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Kriminalität: Die Körperfresser von Brooklyn

Von , New York

Ein makabrer Kriminalfall schockiert New York - und rückt eine obskure Schattenindustrie ins Licht der Öffentlichkeit. Totengräber sollen Hunderte Leichname vor dem Begräbnis ausgeweidet und Gewebe und Organe für Transplantationen verkauft haben. Jetzt bangen auch Biotech-Firmen um ihren Ruf.

New York - Die Totengräber kamen im kühlen Morgengrauen, begleitet von Detektiven des New York Police Departments (NYPD) und einer Abordnung des städtischen Obduktionsbüros. Mit Schaufeln und einem Bagger öffneten sie das Grab von Esfir Perelmuter, verstorben am 4. Februar 2003 im Alter von 82 Jahren. Sie hoben den Piniensarg aus der Grube, öffneten vorsichtig den morschen Deckel und begannen dann, Perelmuters Überreste zu untersuchen.

Autopsie / Obduktionsraum: Installationsrohre anstelle der Beine
AP

Autopsie / Obduktionsraum: Installationsrohre anstelle der Beine

Das, was die Gerichtsmediziner in Mrs. Perelmuters Sarg fanden, war nicht ganz das, was die Hinterbliebenen dort wähnten. Der Leichnam der Großmutter war nach Angaben aus Ermittlungskreisen in zwei Teile zerlegt, und unterhalb der Hüfte "fehlten die meisten Knochen". Anstelle der Beine sei ihre Kleidung mit Installationsrohren aus Plastik ausgestopft gewesen. Weitere Fragen ergaben sich alsdann bei Prüfung der Sterbeurkunde. Dort war als Alter nicht 82, sondern 65 Jahre angegeben und als Todesursache "Herzleiden", wo sie doch an einem Gehirntumor verstorben war.

Das Schauspiel, das sich auf dem Maple Grove Cemetery im New Yorker Stadtteil Queens zutrug, wirkte wie eine Episode der TV-Serie "CSI". Doch die Sache war Realität - und kein Einzelfall. Perelmuters Exhumierung, die erste von Dutzenden, die hier in den nächsten Wochen anstehen, ist Teil eines der bizarrsten Kriminalfälle, den die New Yorker je erlebt haben. Mehr noch: Sie wirft ein Schlaglicht auf eine kaum bekannte Schattenindustrie, in der viel Geld gemacht wird - mit Leichen und Leichenteilen.

Die Körperfresser kommen

Perelmuter war von einem Bestattungsinstitut in Brooklyn beigesetzt worden. Und auf das konzentrieren sich die Fahnder jetzt auch. Der Verdacht: In dessen Einbalsamierungsraum im ersten Stock sollen sich gruselige Dinge abgespielt haben.

Dort seien nämlich, so vermutet die Brooklyner Staatsanwaltschaft, Leichname aus Profitgier "ausgeweidet" worden. Ein Ring mutmaßlicher Schwarzmarkthändler habe Organe, Knochen und andere Körperteile "geerntet", um sie - ohne Erlaubnis der Angehörigen oder Prüfung auf potentiell tödliche Infektionen - für Transplantationen und andere Eingriffe zu verscherbeln. Das sei nicht nur bei den Bestattern der alten Frau Perelmuter geschehen, sondern in mindestens sechs weiteren Beerdigungsunternehmen. Rund tausend Leichen könnten betroffen sein - und Abertausende Transplantationsempfänger.

Offiziell hält sich die Staatsanwaltschaft bedeckt. Die Anwälte der Betroffenen haben Details des Falles jedoch inzwischen bestätigt. Weitere Einzelheiten enthüllte die Zeitung "Daily News". Das Blatt gab den Inkriminierten den Spitznamen "Body Snatchers", nach dem mehrfach verfilmten Horror-Kultroman "Invasion of the Body Snatchers" ("Die Körperfresser kommen").

Körperteile per Kurierpost

Der Schwarzhandel mit Leichenteilen soll den Hintermännern Millionensummen eingebracht haben, da die florierende - und ihrerseits durchaus legitime - Transplantationsindustrie ständig Nachschub brauche, schreibt das Blatt. Besonders gefragt seien Sehnen und Bänder für chirurgische Prozeduren, Knochen für Zahnersatz und orthopädische Rekonstruktionen, Haut, Herzklappen, Fettgewebe, Venen und Arterien.

Im Fadenkreuz der Ermittlungen steht der 43-jährige Unternehmer Michael Mastromarino, der einen Großteil der Prozeduren in Brooklyn eigenhändig durchgeführt haben soll - mit chirurgischem Werkzeug. Mastromarino war früher mal ein Prominentenzahnarzt in Manhattan. Ende 2000 wurde ihm jedoch die Lizenz entzogen, unter anderem wegen Kokain-Missbrauchs. Ein Jahr später gründete Mastromarino die Firma Biomedical Tissue Services (BTS) in New Jersey, die medizinische Großunternehmen mit Humangewebe beliefert.

Nach Recherchen der Justiz und der "Daily News" sowie bisherigen Ermittlungsakten sah Mastromarinos neues Geschäftsmodell so aus: Er habe noch in den Bestattungsinstituten - die 1000 Dollar pro Leiche bekommen hätten - Körperteile von Verstorbenen entfernt, sie mit PVC-Rohren ersetzt und die Toten dann wieder zugenäht, oft mit Hilfe der Leichenbeschauer. Seine Ausbeute habe er bei BTS auf Eis zwischengelagert und binnen 24 Stunden per Kurierpost an die Medizinunternehmen verschickt, inklusive gefälschter Dokumente.

100.000 Dollar für einen Leichnam

Mastromarinos Anwalt Mario Gallucci bestreitet nicht, dass sein Klient Tote "ausgewertet" habe. Daran sei nichts Gesetzwidriges. 1000 Dollar seien die Standardgebühr: 500 Dollar für die Nutzung der Räumlichkeiten, je 250 Dollar für An- und Abfuhr. "Wie wurden die Familien denn geschädigt?", fragt Gallucci. "Sie sollten froh sein, dass das Körpergewebe ihrer Lieben Menschen half, die noch leben."

Auch gegen einen Geschäftspartner Mastromarinos wird ermittelt. Den beschrieb die "Daily News" als vielseitigen Investor: "Er hält Anteile an Immobilien, Geflügel, Leichentransporten und Bestattungsinstituten."

So weit, so unappetitlich. Doch für die florierende Transplantationsindustrie ist der Fall gar nicht amüsant. Nur ein paar Konzerne beherrschen den schwunghaften US-Gewebemarkt, auf dem eine Unze Knochenstaub mehr kostet als eine Unze Gold und ein kompletter Leichnam angeblich einen Marktwert von 100.000 Dollar erzielen kann.

HIV, Hepatitis und Syphilis

Mindestens fünf Unternehmen sind nun in die Brooklyn-Affäre verwickelt - und müssen um ihren guten Ruf bangen. Mastromarino verkaufte Leichenteile im ganzen Land, etwa an die Biotech-Firmen Lifecell und Tutogen Medical in New Jersey sowie an Regeneration Technologies in Florida, die Lost Mountain Tissue Bank in Georgia und das Blood and Tissue Center im texanischen Austin.

Gezwungenermaßen nahmen die Firmen - die ein Mitwissen an den womöglich unlauteren Machenschaften weit von sich weisen - sofort alle Produkte, bei deren Herstellung Mastromarino-Material verwendet wurde, vom Markt und stellten sie unter Quarantäne. Tutogen rechnet mit einem Schaden von bis zu 1,5 Millionen Dollar, Regeneration Technologies sogar mit drei Millionen Dollar. "Sollten die Vorwürfe wahr sein", erklärte Lifecell-CEO Paul Thomas prophylaktisch, "sind wir angewidert."

Auch die US-Gesundheitsbehörde FDA und das Seuchenamt CDC haben sich eingeschaltet. Sie rieten Transplantationspatienten, die von "diesen fragwürdigen Vermittlern" versorgt worden sind, zu sofortigen Bluttests. Das Gewebe könnte mit HIV, Hepatitis, Syphilis oder anderen Viren verseucht sein, da nicht garantiert sei, dass es bei seiner Entnahme rein gewesen sei, und auch die Authentizität der Sterbedokumentation nicht verbürgt sei.

Wer ist wirklich in der Urne?

Es wäre nicht das erste Mal, dass etwas schief läuft im Geschäft mit menschlichem Gewebe. Im November 2001 starb ein 23-Jähriger in Minnesota, nachdem ihm infizierte Kniesehnen eingepflanzt worden waren. In Oregon erhielten im Oktober 2002 mehr als drei Dutzend Patienten Organspenden von einem Mann, der an Hepatitis-C litt. Einer der Empfänger starb, fünf weitere erkrankten.

In Brooklyn sind es vorerst aber die Hinterbliebenen der unfreiwilligen Spender, die am meisten leiden. "Ich weiß inzwischen gar nicht mehr, wer das in der Urne überhaupt ist", sagte Vito Bruno, dessen Vater Michael vor zwei Jahren von einem der verdächtigen Bestatter eingeäschert worden war, der "Daily News". Bruno soll einer der von Mastromarino & Co. ausgeplünderten Toten gewesen sein. Vito Bruno hat Mastromarino und das Beerdigungsinstitut jetzt auf Schadensersatz verklagt. Unterdessen gehen die Exhumierungen weiter. Auf dem Green-Wood Cemetery in Brooklyn hoben die Ermittlungsbeamten vorige Woche ein weiteres Grab aus. Auch hier sollen ganze Körperteile gefehlt haben. Der Leichnam wurde zwei Tage später erneut beigesetzt, unvollständig.

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