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Kriminalität: Mafia macht doppelt so viel Umsatz wie der Fiat-Konzern

Seit der Ermordung der prominenten Mafiajäger Giovanni Falcone und Paolo Borsellino geriet das Verbrechernetzwerk nur noch selten in die Schlagzeilen. Das geringe öffentliche Interesse hat die Geschäfte aber eher befördert. Allein in Italien macht die Mafia doppelt so viel Jahresumsatz wie der Fiat-Konzern.

Camorra-Opfer in Neapel: Geschäfte blühen wie eh und je
DPA

Camorra-Opfer in Neapel: Geschäfte blühen wie eh und je

Rom - Auf insgesamt rund 100 Milliarden Euro schätzt Oberstaatsanwalt Piero Luigi Vigna den Umsatz der Verbrecher-Syndikate. Die organisierte Kriminalität sei damit zum größten Unternehmen des Landes aufgestiegen. Die Umsätze lägen noch wesentlich höher, wenn man neben der traditionellen italienischen Mafia wie Cosa Nostra auf Sizilien und Camorra in Neapel auch noch die Geschäfte etwa der Russenmafia und der albanischen Mafia mitzählen würde, sagte der Mafia-Fahnder.

Die wichtigsten Geschäftszweige der Bosse seien nach wie vor Drogenhandel (59 Milliarden Euro Jahresumsatz) sowie Erpressung und Schutzgelder (14 Milliarden). Mit größerem Abstand folgten die Einnahmen durch Prostitution und Waffenhandel.

Die römische Zeitung "La Repubblica" veröffentlicht jetzt eine genaue Tarifliste: Danach bezahlen selbst kleine Ladenbesitzer 500 bis 1000 Euro pro Quartal, bessere Geschäfte wie etwa Juweliere müssen 3000 Euro abgeben, Supermärkte oder Kaufhäuser 5000 Euro. Ausgenommen seien Geschäftsleute, die Verwandte im Gefängnis haben, einen Trauerfall in der Familie - oder einen Polizeibeamten oder Carabinieri unter den Verwandten.

In ganz Italien würden derzeit 160.000 Unternehmen und Geschäfte erpresst, schreibt die Zeitung weiter - das sind gut drei Mal so viel wie vor 20 Jahren; die Einnahmen hätten sich dagegen verzehnfacht.

Um Schutzgeld einzutreiben, hat es die Cosa Nostra längst nicht mehr nötig, Gewalt anzuwenden. Jeder in Sizilien weiß: Widerstand ist tödlich, Zahlen schafft Sicherheit. Wer sich weigert, stirbt.

Grafik: Die Regeln der Mafia
DER SPIEGEL

Grafik: Die Regeln der Mafia

"Die Mafia, die nicht mehr schießt", heißt auch der Titel einer TV-Sendung, die zurzeit für erheblichen Wirbel in Italien sorgt. Nicht zuletzt Parteifreunde des italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi, dessen enger politischer Vertrauter erst kürzlich zu neun Jahren Haft wegen Mafia-Verstrickungen verurteilt wurde, wettern gegen die Enthüllungen.

Während Neapel derzeit vom blutigsten Bandenkrieg seit Jahrzehnten erschüttert wird, haben Politiker in Palermo in den vergangenen Jahren gerne die schöne Illusion entstehen lassen, die Cosa Nostra sei weitgehend besiegt. Dabei bestimmt sie das Leben auf Sizilien immer mehr.

Besonders Besorgnis erregend sei das zunehmende Vordringen der Paten in das ganz normale Wirtschaftsleben. In einigen Regionen Süditaliens habe die Mafia bereits eine derart Markt beherrschende Stellung, dass sie bei bestimmten Warengruppen bestimmen könne, welche Marken auf den Markt kommen und welche nicht. "Wenn die Wirtschaft in die Hände von Kriminellen fällt, dann gibt es weder Wachstum noch Demokratie", warnte Vigna.

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