirtschaftlich so klein ist, lässt sich eine Staatsinsolvenz ja auch relativ leicht verhindern, wenn man nur früh genug hilft.

Die umkämpfte Krim

Das Interview führte Stefan Kaiser

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Ökonom
juerler@saxonia.net 04.03.2014
Zitat von sysopAFPDie Angst vor einem Krieg um die Krim hat auch die Investoren erfasst. Im Interview erklärt der Ökonom Dennis Snower, was die Krise in der Ukraine für die Weltwirtschaft so gefährlich macht - und warum die EU dem Land helfen wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/krim-konflikt-dennis-snower-ueber-putin-ukraine-und-weltwirtschaft-a-956725.html
Lieber Ökonom, es geht nicht nur um die Hilfe sondern auch (siehe IWF) wie kann die Hilfe zurückgezahlt werden. Die Inovation der Produktion ist so gering, das Westeuropa und die Amis kein Interesse am Import ukrainischer Waren haben. Eine Modernisierung wäre nur über Jahrzehnte möglich. Wie soll die Hilfe (in dieser angespannten Finanzsituation der EU und der Amerikaner) durch die Ukraine zurück gezahlt werden???? IN der Situation noch Reformpläne von der Ukraine zu fordern ohne eine neue Revolution oder einer Überflutung von Armutsflüchtlingen nach Polen zu riskieren ist nicht nur mir schleierhaft. Der Schuß die Ukraine als Puffer für die Amerikaner einzusetzen ist, da hilft kein Jammern und Schreien, nun zum zweiten Mal schief gegangen. Es wundert mich nur, das bei den hervorragenden Universitäten und Instituten in der USA wiedermal so eine Fehlkalkulation heraus kam. Die Fehleinschätzungen häufen sich und machen nicht nur mir angst.
2. Und...
Altesocke 04.03.2014
wieder eine Systemrelevanz, die es nicht erlaubt, in die Insolvenz geschickt zu werden. Reines Bankeninteresse, das hier dargestellt wird. Die werden ihre 'Investitionen' an die EU los. Ueberlasst die Ukraine dem Meistbietenden. Das ist derzeit Russland. Die Amis wollen nicht wirklich da rein. Da muessten schon die Europaere ihre Euros drin versenken.
3. Nur mal ne blöde Frage
Dengar 04.03.2014
Wer ordnet denn die Welt? Goldman-Sachs, Banken? Google, Facebook? Monsanto, Waffenschmieden, IRGENDWELCHE Firmen? - Wir alle müssen hier irgendwie (über)leben, da ist mir eine Wirtschaft, die den Menschen versklavt, echt scheißegal. Solln se doch alle den Bach runtergehen!
4. ahja
ralphofffm1 04.03.2014
Amerikaner und Ökonom. Ist das nicht ein Widerspruch? Die Investoren werden vorsichtiger..und die Weltwirtschaft ist einem labilen Zustand.. Today i heard the news again..it s always trouble in America... Ich denke langfristig führt uns nur eine Totalversklavung der Weltbevölkerung aus der Kirse. Erst wenn jeder BEDINGUNGSLOS den Interessen des Kapitals folgt , wird es endlich besser werden. Ironie off... Ernsthaft..wer glaubt noch das dieses System der Schuldensklaverei und gezielten Desinformation lange weitermachen kann?
5.
pepe_sargnagel 04.03.2014
Zitat von sysopAFPDie Angst vor einem Krieg um die Krim hat auch die Investoren erfasst. Im Interview erklärt der Ökonom Dennis Snower, was die Krise in der Ukraine für die Weltwirtschaft so gefährlich macht - und warum die EU dem Land helfen wird. http://www.spiegel.de/wirtschaft/krim-konflikt-dennis-snower-ueber-putin-ukraine-und-weltwirtschaft-a-956725.html
Er spricht von: Angst - Unsicherheit - Wahrscheinlich - Erwartungen Nun ja - all diese Begriffe sind sehr subjektiv. - Angst hat fast jeder: Aber auch jeder vor verschiedensten Dingen. - Unsicherheit: Nun ja. Nur der Tod ist sicher. - Wahrscheinlich: Wahrscheinlich ist der Tod! Sehr wahrscheinlich sogar! Aber ansonsten basiert alles auf der Phantasie des Befragten. - Erwartungen: Die erfüllen sich - oder eben nicht. Das Problem ist doch, dass die Spielregeln (der Marktwirtschaft) nicht mehr gelten. Sie werden für jeden Fall neu ausgelegt. Also sollte man nicht ökonomisch argumentieren. Man sollte eher aus der Sicht der Rgulatoren und Investoren, welche gemeinsam die Gesetze erstellen, argumentieren. Wenn Politik und Investoren es so wollen, dann werden sie mit allen Druckmitteln ihre höchsteigenen Erwartungen herbeiführen. Wenn sie es anders wollen, dann werden sie ein anderes Ergebnis herbeiführen. Hauptsache das führt dazu, dass man weiterhin gemeinsam die Regeln aufstellt und nicht wirklich einem Regelwerk (bspw. der Haftung und der Eigenverantwortung wie in der Marktwirtschaft) unterwirft. Nun ja: Nun mag das ja so sein, dass ein Krieg bevorsteht. Aber wieso fragt man dann keinen Politiker oder Historiker, sondern einen Ökonomen. Der sollte alles tun, dass der Rahmen für alle gleich bleibt. Alles andere sollte er anprangern: Da es die Marktwirtschaft als solche zersetzt und Marktversagen herbeiführt. Verschiedenste (exogene) Schocks wird es immer geben - aber die Spielregeln sollten dennoch immer die gleichen bleiben. Das verstehen viele Ökonomen unter Strukturkonstanz und auch viele Unternehmen unter Verlässlichkeit und Planbarkeit. Wieso sollte man denn ein erfolgreiches Unternehmen gründen, wenn es morgen dann den Politikern und den Investoren zum Fraß vorgeworfen wird? Soll heißen: Wenn das Unternehmen zu erfolgreich ist und zu einer ernsthaften Konkurrenz wird, dann ändern die "Mächtigen" einfach die Regeln. Wahrscheinlichi führt diese Erwartung zu einer Angst vor einer zukunftsträchtigen Gründung, wegen der Unsicherheit bei der Planung (um alle 4 Begriffe, die ich zu Beginn eingeführt habe nochmal zu verwenden)
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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Eskalation in der Ukraine - Chronologie der Krise
Donnerstag, 20. Februar

Sicherheitskräfte eröffnen in Kiew das Feuer auf Demonstranten. Fast 80 Menschen werden getötet. Damit eskalieren die wochenlangen Proteste in Kiew, die sich auch daran entzündeten, dass Präsident Wiktor Janukowitsch das Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterzeichnen wollte. Die Europäische Union beschließt individuelle Sanktionen gegen Verantwortliche für die Gewalt. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) und seine Kollegen aus Frankreich und Polen beginnen eine Vermittlungsmission.

Freitag, 21. Februar

Auf Vermittlung der drei europäischen Außenminister und eines russischen Abgesandten unterzeichnen die Oppositionsführer und Präsident Wiktor Janukowitsch eine Vereinbarung, die eine Präsidentschaftswahl bis Ende des Jahres vorsieht. Das Parlament beschließt die Rückkehr zur Verfassung des Jahres 2004 mit weniger Rechten für den Staatschef.

Samstag, 22. Februar

Das Parlament enthebt Janukowitsch des Amtes und setzt für den 25. Mai eine vorgezogene Wahl an. Janukowitsch reist von Kiew in den Osten der Ukraine und taucht unter. Das Parlament wählt Alexander Turtschinow zu seinem Vorsitzenden. Zudem verfügen die Abgeordneten die sofortige Freilassung Julija Timoschenkos. Sie reist nach Kiew und ruft die Demonstranten auf dem Maidan zur Fortsetzung des Protests auf.

Sonntag, 23. Februar

Das Parlament wählt Turtschinow zum Übergangspräsidenten. Die USA und der Internationale Währungsfonds stellen Finanzhilfen in Aussicht.

Montag, 24. Februar

Die Übergangsregierung beziffert den Finanzbedarf der Ukraine auf 35 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Euro).

Dienstag, 25. Februar

In der Ukraine wird der nach Russland geflohene Janukowitsch wegen "Massenmords" gesucht. Boxweltmeister Vitali Klitschko erklärt seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl.

Mittwoch, 26. Februar

Der proeuropäische Politiker Arseni Jazenjuk wird vom Maidan-Rat als Chef der Übergangsregierung nominiert. Kiew beantragt einen internationalen Haftbefehl gegen Janukowitsch. Putin ordnet eine gewaltige Militärübung an der Grenze zur Ukraine an. Auf der Krim kommt es zu Auseinandersetzungen zwischen Anhängern und Gegnern der neuen Führung in Kiew.

Donnerstag, 27. Februar

Prorussische Milizionäre besetzen den Regierungssitz und das Parlament in der Krim-Hauptstadt Simferopol. Jazenjuk wird als Regierungschef vom Parlament bestätigt.

Freitag, 28. Februar

Bewaffnete in Uniformen ohne nationale Erkennungszeichen übernehmen die Kontrolle über zwei Flughäfen auf der Krim. Nach Angaben Kiews landen 2000 russische Soldaten auf einem Luftwaffenstützpunkt auf der Halbinsel. US-Präsident Barack Obama droht Moskau mit ernsten Konsequenzen, sollte die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine verletzt werden.

Samstag, 1. März

Das Oberhaus des russischen Parlaments stimmt Putins Antrag zur Entsendung von Truppen in die Ukraine zu. Kiew beschuldigt Russland, inzwischen 6000 Soldaten und 30 Panzerfahrzeuge auf die Halbinsel verlegt zu haben. Ein Referendum über den künftigen Status der autonomen Teilrepublik wird auf den 30. März vorverlegt. Die ukrainische Armee wird in Alarmbereitschaft versetzt.

Sonntag, 2. März

Die Ukraine mobilisiert alle Reservisten, Übergangsregierungschef Arseni Jazenjuk wirft Moskau eine "Kriegserklärung" vor. Prorussische Milizen setzen ukrainische Soldaten auf der Krim in ihren Kasernen fest. Der gerade ernannte ukrainische Marinechef läuft in das Lager der prorussischen Regionalregierung der Krim über.

Die G-7-Staaten legen die Vorbereitungen für den für Juni geplanten G-8-Gipfel in Sotschi auf Eis. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) wirft Putin am Telefonat einen Verstoß gegen das Völkerrecht vor. Putin akzeptiert Merkels Vorschlag zu einem Dialog mit einer "Kontaktgruppe".

Montag, 3. März

Nach Angaben des ukrainischen Grenzschutzes setzt Russland die Verlegung von Truppen auf die Krim ungebremst fort. Die USA verlangen die sofortige Entsendung von OSZE-Beobachtern. Russlands Börsen und der Rubel brechen ein. Die EU-Außenminister ringen in Brüssel um eine gemeinsame Position zu der Krise.

Dienstag, 4. März

Erstmals meldet sich Russlands Präsident zu Wort: Wladimir Putin sagt auf einer Pressekonferenz, momentan gebe es keine Notwendigkeit für einen militärischen Einsatz. Generell ausschließen will er eine Intervention aber nicht. Das Pentagon beendet die militärischen Kooperationen mit Moskau. Am Abend testet Russland eine Interkontinental-Rakete – die USA waren vorab informiert. Auf der Krim fallen bei einer Konfrontation am Luftwaffenstützpunkt Belbek die ersten Warnschüsse des Konflikts.



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